Mehr als 10.000 Corona-Neuinfektionen: Warum die zweite Welle anders ist

  • Das Robert-Koch-Institut meldet 11.287 Neuinfektionen, das ist der höchste Wert seit Beginn des Ausbruchs.
  • Trotzdem ist die Lage nicht mit der im Frühjahr vergleichbar: Weil dreimal so viel wie im Frühjahr getestet wird, fließen mehr milde Verläufe als im Frühjahr in die Statistik mit ein.
  • Der aktuellen Anstieg der Infektionszahlen liegt allerdings nicht an den Testkapazitäten. Wird die zweite Welle deshalb schlimmer als die erste?
Irene Habich
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Hannover. Seit Tagen werden immer mehr Neuinfektionen mit dem Coronavirus gemeldet: zuletzt sogar mehr als noch im März oder April. Die Situation ist trotzdem eine andere als noch im Frühjahr. Das liegt unter anderem daran, dass die Zahl der gemeldeten Fälle nie mit der Zahl der tatsächlich Infizierten identisch war. Weil mehr als 80 Prozent der Coronavirus-Infektionen mild oder sogar symptomlos verlaufen, wurden und werden längst nicht alle erkannt.

Vor allem zu Beginn der Krise hatten die gemeldeten Infektionszahlen einen falschen Eindruck vermittelt, denn es standen noch weniger Tests zu Verfügung. Erkannt wurden vor allem viele schwere Verläufe in Alten- und Pflegeheimen. Ein Großteil der Infektionen in der Bevölkerung blieb aber wohl unentdeckt, denn allein anhand der Symptome lassen sich leichte Verläufe nicht von einer normalen Erkältung unterscheiden. Die Zahl der tatsächlich Infizierten dürfte damals also deutlich größer gewesen sein als die der gemeldeten Fälle.

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Der Beginn des verheerenden Coronavirus war vermutlich ein Tiermarkt in Wuhan/China. In nur wenigen Wochen erreichte das Virus auch Europa.  © RND
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Corona im Herbst: Es wird dreimal mehr getestet

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Seitdem wurde die Zahlen der Tests immer mehr gesteigert, viele Menschen mit milden Symptomen werden getestet. Es fließen daher auch Fälle in die Statistik mit ein, die man während der ersten Welle noch übersehen hätte. Zur Hochzeit des Ausbruchs Ende März und Anfang April (KW 14) wurden pro Woche etwa 408.000 Tests durchgeführt, inzwischen sind es fast dreimal so viele. Selbst wenn nun mehr Neuinfektionen gemeldet werden als damals, heißt das also nicht, dass mehr Menschen als im Frühjahr infiziert sind. Durch immer mehr Tests nähert sich die Zahl der erfassten Fälle der Zahl der tatsächlich Infizierten nur immer mehr an.

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Deutlich weniger Corona-Intensivpatienten

Dass nun vor allem milde Infektionen mitgezählt werden, zeigt sich auch an der Krankenhausstatistik. So wurden laut Divi-Intensivregister an diesem Mittwoch deutschlandweit 943 Corona-Patienten gleichzeitig intensivmedizinisch behandelt – dreimal weniger als noch Anfang April. Die Belastungsgrenze der Krankenhäuser wurde selbst damals bei Weitem nicht erreicht. Und in der Zwischenzeit wurden sogar 10.000 zusätzliche Intensivbetten geschaffen.

Weniger schwere Fälle gibt es wohl auch deshalb, weil sich Schutzmaßnahmen für ältere Menschen ausgezahlt haben und diese deshalb seltener erkranken. Jüngere Menschen hingegen, denen das Virus nur selten gefährlich wird, verhalten sich weniger vorsichtig und stecken sich immer häufiger an. So haben sich laut Statistik des Robert-Koch-Institut seit dem Sommer besonders viele junge Erwachsene unter 34 infiziert.

Coronavirus breitet sich wieder stärker aus

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Theoretisch wäre es nicht weiter schlimm – wenn es so bleiben würde. Junge Menschen, die erkranken und die Infektion gut überstehen, könnten zu einem höheren Immunschutz in der Bevölkerung beitragen und das Virus anschließend nicht mehr verbreiten. Experten befürchten allerdings seit einiger Zeit, dass sich auch wieder ältere Altersgruppen infizieren, wenn sich das Virus doch wieder stärker ausbreitet. Und genau das scheint jetzt der Fall zu sein. Seit einigen Wochen nämlich hat sich die Zahl der Tests kaum noch verändert. Trotzdem wird ein deutlicher Anstieg der Fallzahlen registriert. Das RKI hat nun beobachtet, dass sich wieder vermehrt ältere Menschen infizieren, denen gefährliche Verläufe drohen. Auch die Zahl der Intensivpatienten passt dazu: Sie ist zwar noch deutlich niedriger als im Frühjahr, steigt aber seit einigen Tagen an.

Herbst macht es Sars-CoV-2 leichter

Die zweite Welle ist keine Überraschung. Sie war vorhergesagt worden und lässt sich nicht allein durch Unvorsichtigkeit der Bevölkerung erklären. Vielmehr ist im Herbst die Gefahr für Erkältungskrankheiten generell höher, auch weil wir uns mehr in geschlossenen Räumen aufhalten, wo die Ansteckungsgefahr am höchsten ist. Und das Coronavirus kann bei niedrigeren Temperaturen länger überleben als bei sommerlicher Hitze.

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Aber: Die erste Welle hat auch gezeigt, dass es sich aufhalten lässt. Wie sich im Nachhinein herausgestellt hat, waren dazu nicht einmal drastische Maßnahmen wie Schul- oder Geschäftsschließungen zwingend nötig. Schon allein das Verbot von Massenveranstaltungen und größere Vorsicht hatten die erste Welle ausgebremst. Noch dazu scheint der Schutz von Risikogruppen auch bei steigenden Infektionszahlen besser zu funktionieren als noch im Frühjahr. Die momentan steigenden Zahlen mögen daher auf den ersten Blick erschreckend wirken, ein Kontrollverlust ist aber deshalb noch nicht zu befürchten. Es sei aber damit zu rechnen, dass sich das Virus regional weiter stark und „sogar unkontrolliert ausbreiten kann“, warnte Wieler am Donnerstag.

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