Neue Antibiotika: Pharmakonzerne ziehen sich aus Forschung zurück

  • Die Gefahr durch multiresistente Keime nimmt weltweit zu.
  • Um das Problem in den Griff zu bekommen, müssen neue Antibiotika entwickelt werden.
  • Viele Pharmakonzerne stellen die Forschung in neue Medikamente jedoch aus wirtschaftlichen Interessen ein.
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Hamburg. Jedes Jahr sterben Hunderttausende Menschen an den Folgen einer Infektion mit multiresistenten Keimen. Allein in der EU sind es 33.000 Tote pro Jahr. Um die Verbreitung einzudämmen, braucht es Antibiotika. Doch die müssen ständig weiterentwickelt werden, um den resistenten Bakterien beizukommen.

Wie Recherchen des "NDR" jetzt bestätigen, ziehen sich immer mehr Pharmaunternehmen aus der Forschung an neuen Antibiotika zurück. Demnach würden mittlerweile nur noch vier der 25 größten Unternehmen der Welt an der Entwicklung neuer Medikamente arbeiten. Zuletzt ließ jetzt der weltweite Branchenriese Johnson & Johnson wissen, dass sich bei ihm "keine weiteren Antibiotika in der Entwicklung" befänden.

Die Pharmakonzerne begründen den Rückzug mit der mangelnden Profitabilität von Antibiotika. Als deutlich lukrativer gelten dagegen Krebsmedikamente oder Mittel gegen chronische Krankheiten. Kritiker sprechen von einer verantwortungslosen Haltung der Pharmaindustrie. Die wiederum weist die Schuld von sich und betont, dass es zurzeit keinen Markt für Antibiotika gebe.

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Fast die Hälfte der Firmen hat Forschung eingestellt

Laut dem NDR sei rund die Hälfte der Firmen, die nun aus der Forschung zu neuen Antibiotika ausgestiegen sind, Mitglied in der "Industrie-Allianz" ("AMR Industry Alliance") des Internationalen Pharmaverbands (IFPMA). Die Allianz wurde 2016 mit dem Ziel gegründet, Antibiotikaresistenzen zu bekämpfen. Rund 100 Unternehmen setzten ihre Unterschrift damals unter eine gemeinsame Erklärung.

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Drei Jahre später haben sich nach NDR-Informationen jedoch immer mehr Unterzeichner, darunter auch kleine und mittelständische Unternehmen, aus der Antibiotikaforschung verabschiedet. Für sie würde es immer schwieriger, die teure Forschung zu betreiben, da sie kaum noch Investoren finden. Für die Entwicklung müssten mehrere 100 Millionen Euro aufgebracht werden. Hinzu kommen laut NDR auch noch Ausgaben für Herstellung, Vertrieb und Vermarktung. Vor allem kleine Unternehmen könnten diese Kosten nicht alleine stemmen.

Wirtschaftliche Interessen werden vorangestellt

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Als Grund für den Rückzug der Pharmaindustrie aus der Antibiotikaforschung nennt der NDR "wirtschaftliche Erwägungen". So würden Antibiotika nur über einen geringen Zeitraum eingesetzt und neue Medikamente als Reserve so lange zurückgehalten, bis die "herkömmlichen Antibiotika nicht mehr anschlagen". Die Tatsache, dass neue Entwicklungen sehr teuer und aufgrund der Resistenzen schnell überholt sind, erschwert die Investition in Antibiotikaforschung aus Sicht der Pharmakonzerne zusätzlich.

Kein Markt für Antibiotika

Die Pharmaindustrie weist die Kritik an ihrem Rückzug deshalb weit von sich. Im Interview mit der NDR-Sendung Panorama verweist Thomas Cueni, Generaldirektor des IFPMA und Vorsitzender der "Industrie-Allianz", dass es zurzeit einfach keinen Markt für Antibiotika gebe. Er sei sich jedoch des Imageschadens für die Pharmaindustrie bewusst.

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Deutliche Kritik gibt es von der Weltgesundheitsorganisation WHO. Deren unabhängige Beraterin zur Entwicklung von Antibiotika, Ursula Theuretzbacher, wirft den großen Pharmakonzernen im Panorama-Interview Verantwortungslosigkeit vor. Zudem weist sie darauf hin, dass die aus Unternehmenssicht lukrativen Krebsmedikamente ohnehin nur eingesetzt würden, wenn es wirksame Antibiotika gebe. Letztlich schneidet sich die Industrie mit ihrer Haltung also ins eigene Fleisch.

Was sind Antibiotikaresistenzen?

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Laut der Wissenschaftlerin Birgit Manno vom Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung (HZI) in Braunschweig gehört es zur Natur der Dinge, dass Bakterien Resistenzen gegenüber Antibiotika aufbauen. Schließlich hätten Bakterien, die "unempfindlich gegen antimikrobielle Substanzen sind[,] einen Überlebensvorteil gegenüber denen, die empfindlich darauf reagieren". Diese wären folglich "in ihrer Vermehrung begünstigt". Allerdings zählt der übermäßige Einsatz von Antibiotika sowohl in der Humanmedizin als auch in der Massentierhaltung zu den größten Verursachern von Antibiotikaresistenzen.

Resistenzen können auf verschiedene Art und Weise entstehen. Neben Mutationen können Bakterien Resistenzgene untereinander weitergeben oder Viren können diese Gene übertragen. Das hat zur Folge, dass ein Bakterium gleich gegen mehrere Antibiotika Resistenzen aufbauen kann. Das Ergebnis sind multiresistente Keime, die die Medizin vor große Probleme stellen.

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Multiresistente Keime sind globale Bedrohung

Einst galten Antibiotika als Wunderwaffen der Medizin. Durch die neue Bedrohungslage sind sie aber auch eines der größten medizinischen Probleme des Jahrhunderts geworden. "Je mehr Antibiotika ihre Wirkung verlieren, desto stärker stehen die Errungenschaften der modernen Medizin auf dem Spiel", sagt Manno. "Neue Antibiotika und alternative antimikrobielle Medikamente" würden deshalb dringend benötigt. Welche Folgen eine Nachlässigkeit haben könnte, konkretisiert der wissenschaftliche Leiter des HZI, Dirk Heinz: "Wenn es keine neuen Wirkstoffe mehr gibt, wenn sich am Einsatz von Antibiotika und in der Hygiene nichts ändert, wird sich die Zahl der Toten durch multiresistente Keime wohl auch in Deutschland drastisch erhöhen."

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Die Entwicklung neuer Medikamente dauert in der Regel mindestens zehn bis 15 Jahre. Neben dem Klimawandel gelten Antibiotikaresistenzen als eine der größten Bedrohung für die Menschheit. Die Vereinten Nationen warnen, dass bis 2050 zehn Millionen Menschen pro Jahr an den Folgen einer Infektion durch multiresistente Keime sterben könnten.

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