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Nathalie Stüben über ihren Weg aus der Alkoholsucht: „Es gab nicht den einen großen Knall“

  • Heute empfinde sie es als befreiend, ohne Alkohol zu leben, sagt Nathalie Stüben.
  • Im RND-Interview erzählt die 36-Jährige, wie sie es geschafft hat, nicht mehr trinken zu wollen bis zum Umfallen.
  • Sie kritisiert: Die Gesellschaft verlange, dass man sich für die eigene Nüchternheit rechtfertigen muss.
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Nathalie Stüben trinkt inzwischen keinen Tropfen Alkohol mehr. Anhand ihrer eigenen Geschichte räumt die Journalistin in ihrem Buch „Ohne Alkohol. Die beste Entscheidung meines Lebens“ mit Irrtümern zum Thema Alkoholabhängigkeit auf, die sie in die Sucht getrieben – und wie sie sagt – auch länger darin gehalten haben. Im RND-Gespräch betont die 36-Jährige: Das Problem sei viel größer, als es die wenigen Menschen, die irgendwann in der Klinik landen, erahnen lassen.

Frau Stüben, in Ihrem neuen Buch schildern Sie, dass es ein Irrtum war zu glauben, ein Leben ohne Alkohol bedeute Verzicht. Wie ist das gemeint?

Bevor ich mit dem Alkohol Schluss gemacht habe, hat sich das zu Beginn wie ein riesengroßer Verzicht angefühlt. Immerhin hatte ich mir meinen Alltag komplett um diese Droge herum aufgebaut. Mein Hirn war komplett auf Alkohol programmiert. Heute empfinde ich es als befreiend, ohne Alkohol zu leben. Ich habe früher so viel Energie damit verschwendet, ‚normal‘ oder ‚kontrolliert‘ trinken zu wollen.

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Nathalie Stüben startete 2019 ihren eigenen Podcast „Ohne Alkohol mit Nathalie“. © Quelle: Nathalie Stüben

Und jetzt?

Jetzt muss ich mir keine Gedanken mehr darüber machen, ob aus einem Glas Wein mehrere Flaschen werden und ich wieder mit irgendjemandem abstürze. Ich muss mich auch nicht mehr mit Kopfschmerzen und Übelkeit durch den Tag schleppen. Ich muss keine leeren Flaschen mehr verstecken. Ich muss mir auch keine Ausreden mehr ausdenken, wenn ich eine Verabredung absage, weil ich verkatert im Bett liege und mich nicht aufraffen kann. Das ist wie ein neues Leben.

Wann war Ihnen klar, dass der Alkohol Ihr Leben dominiert?

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Es gab nicht den einen großen Knall. Ich hatte immer wieder kurze Momente, in denen mir klar war, dass ich ein Problem habe. Diese innere Stimme habe ich aber relativ schnell wieder stumm geschaltet. Mit Argumenten wie: Ich trinke doch nicht täglich, andere trinken noch viel mehr, ich mache beruflich ja noch Karriere, dann kann es doch nicht so schlimm sein. Irgendwann, als ich alle zwei bis drei Tage Hardcore-Abstürze hatte, kam dann der Morgen, der einer zu viel war. Da wusste ich: Ich gehe jetzt diesen Schritt und höre ganz auf zu trinken.

Wie sind Sie dann vorgegangen?

Es kam mir damals nicht in den Sinn, mich an eine Suchtberatungsstelle zu wenden. Ich habe mich vom Suchthilfesystem nicht angesprochen gefühlt. Also habe ich Bücher zum Thema gelesen. Auch US-amerikanische Podcasts haben mir total geholfen. Da haben ganz normale Leute in ganz normaler Sprache über ihre Abhängigkeit gesprochen. Auch Frauen. Da habe ich erst begriffen, dass ich nicht die Einzige bin, die zu kämpfen hat. Das hat mir sehr geholfen. Aber jeder und jede tickt anders. Man sollte verschiedene Sachen ausprobieren, um herauszufinden, was am besten zur eigenen Persönlichkeit passt. Die eine geht zu einem Schamanen, der andere zu den Anonymen Alkoholikern, der Nächste in die Klinik.

War es wichtig für Sie, nach Gründen für die Abhängigkeit zu suchen?

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Ja, das war wichtig. Aber noch wichtiger war es mir, mich um die Gegenwart zu kümmern. Sonst besteht meiner Meinung nach auch oft die Gefahr, in der Vergangenheit hängen zu bleiben. Ich bin Fan davon, sich erst mal darum zu kümmern, was hier und jetzt helfen kann. Wie ich hier und jetzt nüchtern werden kann. Wenn man sich damit stabil fühlt, kann man nach und nach die nächsten Baustellen angehen. Zum Beispiel ein eventuelles Trauma. Dann bringen auch die Psychotherapien etwas. Solange man noch trinkt, können sie ja gar nicht richtig anschlagen.

Ich habe dann bei mir allerdings festgestellt: Da ist kein Trauma. Klar, ich habe mich mal mit meinen Eltern gestritten. Aber insgesamt habe ich mich früher wohl und sicher gefühlt. Mir hat da mehr die biomedizinische Sichtweise geholfen. Also kurz gefasst, dass Alkohol eine Droge ist, die mein Hirn manipuliert und verändert – bis hin zur Abhängigkeit. Es hat mich beruhigt, zu hören: Das Problem ist die Droge, nicht ich als Person. Da musste ich mich nicht mehr schuldig fühlen und schämen – und konnte besser damit aufhören, zu trinken.

Nathalie Stüben: „Ohne Alkohol: Die beste Entscheidung meines Lebens: Erkenntnisse, die ich gern früher gehabt hätte“. Kailash Verlag. 192 Seiten, 16 Euro. © Quelle: Kailash Verlag

Sie schreiben, dass Sie erlebt haben, dass durch Alkohol das, was menschlich macht, verkommt.

Ja, Alkohol greift nicht nur den Körper an, auf Dauer verändert er auch das Wesen der Menschen. Ich bin zum Beispiel reizbar und empfindlich geworden – gleichzeitig aber hart und mit immer weniger Mitgefühl für meine Mitmenschen. Viele verlieren die Verbindung zu den Menschen, die sie am allermeisten lieben, ziehen sich zurück, sind überzeugt davon, niemand verstehe sie so richtig. Manche können kaum erwarten, dass die Kinder abends im Bett sind, um endlich trinken zu können.

Das ist das Gemeine am Alkohol. Er gaukelt uns vor, die Verbindung zu anderen Menschen besser herstellen zu können. Eigentlich führt der Konsum aber dazu, dass wir uns voneinander entfernen. Irgendwann hat man den Eindruck, nur noch ungerecht behandelt zu werden, wird schwermütig und depressiv.

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Ist es für Sie heutzutage noch herausfordernd, das Glas Wein nicht anzurühren?

Nein, das habe ich hinter mir. In meinem Umfeld ist es auch kein Thema mehr, dass ich nichts trinke. Und ich wünsche mir sehr, dass das anderen bald auch so geht. Dass sie sich nicht rechtfertigen müssen für ihre Nüchternheit. Dass ein Leben ohne Alkohol so normal wird, dass das keiner weiteren Erklärung bedarf. Da stehen wir in Deutschland allerdings noch am Anfang. In den Startlöchern zwar, aber am Anfang.

Ein Rausch ab und an, vor allem in jungen Jahren, ist in unserer Gesellschaft weitgehend akzeptiert. Glauben Sie, dass da schon die Weichen für die Abhängigkeit gestellt werden können?

Ich erinnere mich gut daran, wie ich als 15-Jährige mit Freundinnen meine Filmrisse abgefeiert habe. Trinken bis zum Umfallen, das fanden wir megawitzig. Erst Jahre später hat mir ein Arzt erklärt: So ein Filmriss ist nichts anderes als eine Hirnvergiftung. Natürlich führt nicht jeder Filmriss direkt zu einer Abhängigkeit. Aber das kann natürlich der Einstieg sein. Für mich sind das rückblickend betrachtet riesengroße Alarmzeichen. Aber mir war die Gefahr als Jugendliche überhaupt nicht klar. Meinem Umfeld auch nicht.

Wo fängt problematischer Alkoholkonsum an?

Zitternde Hände, vor den Trümmern der eigenen Existenz stehen, gar keine Kontrolle mehr über das eigene Leben haben – das ist das Bild, dass uns zu alkoholabhängigen Menschen einfällt. Dabei steht es für die absolute Minderheit der Betroffenen. Die Mehrheit sieht aus wie ich damals. Dieses Extrem ist jedoch so präsent, dass wir übersehen, wie viel auch vor diesem Stadium schon problematisch ist.

Woran erkennt man das?

Spätestens wenn man googelt, ob man vielleicht zu viel Alkohol trinkt, sollten die Alarmglocken angehen. Um sich selbst auf den Prüfstand zu stellen, kann es auch helfen, sich ein paar Dinge zu fragen. Trinke ich immer wieder, obwohl ich mir vorgenommen habe, es nicht zu tun? Oder trinke ich immer wieder mehr, als ich wollte? Machen mir Freizeitaktivitäten ohne Alkohol noch Spaß? Bereue ich regelmäßig, wie das gestern mit dem Alkohol schon wieder gelaufen ist? Oder trinke ich, um etwas zu erreichen? Um abzuschalten? Um mich nicht so leer zu fühlen? Um besser einschlafen zu können? Sobald Alkohol gezielt eingesetzt wird, um zu verändern, wie wir uns fühlen, bewegt man sich weg vom Genuss, rein in einen kritischen Bereich.

Glauben Sie, dass es helfen kann, wenn enge Freunde oder Verwandte ihre Sorgen äußern?

Ja, es kann helfen, so etwas anzusprechen. Es kann ein Wegweiser sein. Mit Zwang erreicht man allerdings wenig. Die Entscheidung, aufzuhören, muss derjenige oder diejenige selbst treffen. Aber Ansprechen und den Rücken stärken halte ich für sinnvoll. Also sagen, dass man das Gefühl hat, der Alkoholkonsum geht in eine problematische Richtung. Und gleichzeitig betonen: Wenn du das ändern möchtest, bin ich da. Um zum Beispiel gemeinsam spazieren zu gehen, etwas zu kochen, coole Sachen zu unternehmen – und das natürlich nüchtern.

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