Medizinisches Cannabis: Mehr Importe, kein Überblick über den Bedarf

  • Seit drei Jahren ist es in Deutschland möglich, medizinisches Cannabis zu therapeutischen Zwecken einzusetzen.
  • Allein im vergangenen Jahr hat sich die Importmenge von Cannabisblüten verdoppelt.
  • Die Bundesregierung weiß allerdings nicht, wie groß der tatsächliche Bedarf ist.
Michèle Förster
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Seit drei Jahren ist das Cannabis-als-Medizin-Gesetz in Deutschland in Kraft. Seit März 2017 regelt es den medizinischen Einsatz von Cannabisprodukten bei Patienten mit schwerwiegenden Erkrankungen. Aus den Antworten der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der Linken, die dem RND vorliegt, geht hervor, dass der Bedarf an medizinischem Cannabis deutlich steigt.

Die Importe haben sich im Vergleich zum Vorjahr verdoppelt. Der tatsächliche Bedarf der deutschen Patienten ist der Regierung in der Regel nicht bekannt, wie ebenfalls aus der Antwort hervorgeht.

Importmenge von Cannabisprodukten steigt

Zum steigenden Bedarf an medizinischen Cannabisprodukten liefert die Bundesregierung Zahlen: Im Jahr 2019 wurden 6,5 Tonnen Cannabisblüten für die Versorgung von Cannabis-Patienten nach Deutschland importiert. Das ist im Vergleich zum Vorjahr eine Verdoppelung. Auch bei Sativex, Dronabinol und weiteren zur Therapie eingesetzten Cannabisprodukten sind deutliche Zuwächse zu verzeichnen.

Nach wie vor wird dabei nahezu der gesamte Bedarf über Importe abgedeckt, denn der Anbau ist in Deutschland streng reglementiert. Laut Kirsten Kappert-Gonther, der drogenpolitischen Sprecherin der Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen, war die harte Deckelung des Anbaus von Cannabis in Deutschland ein Fehler.

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“Die Deckung des Bedarfs an Medizinalcannabis über Importe ist keine Lösung”, glaubt auch der Sprecher für Drogen- und Suchtpolitik der FDP-Bundestagsfraktion, Wieland Schinnenburg. “Vielmehr müssen wir in Deutschland ausreichend Medizinalcannabis für unseren eigenen Bedarf anbauen.”

Schinnenburg fordert daher, die in Deutschland angebaute Menge Cannabis von 2,6 auf mindestens 50 Tonnen pro Jahr zu erhöhen. Die Regierung geht davon aus, dass medizinisches Cannabis aus Deutschland ab dem vierten Quartal 2020 in den Apotheken zum Verkauf stehen wird.

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Bundesregierung fehlt Überblick zu Patienten

Die Bundesregierung hat ihrer Aussage nach keine Kenntnis über die Anzahl der Patienten, die Cannabis zu therapeutischen Zwecken einsetzen. Eine adäquate Bedarfsplanung sei ihr somit nicht möglich, fürchtet der Linken-Bundestagsabgeordnete Niema Movassat. Denn während die Bundesregierung für das Jahr 2017 noch Kenntnis über die gestellten Anträge zur Kostenübernahme durch die gesetzlichen Krankenkassen gehabt habe, lägen ihr die Daten ab dem Jahr 2018 nicht mehr vor.

“An Stümperhaftigkeit ist die Bundesregierung bei der Versorgung mit Cannabis als Medizin langsam nicht mehr zu überbieten. Die zuständigen Stellen wissen noch nicht einmal, wie viele medizinische Cannabispatienten es in Deutschland gibt”, so Movasat. Sowohl Linkspartei, als auch die Grünen gehen davon aus, dass durch den Genehmigungsvorbehalt eine Linderung der Beschwerden von Patienten hinausgezögert oder verhindert wird.

Viel zu oft würde bei bestimmten Indikationen eine Kostenübernahme verwehrt, obwohl dies nicht im Sinne des Gesetzgebers sei, befürchtet Kappert-Gonther. Man gehe davon aus, dass der bürokratische Aufwand in 30 bis 40 Prozent der Fälle zu einer Ablehnung durch die Krankenkasse führe. In den Augen der Grünen-Politikerin sei es an der Zeit, für eine Veränderung: “Der Genehmigungsvorbehalt der Krankenkassen hat sich nicht bewährt und sollte abgeschafft werden.”

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