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Studie zu Long Covid: Patienten nach einem Jahr noch mit Spätfolgen

Vor allem Personen, die während ihres Krankenhausaufenthalts künstlich beatmet werden mussten, waren nach einem Jahr häufig kurzatmig (Symbolbild).

Es ist eine der bisher umfangreichsten Längsschnittstudien, die sich möglichen Spätfolgen einer Corona-Erkrankung, auch Long Covid genannt, widmet: Ein Forscherteam von der Capital Medical University in Peking hat mehr als 1200 ehemalige Corona-Patientinnen und ‑Patienten untersucht, die zwischen Januar und Mai 2020 im Jin Yin-tan Hospital in Wuhan behandelt wurden. Diese mussten sechs beziehungsweise zwölf Monate nach ihrer Entlassung Fragen zu ihrem Gesundheitszustand beantworten, durchliefen körperliche Untersuchungen wie Lungenfunktionstests und Thorax-Computertomographien, und machten einen sechsminütigen Ausdauertest.

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„Wir stellten fest, dass sich die meisten Patienten während der Nachbeobachtung körperlich und funktionell gut erholt haben, und die Mehrheit der Studienteilnehmer, die vor Covid-19 berufstätig waren, kehrte an ihren ursprünglichen Arbeitsplatz zurück“, schrieben die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in ihrer Studie, die sie im Fachmagazin „The Lancet“ veröffentlichten. Bei einigen Corona-Patientinnen und ‑Patienten wurden sie jedoch auf Spätfolgen aufmerksam, die teilweise bis zu zwölf Monate nach der Erkrankung anhielten. Dies habe insbesondere Personen betroffen, die während ihres Krankenhausaufenthalts schwer erkrankt waren.

Long Covid geht mit psychischen Erkrankungen einher

Am häufigsten klagten die Studienteilnehmerinnen und ‑teilnehmer nach ihrer Erkrankung über Symptome wie Müdigkeit und Muskelschwäche, die – wie viele andere Beschwerden auch – mit der Zeit jedoch abklangen. Während nach sechs Monaten rund 68 Prozent der Patientinnen und Patienten unter mindestens einem Folgesymptom litten, waren es nach einem Jahr noch 49 Prozent. Die Zahl der Menschen, die über Kurzatmigkeit berichteten, nahm hingegen zu: Nach sechs Monaten hatte der Anteil der Betroffenen noch bei 26 Prozent gelegen, nach zwölf Monaten betrug er 30 Prozent. Vor allem Menschen, die während ihres Krankenhausaufenthalts künstlich beatmet werden mussten, waren nach einem Jahr häufig kurzatmig.

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Auch psychische Erkrankungen wie Depressionen und Angststörungen gehörten zu den Long-Covid-Symptomen der ehemaligen Corona-Patientinnen und ‑Patienten. Nach sechs Monaten berichteten 23 Prozent von ihnen über derartige Krankheitszeichen, nach einem Jahr waren es 26 Prozent. Warum der Anteil der psychischen Beschwerden während des Beobachtungszeitraums gestiegen ist, können sich die Forschenden nicht erklären. „Das könnte mit biologischen Prozessen zusammenhängen, die mit der Virusinfektion selbst zu tun haben oder der körpereigenen Immunantwort. Sie könnten aber auch mit den reduzierten Sozialkontakten, Einsamkeit, Jobverlust oder der nicht wieder vollständig hergestellten physischen Gesundheit zusammenhängen“, zitiert der „Spiegel“ die Studienautorin Xiaoying Gu vom Institute of Clinical Medical Sciences im China-Japan Friendship Hospital.

Gesundheitszustände vor den Infektionen sind nicht bekannt

Bei dem sechsminütigen Ausdauertest zeigten sich hingegen keine Unterschiede bezüglich des Anteils der Patientinnen und Patienten im unteren Normbereich: Nach sechs Monaten waren es 14 Prozent, nach einem Jahr 12 Prozent. Allerdings konnten die Forscherinnen und Forscher mithilfe der Lungenfunktionstests feststellen, dass bei 31 Prozent der Genesenen, die einst im Krankenhaus mit zusätzlichem Sauerstoff versorgt werden mussten, nach zwölf Monaten der Sauerstoffaustausch in der Lunge immer noch beeinträchtigt gewesen ist. Bei denjenigen, die nicht künstlich beatmet werden mussten, waren es 23 Prozent.

Was ist Long Covid? Und wer ist gefährdet?

Treten drei Monate nach einer Coronavirus-Infektion noch Symptome auf, spricht man vom Long-Covid-Syndrom. Betroffene werden zunehmend jünger, berichten Ärzte.

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Die Studie hat jedoch einige Limitationen: Zum einen wurden nur Corona-Patientinnen und ‑Patienten einer einzigen Klinik in Wuhan untersucht – und zwar zu einem noch relativ frühen Zeitpunkt in der Pandemie. Die deutlich ansteckendere Delta-Variante, die in Deutschland mittlerweile vorherrschend ist, war damals beispielsweise noch nicht im Umlauf. Zum anderen fehlten den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern Informationen über den Gesundheitszustand der Studienteilnehmerinnen und ‑teilnehmer vor ihrer Corona-Infektion.

Long-Covid-Symptome sind unspezifisch

Über Long Covid ist bislang wenig bekannt. Es mangelt nach wie vor an zuverlässigen, repräsentativen Daten zu den Corona-Spätfolgen. Die Deutsche Gesellschaft für Pneumologie (DGP) geht davon aus, dass rund 15 Prozent aller akut Corona-Erkrankten noch bis zu zwölf Wochen nach Krankheitsbeginn unter einem oder mehreren Folgesymptomen leiden.

Der Verband hat vor zwei Wochen eine neue Leitlinie zur Behandlung von Long Covid herausgebracht. Schon allein die Diagnose sei oft eine Herausforderung, sagte Michael Pfeifer, Pastpräsident der DGP, „denn Long Covid ist nicht an einen schweren Krankheitsverlauf von Covid-19 gebunden“. Selbst nach leichten oder milden Verläufen kann es zu Spätfolgen kommen.

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Problematisch sei auch die Vielfalt der Krankheitssymptome: „Wir haben es oft mit Beschwerden wie Kopfschmerzen, Konzentrationsstörungen oder einer extremen Abgeschlagenheit zu tun“, so Pfeifer. Diese unspezifischen Symptome stellen die Ärztinnen und Ärzte vor große Herausforderungen, denn sie müssen einschätzen, ob die Beschwerden tatsächlich im Zusammenhang mit einer Corona-Infektion stehen oder ob diese womöglich eine psychische Ursache haben. „Viele Fragen zu Diagnose und Therapie von Long Covid sind noch offen.“

Deutsche Studie untersucht Corona-Spätfolgen

Umso wichtiger sind Studien wie die aus Wuhan. Auch in Deutschland laufen bereits Untersuchungen zu den Corona-Spätfolgen. Eine Langzeitstudie wird derzeit von den Universitätskliniken in Kiel, Würzburg und Berlin durchgeführt. Erste Zwischenergebnisse sind am Montag bekannt geworden. Demnach berichtete etwa die Hälfte der 1400 untersuchten ehemaligen Corona-Patientinnen und ‑Patienten noch neun Monate nach überstandener Infektion über Long-Covid-Symptome.

„Aber das bedeutet nicht, dass alle diese Patienten vom Post-Covid-Syndrom betroffen sind“, merkte Thomas Bahmer, Leiter der Studie, im Gespräch mit den „Lübecker Nachrichten“ an. „Wir müssen genau hinsehen, welche Symptome von der Corona-Infektion herrühren und welche eine Folge der hohen psychischen Belastung sind, der wir alle in der Pandemie ausgesetzt sind.“ Die Unikliniken wollen ihre Erhebung in diesem und im kommenden Jahr fortsetzen, um die Auswirkungen der einzelnen Infektionswellen auf die Häufigkeit von Long Covid beurteilen zu können.

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