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Lungenarzt zu steigenden Corona-Zahlen: “Wir können nur hoffen, dass der Krankenstand in der Pflege gering bleibt”

  • Intensivmediziner bereiten sich bei steigenden Infektionszahlen auf mehr Covid-19-Patienten im Herbst und Winter vor.
  • Prof. Christian Karagiannidis sieht Deutschlands Kliniken mit Medikamenten und mehr Viruswissen ein Stück weit vorbereiteter als noch im Frühjahr.
  • Es drohe aber ein Szenario mit erschöpftem medizinischen Personal, fürchtet der Lungenspezialist und DIVI-Sprecher im RND-Interview.
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Herr Karagiannidis, über das DIVI-Meldesystem beobachten Sie sehr genau, wie es um die Bettenkapazitäten für Patienten bestellt ist. Wo steht Deutschland Ende September?

Die Zahlen steigen langsam wieder. Tag für Tag werden es ein paar mehr Patienten. Wir haben beispielsweise diese Woche, Stand 25. September, einen Zuwachs von 50 Patienten auf Intensivstationen in Deutschland. Vorher hatten wir wochenlang Ruhe. Während der ersten Welle im März und April gab es plötzlich sehr viele Patienten auf einmal. Derzeit entwickeln sich die Infektionszahlen zwar langsamer, aber stetig.

Besorgt Sie das?

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Im Moment stehen noch 30 Prozent der Intensivbetten leer. Wir sind also so gut aufgestellt wie kein anderes Land auf der Welt. Es ist aber schon auffällig, dass wir bereits einen Anstieg der Zahlen bemerken, obwohl das Wetter noch vergleichsweise gut war. Wenn jetzt noch die Kälte dazukommt und es nass wird, werden sich die Menschen wieder in den Innenräumen aufhalten. Deshalb rechnen die Krankenhäuser fest damit, dass die Zahl der Infizierten noch einmal deutlich steigen wird und damit auch wieder mehr Menschen behandelt werden müssen.

Zur Person: Mit dem Coronavirus kennt sich Prof. Christian Karagiannidis aus, ebenso mit Covid-19-Patienten und der Situation auf Deutschlands Intensivstationen. Bei der Deutschen interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin, kurz DIVI, ist er zudem maßgeblich am Ausbau und der Auswertung des landesweiten Registers zu Bettenkapazitäten für Covid-19-Patienten beteiligt. Als Facharzt für Innere Medizin, Pneumologie und Intensivmedizin arbeitet er am städtischen Krankenhaus Köln-Merheim. © Quelle: Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI)
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Die Sterberate ist im Vergleich zum Frühjahr allerdings viel niedriger.

Im Alltag sehen wir, dass es im Moment vor allem viele junge Menschen sind, die sich infizieren. Das Durchschnittsalter ist radikal heruntergegangen auf etwas über 30 Jahre. Aus dieser Gruppe kommen Patienten seltener ins Krankenhaus. Infizieren sich aber durch die stetige Virusausbreitung in der Bevölkerung wieder mehr ältere Patienten, nimmt auch die Anzahl schwerer Krankheitsverläufe wieder zu. Daran hat sich seit März nichts geändert.

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Corona-Hotspots in den großen Städten

Kann man bereits prognostizieren, welche Regionen in Deutschland stärker mit der Ausbreitung des Coronavirus zu kämpfen haben werden?

Wir werden ein ähnliches Muster sehen wie während der ersten Welle. Es zeichnet sich bereits ab, dass das Virus insbesondere in Bayern, Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen kursiert – und vor allem in Großstädten wie Hamburg, Berlin, Köln, München. Das sind auch die Städte mit den meisten Krankenhauspatienten.

Fühlen Sie sich denn gut gerüstet für Herbst und Winter?

Wir sind sicher besser vorbereitet, weil wir die Krankheit Covid-19 mehr verstehen und auch gelernt haben, was wir therapeutisch anders machen können. Die Abläufe in den Kliniken sind deutlich besser eingespielt. Im Winter müssen wir aber auch das medizinische Personal mitbedenken, das aus gesundheitlichen Gründen ausfallen könnte. Das wird ganz entscheidend sein.

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Im Frühjahr ging es noch darum, ausreichend Schutzkleidung zu besorgen, eigene Covid-Stationen im Krankenhaus aufzubauen, Beatmungsgeräte zu beschaffen.

Wenn wir ausreichend Intensivbetten und Beatmungskapazitäten für Covid-19-Patienten haben, aber keine Mitarbeiter aus der Pflege, nützt uns das gar nichts. Beatmungspflichtige Patienten mit Covid-19 liegen im Schnitt vier bis sechs Wochen und im Einzelfall auch länger im Krankenhaus, also doppelt so lange wie bei einer normalen Lungenentzündung. Es wurde wenig bedacht, dass es deshalb auch mehr Personal braucht.

Pflegemangel ist in vielen Krankenhäusern in Deutschland Alltag, das war auch vor der Pandemie schon so und ist die große Unbekannte im Moment. Im Winter wird sich zeigen, wie stark auch normale Erkrankungen wie grippale Infekte auf das Personal überschlagen. Davon hängt ab, wie viele Betten angeboten werden können und wie viele wegen Pflegemangel gesperrt werden müssen. Wir können also nur hoffen, dass der Krankenstand relativ niedrig bleibt.

Medikamente und Antikörper gegen Covid-19

Medikamente können helfen, aber nicht heilen. © Quelle: imago images/photothek
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Immerhin gibt es inzwischen zwei zugelassene Medikamente, die den Verlauf von Covid-19 weniger schlimm ausfallen lassen können. Welche Erfahrungen machen Mediziner damit im Krankenhaus?

Es gibt zwei Mittel, die flächendeckend eingesetzt werden. Dexamethason bekommen beatmete Covid-19-Patienten. Das scheint mit Blick auf unsere klinischen Erfahrungen wirklich eine Wirkung zu haben und kann das Sterberisiko ein Stück weit verringern.

Remdesivir ist vor allem in der frühen Phase der Erkrankung wirksam. Deshalb ist es wichtig, dass Covid-19-Patienten frühzeitig ins Krankenhaus kommen, möglichst innerhalb der ersten fünf Tage nach Beginn schwerer Symptome. Im Moment landen Patienten aber im Schnitt erst nach rund zehn Tagen auf der Intensivstation. Da spielt das Virus selbst dann nicht mehr so eine große Rolle im Körper, sondern vielmehr die Reaktion des Immunsystems oder die bakterielle Superinfektion.

Wann sollte ich bei einem Verdacht auf eine Corona-Infektion ins Krankenhaus kommen?

Wer hohes Fieber über 39 Grad entwickelt, starken Husten hat und sich wirklich krank fühlt, sollte frühzeitig vorstellig werden. Denn mit Remdesivir haben wir nur zu diesem Zeitpunkt eine wirkliche Chance. Spätestens wenn die Atemnot dazukommt, sollten Patienten auf jeden Fall die Notaufnahme eines Krankenhauses aufsuchen.

Hoffnung hat diese Woche die Nachricht von Forschenden der Berliner Charité gemacht, der zufolge bestimmte Antikörper zur möglichen Behandlung bei einer Corona-Infektion helfen könnten.

Gerade jüngere Patienten, die die Krankheit gut überstehen, haben einen hohen Anteil an Antikörpern gegen Sars-CoV-2 im Blut. Viele spenden Blut, daraus isolieren wir Plasma. Das verabreichen wir schon jetzt regelmäßig an unsere Intensivpatienten. Spenden kann man beispielsweise in den größeren Blutspendeeinrichtungen. Wir haben den Eindruck, dass der Krankheitsverlauf dadurch ein bisschen abgeschwächt wird. Aber das ist nicht der große Durchbruch bei der Behandlung von Covid-19-Patienten.

Coronavirus greift Lunge und Niere am stärksten an

Auf zwei Monitoren sind am Klinikum Stuttgart Computertomografieaufnahmen der Lunge eines Covid-19-Patienten zu sehen. Die linke Aufnahme wurde zu Beginn der Behandlung der Corona-Infektion angefertigt – die rechte Aufnahme 13 Tage später. Die Ausbreitung der weißen Bereiche in der rechten Aufnahme zeigen eine stärke Infektion mit Wassereinlagerungen in der Lunge. © Quelle: Sebastian Gollnow/dpa

Inzwischen hat sich auch gezeigt, dass Covid-19 keine reine Lungenkrankheit ist, sondern auch andere Organe angreifen und längerfristig schädigen kann.

Intensivmediziner beobachten, dass nach der Lunge die Niere am häufigsten betroffen ist. Bei Patienten wird dann eine Dialyse, also eine Blutwäsche, angewandt. Wir sehen auch, dass Herz und Hirn geschädigt werden können, auch langfristige neurologische Schäden kommen vor. Das passiert aber weitaus seltener. Was mich bei dieser Krankheit überrascht, ist, dass beatmete Patienten auch noch Monate nach der akuten Erkrankung strukturelle Veränderungen in der Lunge zeigen können. Dadurch sind sie in ihrer Belastbarkeit eingeschränkt.

Nach der Zeit auf der Intensivstation kommen Covid-19-Patienten aber wieder nach Hause?

Wem es gutgeht, der geht nach Hause. Viele Patienten kommen nach der akuten Behandlung aber in eine Rehaklinik. Da haben wir in Deutschland im Moment leider an vielen Stellen Abflussprobleme. Die Rehakliniken sind strenger in ihrem Vorgehen geworden und nehmen Covid-19-Patienten erst an, wenn ein PCR-Abstrich negativ ausfällt, also die Viruslast im Körper sehr gering ist. Das blockiert natürlich Kapazitäten auf den Intensivstationen.

Sie sagten in einem Gespräch im März, dass die Coronavirus-Pandemie ein Marathon wird. Trifft es das immer noch?

Wir müssen jetzt durchhalten. Das wird noch eine ganze Weile so gehen. Meine Befürchtung ist, dass die Leute mit der Zeit müde werden. An Infektionsschutzmaßnahmen wie Maske tragen und Abstand halten hat sich die Bevölkerung weitestgehend gewöhnt. Im Winter droht uns aber ein Szenario, bei dem das medizinische Personal erschöpft ist und einfach nicht mehr kann. Deshalb ist es jetzt wirklich ganz wichtig, die Pflegekräfte gut zu motivieren. Dazu gehört in meinen Augen auch, in diesen Zeiten einen finanziellen Bonus zu zahlen.

Es gibt Stimmen, die sagen, im Frühjahr sei es nicht notwendig gewesen, akute OPs zu verschieben, weil immer ausreichend Betten für Covid-19-Patienten vorhanden waren. Wie beurteilen Sie dieses Vorgehen im Nachgang?

Retrospektiv ist man immer schlauer. Hätten wir damals noch zwei Wochen mit dem Umbau in den Krankenhäusern gewartet und sich die Patientenzahlen plötzlich verdoppelt und verdreifacht, wären wir unglaublich schnell an die Belastungsgrenze gekommen. Aber wir haben einfach das wahnsinnige Glück gehabt, früh dran gewesen zu sein. Deshalb kann man eigentlich nur dankbar sein, dass die Betten frei standen.

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