Virusmutation breitet sich weiter aus – Ist das gefährlich oder nicht?

  • Die neue Variante des Coronavirus wird in immer mehr Ländern entdeckt.
  • Auch in Deutschland wurde der Erreger nun bereits nachgewiesen. Aber wie gefährlich ist er wirklich?
  • Wir beantworten diese und weitere wichtige Fragen zum Thema.
Anzeige
Anzeige

Zunächst wurde die neue Variante des Coronavirus nur in Großbritannien nachgewiesen. Mittlerweile taucht sie auch in anderen Ländern auf. Doch um was für eine Mutation handelt es sich – und wie gefährlich ist sie? Die wichtigsten Fragen und Antworten zum Thema.

Um was für eine neue Variante des Virus handelt es sich überhaupt?

Erstmals nachgewiesen wurde der neue Virusstamm B.1.1.7. am 20. und 21. September 2020 in Proben aus Südengland und London. Ungewöhnlich ist, dass die neue Virusvariante nicht nur einzelne, sondern zahlreiche Mutationen aufweist. Forschern der University of Edinburgh zufolge unterscheidet sich der neue Stamm durch 14 ausgetauschte Aminosäuren und drei komplett weggefallene Proteinbausteine vom ursprünglichen Virus SARS-CoV-2.

Weiterlesen nach der Anzeige
Anzeige

Dabei sollen mehrere genetische Veränderungen das Spike-Protein betreffen, das auf der Oberfläche des Virus sitzt und ihm sein stacheliges Aussehen verleiht. Mithilfe des Spike-Proteins kann das Virus an die Zellen des menschlichen Körpers andocken und in sie eindringen. Mutationen könnten das Eindringen in die Zellen womöglich erleichtern.

In welchen Ländern ist das Virus bisher schon aufgetaucht?

Infektionen mit der neuen Virusvariante hat es außerhalb Großbritanniens auch in Island, Dänemark, den Niederlanden, Deutschland (s.u.) und Schweden gegeben sowie in Japan, Kanada, Indien und den USA. In mehreren, aber nicht in allen Fällen waren die Infizierten aus Großbritannien in diese Länder eingereist. Es ist also davon auszugehen, dass sich schon innerhalb der anderen Länder Menschen untereinander angesteckt haben.

In Südafrika war ebenfalls eine neue Variante des Coronavirus entdeckt worden, die aber nicht mit der in Großbritannien identisch zu sein scheint.

Wird sich die neue Variante auch in Deutschland ausbreiten?

In Deutschland wurden bisher erst zwei Infektionen mit der neuen Variante des Virus bestätigt. So war eine Frau, die am 20. Dezember aus Großbritannien nach Baden-Württemberg einreiste, mit der mutierten Variante B.1.1.7 infiziert. Zudem wurde durch eine nachträgliche Untersuchung von Proben festgestellt, dass eine Familie aus Niedersachsen bereits im November an der neuen Variante erkrankt war. Die Tochter soll sich in Großbritannien infiziert haben und ihre Eltern hatten sich bei ihr angesteckt. Der Vater der Familie ist inzwischen verstorben. Weitere Ansteckungen im Umfeld der Familie sollen nicht festgestellt worden sein.

Der Virologe Christian Drosten hält eine rasante Verbreitung der neuen Coronavirus-Variante in Deutschland für wenig wahrscheinlich. “Ich glaube nicht, dass wir da bald ein größeres Problem kriegen”, hatte Drosten in der vergangenen Woche gesagt. Es sei zwar recht wahrscheinlich, dass das veränderte Virus mit der Bezeichnung B.1.1.7. mittlerweile auch in Deutschland angekommen sei: “Aber bei den aktuellen Beschränkungen dürfte diese Variante hierzulande eher schwer Fuß fassen.” Darauf deuteten Daten hin, die die britische Gesundheitsbehörde Public Health England (PHE) veröffentlicht hat. Das RKI wird die in Deutschland zirkulierende SARS-CoV-2-Varianten weiter beobachten und analysieren.

Wie sind die Mutationen entstanden?

Dass Viren zufällig mutieren ist ein relativ normaler Vorgang und kommt ständig vor. Unterschiedliche Varianten von SARS-CoV-2 hat es auch schon vorher gegeben. Bei dem neuen Virusstamm haben Wissenschaftler der University of Edinburgh eine Vermutung dazu, wie er entstanden sein könnte.

Ihrer Theorie zufolge könnten Menschen mit geschwächtem Immunsystem über einen längeren Zeitraum hinweg mit Coronaviren infiziert gewesen sein, die sich bereits in einigen genetischen Merkmalen unterschieden. Nach einer Antikörpertherapie könnten dann die besonders vermehrungsstarken Viren überdauert haben und an andere Menschen weitergegeben worden sein. Belegt ist diese Hypothese aber noch nicht.

Ist das veränderte Virus ansteckender als die Ursprungsvariante?

Dafür spricht einiges. Zum einen scheint sich die neue Variante im Süden Englands besonders schnell ausgebreitet zu haben. Zum anderen deuten Studien darauf hin, dass die genetischen Veränderungen am Spike-Protein es dem Virus erleichtern, in Körperzellen einzudringen und diese zu infizieren. Das Virus scheint sich im Labor um bis zu 70 Prozent schneller zu vermehren, was ebenfalls für eine höhere Infektiosität spricht. Ein britisches Expertengremium geht davon aus, dass der Stamm einen um 0,39 bis 0,93 höheren R-Wert hat als die Ursprungsvariante. Der R-Wert gibt an, wie viele andere Personen ein Infizierter im Durchschnitt ansteckt. Eine R-Wert-Erhöhung um 0,93 würde bedeuten, dass von jedem Infizierten etwa eine Person mehr ansteckt wird, als bei einer Infektion mit der Ursprungsvariante.


Anzeige
Die Pandemie und wir Der neue Alltag mit Corona: In unserem Newsletter ordnen wir die Nachrichten der Woche, erklären die Wissenschaft und geben Tipps für das Leben in der Krise – jeden Donnerstag.


Wird das Coronavirus durch die Mutation gefährlicher?

Es gibt bislang keinerlei Anhaltspunkte dafür, dass das mutierte Virus gefährlicher sein könnte. Die Gesundheitsbehörde PHE in London hat für eine Studie jeweils fast 1800 Krankheitsverläufe bei Infektionen mit der neuen und der bekannten Variante des Virus verglichen. Demnach hatte die mutierte Form des Virus weder zu mehr Krankenhausaufenthalten noch zu mehr Todesfällen unter den Infizierten geführt.

Tatsächlich sind auch solche Mutationen möglich, die die Gefährlichkeit des Virus abschwächen. Selbst wenn die neue Variante schneller übertragen wird, könnte sie dann womöglich seltener schwere Verläufe auslösen. Charité Virologe Christian Drosten wies darauf hin, dass die neue Variante „zwei eventuell verstärkende und eine wohl abschwächende Mutation” aufweist.

Das Robert-Koch-Institut schrieb in einer Stellungnahme: „Es ist noch nicht abschließend geklärt, wie sich die neue Variante auf das Infektionsgeschehen auswirkt, etwa ob sie ansteckender ist oder wie schwer sie verläuft.“

Wirkt der neue Corona-Impfstoff auch bei der mutierten Virusart?

Das ist zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht klar. Biontech-Chef Ugur Sahin sagte bei einer Pressekonferenz, es lasse sich im Moment noch nicht sicher sagen, ob die Impfung gegen die mutierte Variante gleichermaßen gut wirke. Man erwarte Resultate entsprechender Untersuchungen erst in zwei Wochen. Zuvor hatte Sahin geäußert, es sei wahrscheinlich, dass die Impfung auch vor der mutierten Variante des Virus schützt.

Es ist nicht auszuschließen, dass neue Mutationen die Wirksamkeit der Impfung zumindest abschwächen könnten – diese zielt nämlich genau auf das Spike-Protein ab. Ändert sich der Aufbau des Spike-Proteins, dann kann das Immunsystem den Erreger nach einer Impfung womöglich nicht mehr erkennen. Allerdings dürften einzelne Mutationen noch nicht dazu führen, dass die Impfung gänzlich wirkungslos wird. Erst wenn nach und nach immer mehr Veränderungen des Virus auftreten, ist zu erwarten, dass der Impfschutz mit der Zeit deutlich schwächer ausfällt.

Aus demselben Grund müssen auch Impfstoffe gegen andere Viruserkrankungen, etwa gegen die Grippe, immer wieder an neue Virusvarianten angepasst werden. Bei den neuartigen mRNA-Impfstoffen, zu denen der in Großbritannien eingesetzte Coronavirus-Impfstoff von Biontech/Pfizer gehört, wäre das ebenfalls möglich und sogar vergleichsweise einfach. Die mRNA- Impfstoffe enthalten keine vollständigen Viren, sondern nur eine genetische Information, als Bauanleitung für ein Virusprotein. Diese Bauanleitung lässt sich relativ schnell an einen neuartigen Erreger anpassen. Laut Biontech-Chef Sahin könnte die Corona-Impfung innerhalb von sechs Wochen an neue Varianten angepasst werden, falls das nötig werde.

RND/tmo/ih/lb



“Staat, Sex, Amen”
Der neue Gesellschaftspodcast mit Imre Grimm und Kristian Teetz
  • Laden Sie jetzt die RND-App herunter, aktivieren Sie Updates und wir benachrichtigen Sie laufend bei neuen Entwicklungen.

    Hier herunterladen