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Langeweile, Angst, Einsamkeit: Was uns negative Gefühle in der Corona-Pandemie sagen wollen – und wofür wir sie nutzen können

  • In der Corona-Pandemie begleiten Gefühle wie Angst oder Langeweile viele Menschen nahezu täglich.
  • Sie werden als negativ und unangenehm empfunden – jedoch erfüllen sie wichtige Funktionen, sagt Autorin und Coachin Cordula Nussbaum.
  • Daher lohnt es sich, die so belastenden Emotionen genauer unter die Lupe zu nehmen – und zu erfahren, was wir aus ihnen lernen können.
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Seit über einem Jahr beschäftigt die Corona-Pandemie Menschen weltweit täglich. Von heute auf morgen, so fühlte es sich beim ersten Lockdown in Deutschland im März 2020 an, wurde das Leben von allen durch das gefährliche Virus auf den Kopf gestellt. In dieser langen Zeit mit Corona haben viele Menschen ihren Job verloren oder konnten ihre Liebsten zum Schutz vor einer Infektion nicht besuchen. Die Zulassungen der Impfstoffe und zeitweise niedrigere Infektionszahlen haben einen Hoffnungsschimmer gegeben, doch für viele Menschen überwogen die negativen Gefühle, die sie teilweise schon über Monate begleiten. „Die Gefühle hängen stark davon ab, wie sehr ich von dem Pandemiegeschehen betroffen bin und wie nahe mir der Umstand ist“, sagt Autorin und Coachin Cordula Nussbaum.

Wer Angst gegen Freude oder Langeweile gegen Spannung eintauschen könnte, würde vermutlich nicht lange zögern. Denn belastende Gefühle können in der Krise förmlich überhand nehmen. „Gefühle lösen körperliche Reaktionen aus. Das kann man sich wie eine Kette vorstellen: Man nimmt etwas wahr, das erzeugt ein Gefühl, was wiederum eine körperliche Befindlichkeit erzeugt“, sagt Nussbaum. So unangenehm solche Gefühle auch sein mögen: Einfach wegwünschen kann man sie nicht. Und gegen diese Gefühle krampfhaft anzukämpfen ist auch nicht der richtige Weg. „Wichtig ist, dass wir uns negative Gefühle zugestehen. Wir müssen nicht immer funktionieren oder uns einreden, dass alles gut ist“, betont die Expertin. So lohnt es sich, die so belastenden Emotionen genauer unter die Lupe zu nehmen – und zu erfahren, was wir aus ihnen lernen können.

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Langeweile als Chance: Kindliche Kreativität wiederentdecken

Bett, Schreibtisch, Couch und wieder Bett: In Zeiten von Homeoffice ist der Alltag für viele Menschen sehr monoton geworden. Und auch das Wochenende hat aktuell nicht viel zu bieten. Langeweile kann die Folge sein – ein unangenehmes Gefühl. „Langeweile konfrontiert uns schnell mit uns selbst – das ist für manche Menschen eine nicht so schöne Begegnung“, betont Nussbaum. Denn durch die vielen Ablenkungen im Alltag vor Corona-Zeiten sei man dies nicht mehr gewöhnt. Wer gelangweilt ist, würde auch deshalb alles tun, um sich wieder spannenden Aktivitäten zu widmen. Nur gelingt das einigen Menschen nicht so gut – vor allem in der Corona-Krise. „Normalerweise wird man zugeschüttet mit Events, Freunden, Treffen – wir haben viele hedonistische Glückssituationen, also schnelle Glückskicks. Diese fallen in der Pandemie weg“, erklärt Nussbaum.

Cordula Nussbaum ist Coachin, Rednerin und Autorin, unter anderem von „Meine Glüxx-Factory.de – So mache ich mich einfach glücklich!“ © Quelle: R. Fastner
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Während einige verstärkt mit Langweile zu kämpfen haben, gelingt es anderen, sich selbst zu beschäftigen. Sie können sich die besagten „Glückskicks“ selbst beschaffen. Grund ist, so Nussbaum, dass sie sich im Gegensatz zu oft gelangweilten Menschen weniger von äußeren Einflüssen abhängig gemacht haben. Den Ursprung dieser Abhängigkeit findet man häufig in der Kindheit: „Uns wird im Laufe der Zeit beigebracht, uns selbst nicht mehr beschäftigen zu können – zum Beispiel, wenn man als Kind vor dem Fernseher geparkt wird“, sagt Nussbaum.

Die große Aufgabe für gelangweilte Menschen ist es also, sich mit sich selbst beschäftigen und selber einen Weg aus der Langeweile zu finden. Das erweist sich jedoch als schwierig, wenn man es gewohnt ist, sich von äußeren Einflüssen abzulenken. Gerade das kann laut Nussbaum aber als Anreiz gesehen werden, wieder aktiv zu werden: „In der Langeweile liegt die Chance, wieder kreativ zu werden und immer wieder Dinge zu entdecken. Sie kann uns motivieren“, betont sie. Hier lohnt sich ein Blick in die Kindheit, um diese Kreativität wiederzuentdecken: „Kinder kennen keine Langeweile: Für sie ist alles spannend“, sagt die Expertin.

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Angst: Ein unangenehmes, aber wichtiges Gefühl

Auch Angst ist ein Gefühl, dem die meisten Menschen zunächst keinen positiven Nutzen zuschreiben würden. Sie ist eines der sechs Grundgefühle und wird in der Pandemie unter anderem bei Menschen mit finanzieller Unsicherheit oder bei Risikopatienten verstärkt ausgelöst. Nicht selten kommt es dabei zu Kettenreaktionen: „Die eigene Befindlichkeit nimmt sozusagen automatisch das Verhalten der Menschen um mich herum an: Wenn viele ängstlich sind und Vorsicht schreien, färbt das ab“, sagt Nussbaum. Soziale Medien zählen für sie zu den Haupttreibern von Angst und Panik, da Menschen dort vom Algorithmus vorselektierte Postings erhielten und so in einen verfärbten Wahrnehmungsfilter gerieten.

Nussbaum betont jedoch, dass das Gefühl für den Menschen sehr wichtig ist: „Angst ist ein unangenehmes Gefühl, hat aber viele wichtige und positive Aspekte: Bei Gefahren sind wir fokussierter und konzentrierter.“ Das war in der Evolution betrachtet schon immer ein Vorteil: Beispielsweise, wenn unsere Vorfahren einem Bären oder Säbelzahntiger gegenüberstanden. In heutiger Zeit geht die Angst aber nicht immer von einer akuten Gefahr aus – und wird zu einem dauerhaften Begleiter, gegen den man etwas unternehmen muss. „Wenn wir Selbstwirksamkeit erleben, dann kann das helfen, Ängste zu lindern. Zunächst sollte man sich genauer klarmachen, wovor man Angst hat – ist es die Angst um die Zukunft, Gesundheit oder die Kinder?“, sagt Nussbaum. Durch Selbstwirksamkeit, also der Überzeugung, auch schwierige Probleme und Herausforderungen selbst bewältigen zu können, sei die Angst besser zu greifen. Dann könne man mit einem Blick in die Vergangenheit schauen, wie man vorher mit ähnlichen Krisen umgegangen ist.

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Negativspirale Niedergeschlagenheit: Wenn der Alltag schwerfällt

Die Corona-Pandemie und der Lockdown drücken auf die Stimmung. Viele Menschen berichten von Niedergeschlagenheit, ein eher diffuser Begriff, der sich laut Nussbaum am besten anhand des Namens beschreiben lässt: „Es ist so, als würde dir einer ins Gesicht hauen: Du gehst zu Boden und nimmst alles nicht mehr so richtig wahr“, sagt sie. Je länger Menschen mit diesem Gefühl leben, desto resignierter sind sie. Dann fällt es selbst schwer, den Alltagsaktivitäten nachzukommen. „In dieser Niedergeschlagenheit haben sich manche schon über längere Zeit eingerichtet. Wenn ich sie aber erkenne, kann ich versuchen, wieder Glückssituationen zu schaffen“, betont die Expertin. Einen lustigen Film zu schauen oder Bewegung im Freien seien beispielsweise gute Mittel, aus dieser Negativspirale herauszukommen. Auch Gespräche mit positiven Menschen könnten helfen. „Die beste Medizin gegen Niedergeschlagenheit ist Lachen. Das ist natürlich schwierig, weil den Menschen aktuell nicht nach Lachen ist“, sagt sie.

Frust: Das Gefühl der Ohnmacht

Auch nach über einem Jahr in der Pandemie ist noch kein Ende in Sicht. Daher macht sich zunehmend in der Bevölkerung Frust breit. „Hinter Frust steht eigentlich das Gefühl der Ohnmacht. In Corona-Zeiten fühlen sich Menschen sehr oft der Pandemie hilflos ausgeliefert, weil sie vieles nicht in der Hand haben“, betont Nussbaum. Denn der Mensch sei ein Gestalter und wolle Macht über das haben, was passiert. Wie bei der Niedergeschlagenheit besteht bei frustrierten Menschen die Gefahr, sich in diesem Gefühl zu verlieren. „Diese Ohnmacht zwingt uns in die Passivität. Wenn wir diesem Gefühl zu stark folgen, besteht die Gefahr, dass wir uns zu sehr in eine Negativspirale reißen lassen“, sagt Nussbaum. Ein probates Mittel gegen Frust und Ohnmacht sei, mehr Selbstgestaltung ins Leben zu bringen. Wenn man beispielsweise über den coronabedingt geplatzten Sommerurlaub in der Karibik frustriert ist, helfe es, nach Alternativen zu schauen – beispielsweise Reisen innerhalb von Deutschland.

Expertin Nussbaum: „Einsamkeit macht krank – auch körperlich“

Ein weiteres in Corona-Zeiten sehr präsentes Gefühl ist das der Einsamkeit. Wegen der Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie konnten beispielsweise Senioren im Pflegeheim nicht von Angehörigen besucht werden. Auch Menschen, die vor der Krise sehr gesellig waren und während des Lockdowns Kontakt zu anderen haben, können sich einsam fühlen. „Das Grundphänomen bei der Einsamkeit ist, dass wir Menschen soziale Wesen sind und ganz dringend andere Menschen brauchen, um existieren zu können. Wir haben ein Grundbedürfnis nach Zugehörigkeit“, erklärt Nussbaum.

Dieses Bedürfnis geht schon auf unsere Vorfahren zurück: Um zu überleben, musste man Teil einer Gemeinschaft sein. Wurde man ausgeschlossen, so entsprach dies einem Todesurteil – denn in der Wildnis allein zu überleben war kaum möglich. Dieses Bedürfnis lässt sich aber auch in einer leeren Wohnung nicht erfüllen. Das kann schwere Folgen haben: „Einsamkeit macht krank – auch körperlich. Deswegen ist der Begriff Social Distancing auch problematisch: Körperlich ist es richtig, Abstand zu halten, aber wenn man sozial abschottet wird, geht man ein“, betont Nussbaum. Gegen das Gefühl des Verloren- und Verlassenseins muss daher auch in Zeiten der Pandemie etwas getan werden – beispielsweise, indem man wenigstens über Videochat regelmäßig Kontakte zu anderen Menschen hat.

Hilfe bei psychischen Krisen

In der Corona-Pandemie ist die psychische Belastung für viele Menschen groß. Wenn Sie sich in einer seelischen Krise befinden oder gar Suizidgedanken haben, dann wenden Sie sich bitte an folgende Rufnummern:

Telefonhotline (kostenfrei, 24 h), auch Auskunft über lokale Hilfsdienste:

(0800) 111 0 111 (ev.)

(0800) 111 0 222 (r.-k.)

(0800) 111 0 333 (für Kinder / Jugendliche)

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