Lange Wartelisten in der Logopädie: Wie sich die Pandemie auf das Sprechen der Kinder auswirkt

  • Während der Corona-Krise hat Kindern lange ein wichtiges Training für das Sprechen gefehlt: der Kontakt zu Gleichaltrigen.
  • Sprach- und Sprechstörungen werden immer häufiger, die Pandemie könnte diesen Effekt laut Expertinnen und Experten noch verstärken.
  • Jedoch: Gleichzeitig fehlen in der Logopädie Fachkräfte.
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In der Schule hat so mancher einen Tadel fürs Quatschen im Unterricht kassiert. Dafür sei die Pause da. Die wurde dann ausgiebig genutzt, um zu quasseln und zu spielen. Seit Beginn der Corona-Krise waren Schulen und auch Kitas immer wieder geschlossen. Zu Hause bleiben statt auf dem Spielplatz toben, so lautete die Devise.

Wer – wie während der Pandemie – weniger unter Leuten ist, dem fehlen die Gelegenheiten zu sprechen. „Wir nehmen an, dass das Homeschooling verschiedene Auswirkungen auf die Sprachfähigkeiten von Kindern gehabt hat oder hat“, schreiben Katrin Neumann und Denise Siemons Lühring auf Anfrage des RedaktionsNetzwerks Deutschlands (RND). Neumann ist Direktorin der Klinik für Phoniatrie und Pädaudiologie des Universitätsklinikums Münster und Siemons-Lühring dort wissenschaftliche Mitarbeiterin sowie Logopädin.

Gespräche mit Gleichaltrigen sehr wichtig

Einerseits könnten bestehende Sprachentwicklungsstörungen nicht ausreichend erkannt und behandelt worden sein. Die Bedürfnisse von Kindern mit Lese- und Rechtschreibschwächen hätten vielleicht via Fernunterricht weniger berücksichtigt werden können. Außerdem vermuten die beiden Expertinnen, dass das Entstehen bestimmter Störungen durch das Homeschooling begünstigt worden sein könnte. Als Beispiel nennen sie selektiven Mutismus – eine Angststörung, bei der Kinder in bestimmten Situationen schweigen, obwohl sie sich ihrem Alter entsprechend ausdrücken können.

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„Auch für Kinder ohne vorherige Schwierigkeiten in der Sprachentwicklung wird es vermutlich Folgen haben“, so Neumann und Siemons-Lühring. Sie verweisen darauf, dass nach langen Phasen des Homeschoolings alle Schülerinnen und Schüler wieder darin trainiert werden müssten, sich an langen Schultagen und in vollen Klassen zu konzentrieren. „Auch müssen sie ihre kommunikativen Kompetenzen (wieder) aufbauen, üben und entfalten“, erklären die Expertinnen des Uniklinikums Münster. Das könne einige Monate dauern.

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Außerdem betonen die beiden, wie wichtig es für die Entwicklung sprachlicher Kompetenzen sei, dass Kinder viel mit Gleichaltrigen sprechen. „Sie führen untereinander Gespräche, machen Rollenspiele und Kinderwitze, streiten und verhandeln über Spielsachen und Spielideen, erzählen von ihren Ängsten und Plänen. Diese Gespräche können Eltern nicht ersetzen.“

Spott und mangelndes Selbstwertgefühl

Immer häufiger werden bei Kindern Sprach- und Sprechstörungen diagnostiziert – auch schon vor der Corona-Krise. Um 56 Prozent stieg die Zahl der von Sprach- und Sprechstörungen betroffenen Sechs- bis 18-Jährigen zwischen 2009 und 2019. So lautet ein Ergebnis einer Studie der Kaufmännischen Krankenkasse (KKH), veröffentlicht Ende vergangenen Jahres. Jeder elfte Junge und jedes 18. Mädchen seien betroffen.

Auch die KKH geht davon aus, dass das Homeschooling während der Corona-Krise der Sprachkompetenz von Kindern geschadet haben könnte. „Entscheidend für die Entwicklung von Kindern ist es, Sprachauffälligkeiten frühzeitig zu erkennen und darauf einzugehen oder sogar therapeutisch zu behandeln“, sagt KKH-Mediziner Bastian Resch. „In einigen Fällen führen Sprachstörungen zu Spott durch andere Kinder. Das kann die Betroffenen zum Stillschweigen bringen und sie auch psychisch stark belasten, was ihrem Selbstwertgefühl schaden und zu Ängsten führen kann.“

Was sind Sprachentwicklungsstörungen?

Was sind aber nun eigentlich Störungen der Sprachentwicklung? Dazu zählen laut der KKH Wortschatzdefizite und Schwierig­keiten, bestimmte Laute zu artikulieren oder auch Sätze zu bilden und zu verstehen. Ursachen gebe es ganz verschiedene: etwa eine Hörstörung, Erbkrankheiten oder mangelnde Sprachförderung in der Familie. Verbringen Kinder viel Zeit mit Fernseher, PC und Smartphone, könne dies die Symptome verstärken.

Für Eltern sei es nicht so leicht einzuschätzen, ob ihr Kind altersgerecht spricht, sagt Mediziner Resch. Wachsam sollten sie dennoch sein. „Achten Sie auf die Entwicklung Ihres Kindes und haben Sie vor allem Geduld, denn die Sprachentwicklung ist ein Prozess, der Zeit benötigt“, rät der Experte. Sprachentwicklungsstörungen würden in der Regel während der U-Unter­suchungen beim Kinderarzt festgestellt werden. Liegt eine entsprechende Verordnung des Arztes oder der Ärztin vor, übernehmen gesetzliche Krankenkassen die Kosten für die Therapie in der Logopädiepraxis.

Lange Wartelisten in Logopädiepraxen

Bis sie diese betreten, dauert es jedoch oft lange. 8,4 Wochen warten Menschen in Nordrhein-Westfalen laut einem Bericht des Gesundheitsministeriums des Landes aus dem Jahr 2017 auf einen Termin in der Logopädiepraxis. Auch aktuell gebe es das Problem mit den langen Wartelisten vielerorts in Deutschland, ergibt eine Nachfrage beim Bundesverband für Logopädie (DBL). Kein Wunder: Auf 100 freie Stellen kommen gerade einmal 32 Arbeitslose, zitiert die Zeitschrift „Forum: Logopädie“ (Ausgabe November 2020) eine Statistik der Bundesagentur für Arbeit.

Ein möglicher Grund für den Mangel an Fachkräften ist die Bezahlung. Im Jahr 2019 erhielten in Vollzeit beschäftigte Logopädinnen und Logopäden einen durchschnittlichen Bruttolohn in Höhe von 2575 Euro pro Monat. Das geht aus dem Entgeltaltas der Arbeitsagentur hervor. Immerhin, im vergangenen Jahr stieg der Durchschnittslohn um knapp 140 Euro. Der Grund für die Lohnsteigerung von 5,4 Prozent liegt vor allem im Terminservice- und Versorgungsgesetz (TSVG). Durch dieses gelten nun bundesweit einheitliche Vergütungssätze, auch für Logopädiepraxen. Die Sätze orientieren sich an den jeweils zuvor höchsten vereinbarten Preisen für eine Leistung.

Ausbildung nicht bezahlt

Doch auch mit nun im Mittel 2714 Euro bekommen Logopädinnen und Logopäden immer noch weitaus weniger als der Durchschnitt. Ein vollzeitbeschäftigter Arbeitnehmer verdiente im Jahr 2020 im Schnitt 3975 Euro im Monat, informiert das Bundesamt für Statistik.

Die finanzielle Situation ist also eher mau – für viele schon während der dreijährigen Ausbildung, die mit einer staatlichen Abschlussprüfung abschließt. Wer in einer Einrichtung unterkommt, in der der Tarifvertrag für Auszubildende des öffentlichen Dienstes gilt, verdient laut der Bundesagentur für Arbeit etwas mehr als 1000 Euro brutto im Monat. Wer dagegen eine öffentliche Schule besucht, bekommt kein Geld – und Privatschulen erheben oftmals Gebühren.

Außerdem kann man Logopädie an einigen Hochschulen studieren. Fachverbände fordern seit Jahrzehnten, dass ein akademischer Abschluss für Logopädinnen und Logopäden zur Pflicht wird. In europäischen Nachbarländern sei dies „aufgrund der hochkomplexen Tätigkeitsfelder in Diagnostik und Therapie“ längst üblich, informiert der DBL.

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