Corona in Brasilien: Ist in Manaus bereits Herdenimmunität entstanden?

  • Das Coronavirus hat in Brasilien schwer gewütet.
  • Inzwischen gibt es Anzeichen dafür, dass die exponentielle Verbreitung des Erregers zu einer ersten Herdenimmunität geführt hat.
  • In der 1,8-Millionen-Stadt Manaus breitet sich Sars-CoV-2 kaum noch aus.
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Rio de Janeiro. In der brasilianischen Stadt Manaus könnten sich bereits rund zwei Drittel der 1,8 Millionen Einwohner mit dem Coronavirus infiziert haben. Damit hätte die Stadt die sogenannte Herdenimmunität erreicht – ein weltweit einmaliger Vorgang. Die Ausbreitung des Virus würde sich damit deutlich verlangsamen, da der Erreger immer weniger Menschen als potenzielle Überträger findet.

Zu diesem Ergebnis kommen brasilianische Forscher in einer fachlich noch ungeprüften Auswertung, über die der “Spiegel” zuerst berichtet hatte.

Wissenschaftler gehen davon aus, dass Herdenimmunität erreicht ist, sobald sich 60 bis 70 Prozent der Bevölkerung mit einem Erreger angesteckt und Antikörper entwickelt haben. Die Forscher rund um Ester Sabino vom Institut für Tropenmedizin der Universität von São Paulo wollen das für Manaus herausgefunden haben: Dazu überprüften sie mehr als 1000 Proben von Blutspendern, die seit Februar 2020 abgegeben worden waren. Das Ergebnis: In 44 Prozent der Proben entdeckten die Forscher Antikörper.

Da deren Zahl mit der Zeit abnimmt, gehen die Wissenschaftler davon aus, dass sogar 66 Prozent der Blutspender mit Corona infiziert waren.

Manaus: Forscher gehen von Sterberate von 0,28 Prozent aus – trotz junger Bevölkerung

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Allerdings ist bei der Interpretation der Daten Vorsicht geboten: Der Kreis der Blutspender ist nicht repräsentativ für die Bevölkerung. Und: In einer früheren Antikörperstudie kamen Wissenschaftler im Mai zu deutlich niedrigeren Werten in Manaus. Sollte die Stadt inzwischen dennoch Herdenimmunität erreicht haben, wäre der Preis dafür hoch: Die Forscher gehen von einer Sterberate von 0,28 Prozent aus; von 400 Menschen, die das Virus in sich trugen, wäre demnach einer gestorben – und das bei einer jungen Bevölkerung, nur 6 Prozent der Menschen in Manaus gehören zur Risikogruppe der über 60-Jährigen. Seit Mai geht die Zahl der Neuinfektionen und Todesfälle jedoch deutlich zurück.

Den ersten Corona-Fall gab es in Manaus bereits im März. Monatelang gelang es den Behörden nicht, die Verbreitung unter Kontrolle zu bringen – trotz Abstandsregeln. Experten gehen davon aus, dass beengte Wohnverhältnisse, ein überfüllter Nahverkehr und die schlechte Wasserversorgung zur exponentiellen Virusverbreitung in der Metropole beigetragen haben.

Brasilien zählt mit über 140.000 Todesfällen und täglich Zehntausenden Neuinfektionen zu den Ländern, die weltweit am schwersten von der Pandemie betroffen sind. Präsident Jair Bolsonaro steht wegen seines lockeren Umgangs mit Corona immer wieder in der Kritik.

RND/fh







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