Mein Leben als Corona-Verdachtsfall: Ein Betroffener berichtet

  • Als ein 36-Jähriger Hannoveraner vor wenigen Tagen aus Mailand zurückkehrt, war in der norditalienischen Metropole vom Coronavirus noch keine Rede.
  • Doch dann bekommt der Familienvater Halsschmerzen – und ein ungutes Gefühl angesichts steigender Fallzahlen. Der Test, den sein Hausarzt auf Sars-CoV-2 machte, war negativ.
  • Seine Erfahrungen mit dem Gesundheitsamt und dem medizinischen Personal dagegen verstören, weil die Abläufe nicht organisiert wirkten. Ein Erlebnisbericht.
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Was macht man, wenn man inmitten einer weltweiten Epidemie einen der betroffenen Orte in Norditalien bereist hat und dann Halsschmerzen bekommt? Man fängt an, sich zu fragen, wie man sich verhalten soll. Was ist, wenn ich mich mit Sars-CoV-2 infiziert habe? Bin ich am Ende Patient 0 in meinem Wohnort Hannover? Stecke ich Familie, Freunde und meine knapp 200 Kollegen an? Muss ich jetzt das Gesundheitsamt informieren? Oder ist das übertrieben und ich löse damit in meinem Umfeld nur unnötig Panik aus? Das wollte ich ebenfalls vermeiden, wie möglicherweise alte, kranke oder auch immunsupprimierte Menschen in meinem Umfeld anzustecken.

Was würde das Virus mit uns machen?

Ich dachte auch darüber nach, was passieren würde, wenn ich positiv auf eine Corona-Infektion getestet werden würde. Was wäre dann mit meiner Familie, mit meinem Job? Wirklich helfen konnten mir Ärzte und das zuständige Gesundheitsamt in diesen Fragen zunächst nicht.

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Als mein Vater vor zwei Wochen in meiner Heimatstadt Mailand an einer unheilbaren Krankheit starb, war das Coronavirus noch weit weg, zumindest für die Milanesen schien das so. Ich hatte von Corona-Fällen in Bayern gelesen, vor allem aber mit Sorge auf China und die Tausenden Toten dort geschaut. In Norditalien aber war in der Woche meines Besuchs alles wie immer. Die Menschen waren mit sich beschäftigt, in Eile.

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Der Vize-Präsident des Instituts informierte am Freitag in Berlin über die neuesten Entwicklungen.  © Reuters

In Mailand war alles wie immer

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Ich bin gebürtiger Italiener, seit 2008 lebe ich in Deutschland. Dorthin, zu meiner Freundin und meinen beiden Kindern reiste ich am Mittwoch, 20. Februar, zurück. Auch abends, als ich am Hauptbahnhof Hannover aus dem Zug stieg, war alles wie immer. Vor Corona, einer drohenden Epidemie fühlten wir uns sicher. Der Schreck kam am Donnerstagmorgen, als ich die Website der Zeitung “Il Fatto Quotidiano” las. Das Virus war in Norditalien angekommen, ein erster Corona-Fall war bestätigt worden. Allerdings schien mir die Situation zu diesem Zeitpunkt noch unter Kontrolle. Der Gedanke beruhigte mich.

Am Dienstag dann las ich auf RND.de von einem 25-jährigen Deutschen, der aus Mailand zurückgekehrt und positiv auf das Coronavirus getestet worden war. Ich denke, das war der erste Fall einer Person, die in Mailand krank geworden war.

Am Mittwoch kamen die Halsschmerzen

Am Mittwoch kamen die Halsschmerzen. Mir war klar, dass ich möglicherweise die Gesundheitsbehörden benachrichtigen hätte sollen. Aber ich hatte keine Ahnung, wo ich anrufen sollte, mit wem ich sprechen sollte und was ich genau tun sollte. Würden dann als Astronauten verkleidete Männer kommen, um mich mitzunehmen? Wohin würden sie meine beiden Kinder bringen? Und was ist mit meiner Partnerin?

Ich bin Mediengestalter. Ich informierte meinen Vorgesetzten. Und meinen Hausarzt. Mein Hausarzt verwies mich an das Gesundheitsamt der Landeshauptstadt Hannover.

Also rief ich dort an und bat um einen Test. Daraufhin musste ich 20 Minuten in der Warteschleife warten – bis ich mit einer diensthabenden Ärztin sprechen konnte. Ihr erster Rat, nachdem sie mich nach meinen Reisen und der Dauer meines Aufenthalts in Mailand gefragt und mich über die grundlegenden Hygieneregeln aufgeklärt hatte, war, mich im Haus einzusperren, Abstand von allen zu halten und zu warten. Sollten weitere Symptome auftreten, sollte ich das Gesundheitsamt erneut informieren.

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Ich sollte erstmal zu Hause bleiben

Auf meine Bitte hin, einen Test vornehmen zu lassen, verwies mich die Ärztin für einen Rachen- und Nasenabstrich an meinen Hausarzt. Die Kosten für den Test in Höhe von etwa 150 Euro müsse ich wohl selbst bezahlen, sagte eine Mitarbeiterin der Arztpraxis, die vermutlich noch nicht ganz informiert war. Inzwischen ist bundesweit geregelt, dass die Krankenkassen oder das zuständige Gesundheitsamt die Kosten tragen, wenn die Kriterien eines Verdachtsfalles erfüllt sind. Da ich aus einem Hochrisikogebiet komme und Symptome habe, müsste ich demnach die Kosten nicht selbst tragen. Inzwischen sind die Gesundheitsämter angewiesen, lieber einmal mehr zu testen, als zu wenig. Der Arzt riet mir, die Kosten für den Test bei meiner Krankenkasse einzureichen.

Ich rief daraufhin wieder bei meinem Hausarzt an. Für 12 Uhr schließlich bekam ich einen Termin für den Test. Dort angekommen schickten mich die Mitarbeiter sofort in einen Untersuchungsraum, in dem der Arzt bereits wartete. Als ich am Tresen noch ein Formular für das Labor unterschreiben musste, stand neben mir, in etwa 1,5 Metern Entfernung, ein älterer Herr. Empfohlen wird in Verdachtsfällen ein Abstand von 2 Metern. Ich hätte gern mehr Abstand zu ihm gehalten.

Mindestens zwei Meter Abstand halten

Ich habe dann noch ein paar Verhaltensregeln mit auf den Weg bekommen. Mindestens zwei Meter sollte ich Abstand halten zu meiner Familie, ich sollte nicht rausgehen. Zahnbürste, Handtuch und Hygieneartikel bewahrte ich getrennt von denen meiner Familie auf, auch wenn wir uns ein Bad teilen mussten. Ich verbrachte die nächsten Tage in einem Gästezimmer, auf der oberen Etage unserer Wohnung, die anderen blieben unten. Manchmal riefen wir uns etwas zu. Aber ich versuchte, die Tür zu meinem Zimmer geschlossen zu halten. Gesundheitlich ging es mir gut, bis auf die Halsschmerzen und Durchfall, zwei Corona-Symptome, die aber auch bei anderen Infekten vorkommen. Aber ich fühlte keine Schwäche, war nicht schlapp.

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Was wird das Virus mit unserer Gesellschaft machen?

Das Testergebnis hatte der Arzt für Freitag angekündigt. Als ich am Donnerstag in der Praxis anrief und nachfragte, war es allerdings schon da. Es war negativ. Ich war erleichtert. Ich bin noch einmal mit einem Schreck davon gekommen. Ich habe zwei Tage gewartet, viel nachgedacht. Mehr als vor den Auswirkungen des Virus auf meinen Körper hatte ich in dieser Zeit Angst vor den Auswirkungen der Epidemie auf unsere Gesellschaft. Wie würden sich die Menschen verhalten, wenn die Zahl der Fälle steigen würde? Mailand, meine Stadt, die sonst niemals stillsteht, die sich rühmt niemals “cont i man in man” – das ist ein milanesischer Ausdruck für “mit den Händen in der Hand”, also untätig zu sein, ist plötzlich ohne Leben. Die Kinos sind geschlossen, mit einer Art Ausgangssperre (die Bars schließen ab 18 Uhr) belegt, die Straßen, die Plätze sind leer. Wie lange kann eine kapitalistische Wirtschaft in diesem Zustand bestehen?

Mittlerweile gibt es zahlreiche Menschen, denen es viel schlechter geht als mir in meiner zweitägigen Quarantäne. Es gibt viele weitere Fälle. Schwer Erkrankte in italienischen und deutschen Krankenhäusern. Ich wünsche ihnen, dass sie schnell wieder gesund werden.

Ich habe viel mehr Angst vor dem Verlust von Arbeitsplätzen, vor den verheerenden sozialen Auswirkungen, die die Angst sicher auf unsere Gesellschaft haben wird, als vor dem Virus selbst.



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