Wissenschaftsjournalistin Nguyen-Kim kritisiert Virologen Streeck hart

  • Wissenschaftsjournalistin Mai Thi Nguyen-Kim hat am Dienstagabend in der Sendung von Markus Lanz den Virologen Hendrik Streeck kritisiert.
  • Er habe es zugelassen, dass die Ergebnisse seiner Heinsberg-Studie politisch instrumentalisiert wurden – und wichtige Erkenntnisse seiner Studie nicht offen genug kommuniziert, sagte Nguyen-Kim.
  • Darum geht es in der Kritik.
Anzeige
Anzeige

Die Sendung von Markus Lanz am Dienstagabend ist fast vorbei, als die Sprache auf die Heinsberg-Studie fällt. Der Virologe Hendrick Streeck, der diese im vergangenen Jahr mit einem Team von Wissenschaftlern durchgeführt hat, ist unter den Gästen. Er hat an diesem Abend schon zuvor die Medien kritisiert, fühlt sich falsch verstanden. An einer Stelle sagt Streeck, „die Revision der eigenen Erkenntnisse zählt nicht“. Es geht darum, dass er erst eine zweite Welle für unwahrscheinlich hielt und diese Prognose später widerrief. Der Widerruf sei in den Medien zu kurz gekommen, findet Streeck. Stattdessen werde medial polarisiert zwischen einem wissenschaftlichen „Team Vorsicht“ und einem wissenschaftlichen Team, das „gefährlich sei“ – obwohl es diesen Dissens gar nicht gebe.

Die Pandemie und wir Der neue Alltag mit Corona: In unserem Newsletter ordnen wir die Nachrichten der Woche, erklären die Wissenschaft und geben Tipps für das Leben in der Krise – jeden Donnerstag.

Nguyen-Kim kritisiert Streecks Kommunikation

Anzeige

Wissenschaftsjournalistin Mai Thi Nguyen-Kim hakt ein: Die sogenannte Heinsberg-Studie des Bonner Professors sei aufgrund ihrer Ergebnisse damals im politischen Diskurs als Argument für Corona-Lockerungen genutzt worden. Nguyen-Kim deutet an, dass sie nicht verstehe, warum Streeck, wenn er dies nicht gewollt habe oder sich mittlerweile davon distanzieren möchte, das nicht vehementer kommuniziert habe.

„Entweder sind Sie, mit Verlaub, schrecklich naiv und haben sich instrumentalisieren lassen, oder Sie haben sich politisch bewusst auch eher auf die Seite ‚Öffnungen‘ gestellt“, sagt Nguyen-Kim.

Sie könne sich nicht vorstellen, wie groß der Medienrummel plötzlich gewesen sei, erwidert Streeck. Er sei damals komplett überfordert gewesen damit, wie man mit den Medien umgehen solle. „Das kann ich mir vorstellen“, sagt Nguyen-Kim und fragt nach: „Und jetzt?“ Jetzt lasse er sich beraten, entgegnet der Virologe.

Anzeige

„Das wurmt mich“

Nguyen-Kim kommt auf ein anderes Thema zu sprechen: Mittlerweile gebe es neue Erkenntnisse zur Sterblichkeit bei Corona-Erkankten aus der Heinsberg-Studie. Die Wissenschaftsjournalistin sieht Streeck in der Pflicht, diese lauter und offener mitzuteilen. „Das wurmt mich wirklich“, sagt Nguyen-Kim, „für mich ist in dieser Studie genau das herausgekommen, was ‚Team Vorsicht‘ immer gesagt hat.“

Anzeige

Medizinmagazin: Sterblichkeit aus Heinsberg-Studie zu niedrig

Das Team von Streeck berechnete im April 2020 nach einem mehrtägigen Forschungsaufenthalt in der Gemeinde Gangelt im Landkreis Heisberg, dass das Coronavirus eine Infektionssterblichkeit (IFR) von 0,36 Prozent habe. Laut Recherchen des Onlinemagazins Medwatch wurden in der Studie nicht alle Todesfälle berücksichtigt. In dem Untersuchungszeitraum des Teams um Streeck hatten sich sechs weitere Personen mit dem Coronavirus angesteckt, die Wochen oder Monate später an den Folgen des Virus starben und in der Studie nicht als Tote auftauchen.

„Fast doppelt so viele Tote“

Anzeige

Diese Kritik greift Nguyen-Kim am Dienstag erneut auf, die Heinsberg-Studie sei immer noch im öffentlichen Gedächtnis mit der Auffassung verbunden, dass alles gar nicht so schlimm sei, sagt die Journalistin. „Dabei sind 13 Tote fast doppelt so viele wie in ihrer Studie“, die neuen Ergebnisse müsse Streeck vehementer kommunizieren und Fehler eingestehen.

„Das verstehen Sie falsch“, die Studie sei wissenschaftlich korrekt abgelaufen, sagt Streeck. „Jetzt reden Sie sich doch heraus“, entgegnet Nguyen-Kim. Das Gespräch zu Ende führen können sie leider nicht, die Sendung ist vorbei. Man sieht, wie sich Nguyen-Kim sich dem Wissenschaftler erneut zuwendet, als Lanz die Zuschauerinnen und Zuschauer verabschiedet.

Mittlerweile hat die Journalistin ein längeres Statement auf Twitter zu dem Gespräch mit Streeck veröffentlicht. Sie kritisiere nicht, dass neue Daten zu der Heinsberg hinzugekommen seien, sondern dass diese von Streeck öffentlich nicht verständlich kommuniziert und transparent erklärt wurden, schreibt Nguyen-Kim. „Prof. Streeck möchte nicht als ‚Öffnungsvirologe‘ missverstanden werden, sagte er gestern. Dann müsste ihn das hier genauso wurmen wie mich. Anfragen von ‚Medwatch‘ hatte er nicht beantwortet. So bleiben für mich Fragen offen, die ich gestern gerne geklärt hätte.“

RND/Nadine Wolter

  • Laden Sie jetzt die RND-App herunter, aktivieren Sie Updates und wir benachrichtigen Sie laufend bei neuen Entwicklungen.

    Hier herunterladen