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„Mit Covid leben oder eine Einsiedlernation werden“: Australien fehlt eine Exit-Strategie

  • Die Zero-Covid-Strategie hat Australien zu einem weitestgehend normalen Alltag während der Pandemie verholfen.
  • Seit Beginn der Pandemie registrierte das Land lediglich nur 30.000 Infektionen mit dem Coronavirus und 910 Tote.
  • Nun fällt ihm die Rückkehr ins Weltgeschehen jedoch umso schwerer, denn Australiens Impfkampagne geht äußerst schleppend voran.
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Australien. Melbourne hat gerade den vierten Lockdown hinter sich. Die Maßnahme, Millionenstädte wegen einiger weniger Covid-19-Fälle spontan zum Stillstand zu bringen, ist eine der australischen Methoden für ein ansonsten normales Alltagsleben. Geschlossene Grenzen, eine strenge Quarantäne für Rückkehrer aus dem Ausland und Kontaktverfolgung sind die anderen Erfolgsrezepte. Keine Frage – die Pandemie hatte der fünfte Kontinent gut im Griff – 30.000 Infektionen und 910 Tote sind die bisherige Bilanz.

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Doch während die USA und auch Europa sich dank der Impfkampagnen wieder vermehrt öffnen, schottet sich Australien weiter ab. Das aktuelle Haushaltsbudget ist so angelegt, als würden die Grenzen noch bis Mitte nächsten Jahres geschlossen bleiben. Was bisher fehlt, ist eine Exit-Strategie. Forscher argumentieren deswegen vermehrt darüber, dass es an der Zeit sei, die Zero-Covid-Strategie aufzugeben.

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Lernen, mit Covid zu leben

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„Teile der Community wollen nach wie vor null Covid-Fälle, aber andere Leute kommen an den Punkt, an dem sie bereit sind, ein paar Fälle in der Community zu akzeptieren“, sagte Margie Danchin, eine Impfstoffforscherin am Murdoch Children’s Research Institute, vor Kurzem im Interview mit dem australischen Sender ABC.

Sie könne die Beweggründe für den letzten Blitzlockdown in Melbourne nachvollziehen, doch es müsse überdacht werden, wie man die Maßnahmen in Zukunft nuancieren könne. „Ich denke, auf absehbare Zeit müssen wir lernen, mit Covid zu leben“, sagte die Wissenschaftlerin. Je mehr Menschen geimpft seien, umso seltener würden Lockdowns nötig sein.

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Doch hier liegt die Crux: Australiens Impfkampagne geht äußerst schleppend voran. Etwas über sechs Millionen Impfdosen wurden bisher ausgegeben, etwa 3 Prozent der Gesamtbevölkerung sind vollständig geimpft. Viele der rund 25 Millionen Australier fühlen die Dringlichkeit einer Impfung nicht im Vergleich zu Menschen aus Ländern, in denen die Pandemie wütete.

Ein Großteil ist zudem skeptisch gegenüber der Impfung eingestellt. Laut einer Modellierung des Burnet Instituts in Melbourne könnte diese Impfskepsis gepaart mit neuen Covid-Varianten dazu führen, dass Australien längerfristig Ausgangssperren und Restriktionen brauchen wird.

Einzelne Fälle bringen Leben zum Stillstand

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Damit hat die Zero-Covid-Strategie dem Land zwar die katastrophale Zahl der Todesopfer in Ländern wie den USA, Großbritannien oder Indien erspart, doch der Ausstieg aus der Strategie wird nun umso schwerer. „Es ist für viele Länder, die es geschafft haben, so lange eine sehr niedrige oder eine Zero-Covid-Strategie aufrechtzuerhalten, jetzt eine schwierige Entscheidung, sich wieder zu öffnen“, sagte Michael Ryan, der das Gesundheitsnotfallprogramm der Weltgesundheitsorganisation leitet, dem australischen Sender. Schließlich würden sie sich damit die Krankheit wieder importieren.

Während der Rest der Welt an mehrere Tausend Covid-Fälle pro Tag gewöhnt ist, bringen in Australien bereits einzelne Fälle das Alltagsleben zum Stillstand. Eine prominente Moderatorin fragte den australischen Premierminister Scott Morrison deswegen vor Kurzem im Interview, ob „die politische Führung nun ein ehrliches Gespräch mit den Australiern“ darüber führen müsse, „wie ein Leben mit Risiko aussieht“.

Während viele australische Politiker darauf momentan noch wenige Antworten haben, macht die Ministerpräsidentin des Bundesstaates New South Wales seit Monaten vor, wie das Virus auch mit weniger drastischen Maßnahmen unterdrückt werden kann. Gladys Berejiklian hat die Fünf-Millionen-Metropole Sydney seit dem ersten Lockdown im April und Mai 2020 nie wieder komplett abgesperrt. Covid-Ausbrüche hat sie mit lokalisierten Sperren und Maßnahmen unter Kontrolle gebracht. „Man sollte seine Bürger nicht mehr belasten als nötig“, betonte sie in Interviews immer wieder. Sie wolle keine Angst einflössen und den Menschen nur Rechte wegnehmen, wenn unbedingt nötig.

Von Angst zu Hoffnung umschwenken

Berejiklians Strategie könnte – obwohl sie im Land teilweise heftig kritisiert wurde – auf Dauer nun Wegweiser für Australien sein, wie sich das Land wieder in die Weltgemeinschaft integrieren kann. Denn eine Zero-Covid-Strategie sei unvereinbar mit einer Wiedereingliederung, wie es in einem aktuellen Bericht der Universität von Sydney heißt. Eine anhaltende Isolation würde den Ruf Australiens als offene und tolerante Gesellschaft schädigen. „Eine sinnvollere und realistischere Option ist die kontrollierte Öffnung in Stufen“, schreiben die Forscher der Hochschule.

„Australien muss sich der Realität stellen: Mit Covid leben oder eine Einsiedlernation werden.“

Peter Collignon ist Mikrobiologe an der Australischen Nationaluniversität in Canberra

Diese müsse mit einem wirksamen Impfstoffprogramm und einer vernünftigen Überwachung und Isolierung von Infizierten kombiniert werden. „Um aus der Pandemie herauszufinden und wieder mit der Welt in Kontakt zu treten, muss Australien umschwenken – von Angst zu Hoffnung und von Negativität zu dem optimistischen Glauben, dass wir das schaffen können.“

Auch Peter Collignon, ein Experte für Infektionskrankheiten und Mikrobiologe an der Australischen Nationaluniversität in Canberra, schrieb in einem Meinungsstück für den Guardian: „Australien muss sich der Realität stellen: Mit Covid leben oder eine Einsiedlernation werden.“ Sobald mindestens 70 Prozent der Erwachsenen geimpft seien, müsse das Land schrittweise seine Grenzen öffnen und seine Risikohaltung verändern.

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