Mein Vater als Punkt in der Corona-Statistik: Wie ein Datenjournalist die Erkrankung seines Vaters erlebt

Erst waren es nur Zahlen. Abertausende Corona-Infektionen erfasste Datenjournalist Johannes Christ seitdem die Pandemie ausbrach. Aber manchmal reicht eine einzige Zahl aus, um einen ganz anderen Blickwinkel auf das große Ganze zu erhalten.

Erst waren es nur Zahlen. Abertausende Corona-Infektionen erfasste Datenjournalist Johannes Christ seitdem die Pandemie ausbrach. Aber manchmal reicht eine einzige Zahl aus, um einen ganz anderen Blickwinkel auf das große Ganze zu erhalten.

Siegen. Zu meiner morgendlichen Arbeitsroutine als Datenjournalist in Pandemiezeiten gehört es, die Corona-Zahlen zu aktualisieren. In mehr als einem Jahr mit dem Virus haben sich einige Kurven, Balken, Tabellen und Karten angehäuft, die die Zahlen der Neuinfektionen, Intensivpatienten, Toten und Geimpften zeigen.

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Grundlage für viele Berechnungen ist ein Datensatz des Robert-Koch-Instituts. Jeder jemals in Deutschland positiv auf Sars-CoV-2 Getestete ist darin mit Bundesland, Landkreis, Altersgruppe und Geschlecht vermerkt. Die mittlerweile fast 2,7 Millionen Corona-Fälle verteilen sich in dieser Tabelle auf rund 1,5 Millionen Zeilen.

Auch am Morgen des 25. Februar 2021 fand diese mehr als 200 Megabyte große Tabelle wie üblich ihren Weg auf meinen Computer. Diesmal enthielt sie 5575 neue Zeilen, von denen mich eine auch persönlich betraf. Dort waren zwei neue Fälle aufgeführt, in der Altersgruppe 60 bis 79 Jahre, im Landkreis Siegen-Wittgenstein und mit männlichem Geschlecht. Einer dieser beiden Fälle war für mich ein anonymer Datenpunkt wie Millionen andere. Der zweite stand für meinen Vater. Am Tag zuvor war bei ihm ein Test auf Sars-CoV-2 positiv ausgefallen.

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Auch auf meine Mutter war das Virus übergesprungen, wie ein späterer Test ergab. Sie muss sich als erste bei einem Freund angesteckt haben, den sie wegen einer anderen Angelegenheit aus dem Krankenhaus abgeholt hatte. Während meine Mutter zum Glück einen milden Verlauf fast ohne Symptome hatte, ging es meinem Vater deutlich schlechter.

Er blieb bereits wenige Tage später fast nur noch im Bett und konnte nachts nicht schlafen. Mit 77 Jahren und einem überstandenen Herzinfarkt gehört er eindeutig zur Risikogruppe, ist aber ansonsten sehr aktiv, verteilt regelmäßig Essen für die Tafel und orgelt sonntags in der Kirche. Nach einer Woche mit dem Coronavirus empfahl der Arzt die Verlegung ins Krankenhaus.

Die Politik passt nicht zu den Zahlen

In dieser Zeit stieg in Deutschland nach vielen Wochen des Rückgangs erstmals wieder die Zahl der Neuinfektionen. Im Internet gingen schon länger Grafiken herum, die eine schnelle Ausbreitung der britischen Virusvariante prognostizierten. Jetzt schienen sie sich zu bewahrheiten. Dennoch einigte sich die Ministerpräsidentenkonferenz in dieser Phase auf eine komplizierte Matrix mit Öffnungsschritten, auf der sogar Flugschulen nicht unerwähnt blieben.

Bayerns Ministerpräsident Markus Söder begründete die Öffnung der Friseure mit der Menschenwürde. Die Politik wollte in dieser Zeit so überhaupt nicht zu den Zahlen passen und erst recht nicht zur persönlichen Stimmung.

Die Lunge meines Vaters war durch die Abwehrreaktion des Körpers stark angegriffen, er hatte hohes Fieber. Nach ein paar Tagen wurde er in ein größeres Krankenhaus mit Covid-Station verlegt. Dort verschlechterte sich sein Zustand weiter. Telefonieren war ihm nach wenigen Minuten zu anstrengend, er atmete wie nach dem Sport. Die Ärzte erwogen eine Verlegung auf die Intensivstation, eine künstliche Beatmung stand im Raum. Zwischenzeitlich stabilisierte sich der Zustand zwar etwas, und die Option Intensivstation schien wieder vom Tisch. Allerdings war die Feierlaune in der Familien-Whatsapp-Gruppe verfrüht: Wenige Tage später kam dann doch die Verlegung auf die Intensivstation.

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Damit war mein Vater in einem Datensatz gelandet, wo er keinesfalls landen sollte: in den Zahlen der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (Divi). Immerhin fiel seine Verlegung auf die Intensivstation in eine Phase der relativen Entspannung in den Krankenhäusern.

Die Zahl der Intensivpatienten war über Wochen kontinuierlich gesunken und stagnierte nun bei etwas weniger als 3000. Wie wir heute wissen, war das der Wendepunkt hin zu einem erneuten Anstieg. In der Regel wird etwa die Hälfte der Corona-Intensivpatienten beatmet, und wiederum die Hälfte davon stirbt. Eine Überlebenswahrscheinlichkeit von 50 Prozent war eine schreckliche Aussicht. Die künstliche Beatmung durfte auf keinen Fall eintreten.

Glücklicherweise kam es nicht zum Äußersten. Nach einigen Tagen ging es wieder aufwärts, die Ärzte wurden allmählich zufriedener mit der Sauerstoffsättigung des Blutes. Einmal klagte mein Vater am Telefon sogar über Langeweile, was ich als positives Zeichen wertete. Nach fünf Tagen wurde er wieder auf die Covid-Station zurückverlegt.

Eine weitere Woche später, genau einen Monat nach dem positiven Testergebnis und am Tag des vorläufigen Impfstopps für Astrazeneca wurde er sogar ganz aus dem Krankenhaus entlassen. Die Folgen der Krankheit werden ihn noch eine Weile begleiten. Dass sie komplett verschwinden, ist nicht garantiert.

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Was wäre gewesen, wenn …?

Entscheidend ist aber erst einmal, dass er der Divi-Statistik entronnen ist und insbesondere kein Bestandteil der Sterblichkeitsstatistik des Statistischen Bundesamts geworden ist. Noch besser wäre es gewesen, wäre er frühzeitig in der Impfstatistik des Bundesgesundheitsministeriums aufgetaucht.

Diese Gedanken kommen unweigerlich: Was wäre gewesen, wenn die Europäische Union mehr Impfstoff beschafft hätte? Oder wenn die Europäische Arzneimittelagentur (EMA) die Impfstoffe früher zugelassen hätte? Oder wenn die Ständige Impfkommission (Stiko) Astrazeneca auch für über 65-Jährige empfohlen hätte? Oder wenn erst mal möglichst vielen die erste Impfung verabreicht und die zweite Spritze verzögert worden wäre? Oder wenn die Bundesländer flächendeckend auch sonntags impfen lassen würden?

Selten sind die Versäumnisse von Politik und Verwaltung so unmittelbar im eigenen Leben spürbar. Kein Kritikpunkt geht die Ursachen allerdings so gründlich an wie unsere 6-jährige Tochter. Sie wünscht sich, es hätte niemand diese Fledermaus gegessen.

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