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Medizinethiker zu Organspende-Entscheidung: „Ein schleichender Verlust von Solidarität“

  • Der Transplantationsmediziner Professor Eckhard Nagel ist enttäuscht über die Absage an die Widerspruchslösung.
  • Jahrelang hat er die Debatten zur Organ- und Gewegebespende im deutschen Ethikrat begleitet.
  • Anhand der Bundestagsdebatte könne man erkennen, dass in Deutschland die Solidarität mit Kranken schwinde.
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Professor Nagel, wie empfinden Sie die Entscheidung des Bundestags gegen eine Widerspruchslösung?

Ich bin enttäuscht darüber, dass die Diskussion über die Widerspruchslösung in eine Richtung gegangen ist, die diese Regelung gleichsetzt mit einem unzulässigen Eingriff in die Persönlichkeitsrechte des Einzelnen. Also nach dem Motto: Wenn es eine Verpflichtung gibt, sich mit dem Thema Organ- und Gewebespende auseinanderzusetzen, dann werde ich unzulässig belästigt von Seiten des Staates. Diese Diskussion finde ich falsch.

Warum?

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Hier geht es um Fragen des Gemeinwohls. Wir leben mit Menschen zusammen, die ohne eine Gewebe- oder Organspende ihr Leben nicht realisieren können, sich in lebensbedrohlichen Situationen befinden. Dass man diese Menschen „ausblenden darf“, ist mit meinem Verständnis von Persönlichkeitsrechten nicht zusammenzubringen. Es ist auch kein Ausdruck von Freiheit, sich nicht mit den Problemen anderer Menschen auseinanderzusetzen.

Eckhard Nagel ist Transplantationsmediziner und Professor für Gesundheitswissenschaften an der Universität Bayreuth. Als ehemaliges Mitglied des Deutschen Ethikrats hat er seit 1997 Stellungnahmen zum Thema Organspende erarbeitet. © Quelle: NPR


Ist es zumutbar, dass jeder Mensch ganz klar persönlich Stellung dazu bezieht, ob er Organe oder Gewebe spenden will?

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Die Wahrnehmung, es gebe in Deutschland viele Menschen, die sich nicht entscheiden können, halte ich für ein generelles Problem. Ich kann nachvollziehen, dass es eine gewisse Sorge darüber gibt, dass Menschen Organ- und Gewebespender werden, obwohl sie es aus persönlichen Gründen nicht wollen. Seien es Ängste oder Unsicherheiten im Kontext medizinischer Entwicklung. Das ist aber ein Regelungsthema, eine Frage der Aufklärung. Ich würde auch nie auf die Idee kommen, jemanden zur Spende überreden zu wollen. Aber ich habe selten Personen erlebt, die, wenn sie keine generellen Vorbehalte haben, sich gegen eine Spende entscheiden.

Der Bundestag hat sich jetzt für die Zustimmungslösung entschieden. Hilft auch das gegen sinkende Spenderzahlen?

Wir wollen jetzt mal sehen, was die Zustimmungslösung mit der Informationspflicht wirklich bewirkt. Mich würde es freuen, wenn am Ende des Tages die Sensibilität und Anteilnahme für wartende Patienten größer wird. Ich bin froh, dass wenigstens der zweite Gesetzentwurf verabschiedet worden ist. Hätte keiner der Gesetzesentwürfe eine Mehrheit im Bundestag gefunden, wäre das ein katastrophales Signal an die Bevölkerung gewesen.

An welchen Stellen könnte man noch ansetzen, damit sich die Spenderzahlen erhöhen?

Im letzten Jahr wurde ein neues Verfahrensgesetz zur Transplantation und Organentnahme mit Verpflichtungen für Krankenhäuser verabschiedet. Das soll die Finanzierung und Positionierung zum Beispiel der Transplantationsbeauftragten an den Krankenhäusern verbessern. Die Änderungen betreffen viele der Bereiche, die erkennbarermaßen eine Schwierigkeit darstellen. Etwa die Vorstellung, man macht als Krankenhaus einen finanziellen Verlust, wenn man einen Organspender betreut – fälschlicherweise. Ich hoffe, dass sich die Abläufe verbessern und Organspender besser erkannt und gemeldet werden.

Sie sprechen sich für die gesetzliche Widerspruchslösung aus. War das schon immer so?

Ich habe bereits 1997 das erste Transplantationsgesetz mitbegleitet. Damals war ich für die Zustimmungslösung, weil ich mir nicht vorstellen konnte, dass jemand, der die Möglichkeiten einer Organtransplantation aufgezeigt bekommt, Nein sagen könnte. Dass zehn Jahre danach nicht einmal zehn Prozent der Deutschen einen Organspendeausweis haben, lag außerhalb meiner Vorstellungskraft. Seit 2010 habe ich mich deshalb für eine Veränderung eingesetzt. Der deutsche Ethikrat hat damals ganz klar gemacht: Es gibt eine ethische Pflicht, sich zu entscheiden. Jetzt muss ich feststellen: Auch 2020 ist das noch nicht mehrheitsfähig, während viele andere EU-Länder eine Widerspruchslösung haben.

Welches Land macht in Bezug auf Organ- und Gewebespende alles richtig?

Ich weiß nicht, ob man alles richtig machen kann. Aber vergleichen wir die Situation der Patienten: Die Spanier warten maximal anderthalb Jahre auf eine Nierentransplantation. In Österreich sind es zwischen 18 und 24 Monaten. Warum warten unsere Patienten also fünf bis acht Jahre? Dabei fallen die Aufwendungen für die medizinische Versorgung in Spanien und Österreich prozentual geringer aus – und trotzdem warten Patienten in Deutschland deutlich länger.

Inwiefern spielt die Kultur eine Rolle dabei, dass Deutschland so schlecht dasteht?

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Ich respektiere, dass wir in mancher Hinsicht zurückhaltender sind als andere Länder, was die medizinische Entwicklung angeht. Wir diskutieren über Stammzellforschung, sind zurückhaltender in Hinblick auf den Umgang mit dem werdenden Leben oder bei der Sterbehilfe. Das muss man akzeptieren. In Deutschland gibt es aber auch eine besorgniserregende Form von Ressentiment gegenüber medizinischer Entwicklung, die bisweilen begründet wird mit einer falsch verstandenen Form von Selbstbestimmung. Was viele dabei nicht berücksichtigen: Eine Krankheit schränkt die Selbstbestimmung per se erheblich ein. Zudem beobachte ich einen schleichenden Verlust von Solidarität, gerade auch in der Gesundheitsversorgung: Das gilt es selbstkritisch zu hinterfragen.