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Neue Kinderkrankheit wegen Corona: Wie gefährlich ist MIS-C?

Die meisten Kinder, die an MIS-C erkranken, sind zwischen null und 19 Jahre alt.

Die meisten Kinder, die an MIS-C erkranken, sind zwischen null und 19 Jahre alt.

Seit der Ausbreitung des Coronavirus Sars-CoV-2 verdichten sich die Meldungen zu einer neuen Entzündungskrankheit bei Kindern. Die Rede ist von MIS-C (Multisystem Inflammatory Syndrome in Children). Betroffene Kinder wiesen Hautausschläge, hohes Fieber oder auch starke Bauchschmerzen auf. In Europa ist die Erkrankung besser bekannt als Paediatric Inflammatory Multisystem Syndrome (PIMS). Doch was steckt eigentlich hinter dieser Krankheit?

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Was ist MIS-C?

Eine genaue Definition der Krankheit gibt es bisher nicht. Sie wird häufig aufgrund einiger ähnlicher Symptome wie Hautausschlag und Fieber mit der Entzündungskrankheit Kawasaki-Syndrom verglichen. Das Kawasaki-Syndrom ist eine Gefäßentzündung der kleinen und mittleren Arterien. “Es gibt einige klinische Überschneidungen, aber auch wichtige Unterschiede“, sagt Dr. Patrick Davies, Facharzt für pädiatrische Intensivpflege am Nottingham Children’s Hospital, dem RedaktionsNetzwerk Deutschland.

Ein Beispiel ist die Altersspanne: Während am Kawasaki-Syndrom mehrheitlich Kinder zwischen drei und fünf Jahren erkranken, sind es bei MIS-C Kinder zwischen null und 19 Jahren. Auch in den Laborbefunden unterscheiden sich beide Krankheiten.

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Welche Symptome deuten auf MIS-C hin?

Eines der häufigsten Symptome ist Fieber, das bis zu drei Tage anhalten kann. Außerdem treten laut WHO immer zwei der folgenden Beschwerden auf:

  • Hautausschlag an Händen, Füßen oder im Mund sowie beidseitige, nicht eitrige Bindehautentzündung
  • chronisch zu niedriger Blutdruck (Hypotonie) oder Schock
  • Schmerzen hinter dem Brustbein beispielsweise durch eine Funktionsstörung des Herzmuskels, einer Entzündung des Herzbeutels oder der Herzklappen
  • Blutgerinnungsstörungen
  • Magen-Darm-Probleme wie Durchfall, Erbrechen und Bauchschmerzen

Wird MIS-C durch eine Corona-Infektion verursacht?

Mediziner vermuten, dass es einen Zusammenhang zwischen MIS-C und einer Corona-Infektion gibt. Das legt auch eine Studie des Imperial Colleges London mit 58 an MIS-C erkrankten Kindern nahe. Bei knapp 80 Prozent der jungen Patienten fanden die Forscher Anfang Juni Anzeichen einer Corona-Infektion.

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Auch das Europäische Zentrum für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten (ECDC) hatte schon Mitte Mai davon gesprochen, dass ein Zusammenhang plausibel erscheine. Es handle sich aber um eine seltene Erkrankung, deren Verbindung zu Covid-19 noch nicht gut verstanden werde.

Kinder gelten nach wie vor als kaum anfällig für Sars-CoV-2. “In Studien, in denen Kontaktpersonen von infektiösen Personen untersucht wurden, zeigte sich bei Kindern im Vergleich zu Erwachsenen meist eine geringere Empfänglichkeit”, heißt es vom Robert-Koch-Institut.

In einer Studie mit 78 Kindern, die zwischen dem 1. April und dem 10. Mai 2020 auf den pädiatrischen Intensivstationen in Großbritannien wegen MIS-C behandelt wurden, war besonders auffällig, dass die Patienten nicht aktiv am Coronavirus erkrankt waren. “Das könnte auf eine späte Reaktivierung hindeuten”, sagt Dr. Davies, der an der Studie mitgewirkt hat. “Eine andere Erklärung haben wir bisher nicht. Solche Fälle sind normalerweise extrem selten, und die Vielzahl der Fälle war außergewöhnlich.”

Wer erkrankt an MIS-C?

In erster Linie erkranken Kinder an der Entzündungskrankheit, die unter anderem Fieber, Erbrechen und Hautausschlag auslösen kann. Die Altersspanne reicht von null bis 19 Jahre. Bei Erwachsenen kann es vor allem während einer Viruserkrankung zu einer Entzündungsreaktion kommen, bei Kindern tritt diese meist später auf. “Es ist wahrscheinlich, dass dies auf unterschiedliche Immunreaktionen bei Kindern und Erwachsenen zurückzuführen ist”, sagt Dr. Davies.

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Forscher der New York University Grossman School of Medicine berichteten Anfang Juli in der Fachzeitschrift “The Lancet” von einem 45-jährigen Mann, der an einem Kawasaki-ähnlichen Multisystem-Entzündungssyndrom erkrankt war. Er meldete sich unter anderem mit Fieber, Halsschmerzen, Durchfall und erhöhter Atemfrequenz in der Notaufnahme. Zwei Wochen zuvor hatte er seine Frau betreut, die sich mit Sars-CoV-2 infiziert hatte. Ein PCR-Test wies später nach, dass auch er sich mit dem Coronavirus angesteckt hatte.

Das Entzündungssyndrom sei aufgrund der Symptome ähnlich dem gewesen, “was bei Kindern berichtet wurde”, schrieben die Forscher. “Wir heben diesen Fall hervor, um die Aufmerksamkeit auf das Vorliegen eines Kawasaki-ähnlichen Multisystem-Hyperinflammations­syndroms bei einem Erwachsenen mit Sars-CoV-2-Infektion zu lenken.” Die Autoren der Studie warnen jedoch, aus diesem Einzelfall breite Schlussfolgerungen zu ziehen.

Wie gefährlich ist MIS-C?

Hyper­inflammations­syndrome wie MIS-C seien selten, aber schon vor der Corona-Pandemie bei Kindern nicht unbekannt gewesen, teilt die Deutsche Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie (DGPI) mit. “Die absoluten Fallzahlen sind sehr gering und sollen daher zu keiner generellen Sorge der Eltern führen.”

Die ersten Fälle mit dem Entzündungs­syndrom wurden in den USA gemeldet. Dort haben die Centers for Disease Control and Prevention (CDC) bisher mehr als 790 MIS-C-Fälle in 42 Bundesstaaten registriert. 16 Patienten sind an der Entzündungskrankheit gestorben (Stand 9. September 2020). Todesfälle seien aber “extrem selten”, versichert Dr. Davies.

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Welche Langzeitfolgen kann MIS-C verursachen?

Über mögliche Langzeitfolgen ist noch nicht viel bekannt. Ein US-amerikanisches Ärzteteam hat vor wenigen Tagen eine Studie in der Fachzeitschrift “The Lancet” veröffentlicht, die nachweist, dass MIS-C Schäden am Herzen verursachen kann.

Diese Ergebnisse deuten darauf hin, dass Kinder mit MIS-C eine enorme Entzündung und potenzielle Gewebeschäden am Herzen haben.

Dr. Alvaro Moreira,

Kinderarzt im Health Science Center der Universität von Texas

Das Ärzteteam analysierte 662 MIS-C-Fälle, die zwischen dem 1. Januar und dem 25. Juli 2020 weltweit gemeldet wurden. Bei knapp 90 Prozent der Kinder zeigten sich Beeinträchtigungen der Herzfunktion. Nachweisbar waren unter anderem eine verringerte Pumpfunktion des Herzens sowie eine Erweiterung der Herzkranzgefäße. 10 Prozent der Kinder hatten zudem ein Aneurysma, also eine Aussackung der Blutgefäße.

“Diese Ergebnisse deuten darauf hin, dass Kinder mit MIS-C eine enorme Entzündung und potenzielle Gewebeschäden am Herzen haben”, wird Dr. Alvaro Moreira, Kinderarzt im Health Science Center der Universität von Texas in San Antonio, in einer Mitteilung der Universität zitiert. “Wir müssen diese Kinder engmaschig weiter überwachen, um zu verstehen, welche Folgen dies für sie langfristig haben könnte.”

Wie sieht die Situation in Deutschland aus?

Seit dem 27. Mai 2020 erfasst die DGPI alle in Deutschland gemeldeten MIS-C-Fälle. Bis zum 1. Juli waren 40 erkrankte Kinder und Jugendliche registriert worden. Die meisten Fälle wurden in Nordrhein-Westfalen erfasst, gefolgt von Baden-Württemberg. Von den Patienten waren 55,6 Prozent männlich und 44,4 Prozent weiblich.

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“In Deutschland haben wir weniger Infektionen mit dem Coronavirus als etwa in den USA oder England – damit sind auch dazu assoziierte Probleme, wie das durch die Infektion getriggerte Multisystem Inflammatory Syndrome in Children (MIS-C) seltener”, sagte Ingeborg Krägeloh-Mann, Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ), dem Redaktions­Netzwerk Deutschland.

Wie wird MIS-C behandelt?

Die meisten MIS-C-Patienten müssen im Krankenhaus beobachtet und behandelt werden, vor allem bei einem schweren Verlauf mit sehr hohem Fieber und beispielsweise schweren Blut­gerinnungs­störungen oder Hautausschlag. “Zu den derzeitigen Behandlungs­methoden gehören Antikoagulation zur Eindämmung der Blutgerinnung, IV-Immunglobulin (zur Behandlung der Kawasaki-Krankheit) und entzündungshemmende Medikamente”, schreibt das Boston Children’s Hospital auf seiner Internetseite. Die Behandlungsmethoden sind zudem abhängig von den auftretenden Symptomen und Laborbefunden.

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