Lockdown in Deutschland entschärfen? Was Experten davon halten

  • Die Corona-Fallzahlen in Deutschland sinken inzwischen kontinuierlich.
  • Grund genug, um jetzt erste Maßnahmen wieder zu lockern?
  • Experten glauben, dass es für Lockerungen noch zu früh ist.
Laura Beigel
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Am kommenden Mittwoch wollen Bundeskanzlerin Angela Merkel und die Ministerpräsidenten der Länder darüber beraten, ob sie den Lockdown in Deutschland noch einmal verlängern oder erste Corona-Maßnahmen lockern. „Die Zahlen sind ermutigend, es gibt bei den Neuinfektionen einen spürbaren Trend nach unten“, sagte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn jüngst den Zeitungen der Funke-Mediengruppe. „Aber man kann noch nicht abschließend sagen, wo wir am 14. Februar stehen.“

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Das Robert-Koch-Institut (RKI) meldete am Donnerstagmorgen 14.211 Corona-Neuinfektionen sowie 786 neue Todesfälle im Zusammenhang mit Sars-CoV-2. Beide Werte sind geringer als noch in der Vorwoche – ein Trend, der sich seit Mitte Januar in Deutschland abzeichnet. Die bundesweite Sieben-Tage-Inzidenz lag bei 80,7 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner, der Sieben-Tage-R-Wert am Mittwochabend bei 0,83. Sollte diese positive Entwicklung der Fallzahlen jetzt also Lockerungen zur Folge haben?

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Gesundheitssystem hat sich noch nicht von der zweiten Corona-Welle erholt

Davon rät der Virologe Christian Drosten von der Berliner Charité ab. Er plädierte am Dienstag im Podcast „Coronavirus-Update“ bei NDR-Info stattdessen dafür, genau zu überprüfen, wo und in welcher Form Corona-Regeln gelockert werden. Auf den Schutz der Corona-Impfungen könne man noch nicht vertrauen: „Für die Zeit bis Ostern können wir noch nicht viel an Bevölkerungsschutz durch die Impfung erwarten.“ Würden Maßnahmen zu früh gelockert, könne das zahlreiche schwere Krankheitsverläufe in der Altersgruppe der 40- bis 60-Jährigen nach sich ziehen, prognostizierte Drosten.

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Erst müsse klar sein, ob Geimpfte weiterhin ansteckend sein können.  © dpa

Epidemiologe Prof. Timo Ulrichs von der Berliner Akkon-Hochschule für Humanwissenschaften glaubt ebenfalls, dass es noch zu früh ist, um Maßnahmen zu lockern. „Wir müssen noch eine ganze Weile diszipliniert bleiben“, sagte er dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). Anzustreben sei eine Sieben-Tage-Inzidenz von 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner oder weniger. „Auch die Lage in unserem Gesundheitssystem erlaubt es noch nicht, Lockerungen zuzulassen, denn viele Bereiche arbeiten immer noch an ihrer Belastungsgrenze.“

Divi-Präsident: Lage auf Intensivstationen bleibt bis Ostern angespannt

Unter Stress stehen beispielsweise weiterhin die Intensivstationen in Deutschland. Die Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (Divi) meldete am Donnerstag 4178 Covid-19-Patienten, die in 1281 Krankenhäusern behandelt werden müssen. Mehr als 22.000 Intensivbetten sind aktuell belegt, 4335 noch frei.

„Ich plädiere nicht für eine unendliche Verlängerung des Lockdowns“, sagte Divi-Präsident Gernot Marx dem Nachrichtenportal „t-online“. „Aber es ist zwingend erforderlich, dass wir die geltenden Maßnahmen mindestens um zwei Wochen verlängern.“ Bis Ostern, vermutet er, bleibe die Lage auf den Intensivstationen „sehr ernst“. Von einer Entspannung könne erst bei weniger als 1000 Corona-Intensivpatienten die Rede sein.

Schulen und Kitas zuerst bei Lockerungen bedenken

Auch Bundesgesundheitsminister Spahn hatte sich zurückhaltend über mögliche Lockerungen der Corona-Maßnahmen geäußert. „Wir können nicht den ganzen Winter in diesem harten Lockdown bleiben“, sagte er. „Das würden wir nicht gut aushalten als Gesellschaft.“ Bei den Lockerungen seien „auf jeden Fall zuerst Kitas und Schulen dran“, ehe dann Maßnahmen in anderen Bereichen abgemildert werden könnten.

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„Das halte ich auch für sinnvoll“, so Ulrichs. „Denn Schulen und Kitas gewährleisten Lernen und Bildung und beides sollte oberste Priorität haben – auch wenn das bedeutet, dass in anderen Bereichen noch nicht gelockert werden kann, um Schulen und Kitas in ihrem Betrieb nicht (wieder) zu gefährden.“ Der Epidemiologe empfiehlt, dass zunächst Kita- und Grundschulkinder in ihre Lernstätten zurückkehren, „denn hier ist die Weiterverbreitungsgefahr am geringsten“.

Bundesländer erarbeiten Stufenpläne

Welche Maßnahmen in welcher Reihenfolge gelockert werden, darüber haben sich auch die Bundesländer Niedersachsen und Schleswig-Holstein Gedanken gemacht – und Stufenpläne erarbeitet. Dabei gelten je nach Sieben-Tage-Inzidenz unterschiedliche Corona-Maßnahmen. Liegt die Sieben-Tage-Inzidenz bei unter 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner soll beispielsweise in den niedersächsischen Schulen wieder Präsenzunterricht stattfinden und der Einzelhandel mit Hygienekonzepten öffnen dürfen. Steigt die Sieben-Tage-Inzidenz werden die Maßnahmen wieder verschärft. So ähnlich will auch Schleswig-Holstein verfahren.

„So wird es besser gelingen, die Menschen mit ins Boot zu holen“, sagte Klaus Stöhr im RND-Interview. „Sie wissen dann, was sie erwartet, und das Stolpern von Lockdown zu Lockdown wird durch einen transparenten, vorhersagbaren Maßnahmenkatalog ersetzt.“ Es brauche zudem eine mehrdimensionale Bewertung des Geschehens, damit Maßnahmen zielgerecht eingesetzt werden könnten. Aber: Stufenpläne zu entwickeln, ist nach Einschätzung des Epidemiologen sinnvoller, als eine Inzidenz gegen null anzustreben. „Zero-Covid, das ist zero realistisch.“

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Ausbreitung der Virusvarianten entscheidend

Ob Bund und Länder erste Corona-Maßnahmen in Deutschland lockern, hängt nicht nur von den Fallzahlen oder der Auslastung der Intensivstationen ab, sondern auch von der Ausbreitung neuer Virusvarianten. RKI-Präsident Lothar Wieler zeigte sich in der Bundespressekonferenz am vergangenen Freitag besorgt über die Mutationen und deren Auswirkungen auf das Infektionsgeschehen. „Einen neuen starken Anstieg der Fallzahlen würden die Intensivstationen derzeit definitiv nicht verkraften“, sagte Wieler.

Noch vor dem Bund-Länder-Treffen will das RKI erste Ergebnisse zur Verbreitung der Virusvarianten in Deutschland bekannt geben. Auch Divi-Präsident Marx bereiten die Mutationen „sehr große Sorge“, denn sie könnten unter Umständen eine dritte Corona-Welle auslösen. „Wenn die beginnt, bevor wir die zweite Welle hinter uns gebracht haben, ist das erneut eine zusätzliche extreme Belastung für die Krankenhäuser.“

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