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  • Lockdown vermeiden: Wie und wo infizieren sich Menschen? - Epidemiologe im RND-Interview

Kommt ein neuer Lockdown? Nicht wenn wir verstehen, wie und wo sich Menschen infizieren

  • Noch immer stellt die Corona-Pandemie die Menschen vor große Herausforderungen. Wie entwickelt sich die Corona-Pandemie weiter? Welche Maßnahmen haben wann Sinn?
  • Der Epidemiologie Adam Kucharski erklärt im RND-Interview, warum das Verständnis von Ausbrüchen entscheidend für die Wirksamkeit der Maßnahmen ist.
  • Er sagt: Wenn man ganz genau versteht, wie und wo Menschen sich infizieren, könne man einen Lockdown verhindern.
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Adam Kucharski ist Assistenzprofessor an der London School of Hygiene und Tropical Medicine. Er erforscht Seuchen wie Ebola, das Denguefieber, das Zika-Virus und Covid-19. Kucharski nutzt dabei mathematische Modelle, um Kranheitsausbrüche, aber auch die Auswirkungen von Sozialverhalten auf Immunität und Übertragung zu verstehen. In seinem neuen Buch „Das Gesetz der Ansteckung“ beschreibt Kucharski, warum die Ausbreitung des Coronavirus bekannten Gesetzen folgt. Im RND-Interview spricht er darüber, wovon die Effektivität von Maßnahmen in der Pandemie abhängt, warum es falsch ist, sich nur auf den Ursprung einer Pandemie zu konzentrieren und welche Unterschiede es zwischen Grippewellen und der Covid-19-Pandemie gibt.

Herr Kurcharski, Sie zitieren in Ihrem Buch eine Art Sprichwort: „Wenn du eine Pandemie gesehen hast, dann hast du ... eine Pandemie gesehen.“ Wieso ist jede Pandemie so unterschiedlich?

Die Geschichte zeigt uns, dass jeder Ausbruch unterschiedliche Merkmale aufweist und wir etwas lernen können, wenn wir sie miteinander vergleichen. Aber wir müssen immer damit rechnen, dass etwas Unerwartetes geschieht, etwas, das bisher noch nie geschehen ist. Covid-19 ist dafür ein gutes Beispiel: Es gibt einerseits Ähnlichkeiten mit Influenza, aber auch mit Sars. Am Anfang, als wir versucht haben, die Übertragung von Sars-CoV-2 zu verstehen, ging es darum, herauszufinden, wie sie sich im Vergleich zu anderen Ausbrüchen verhält. Denn das ist eine der großen Herausforderung, wenn man die Reaktion auf einen Ausbruch plant: Am Ende kommt es darauf an, wie sich das Virus verhält.

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Wie verhält sich Sars-CoV-2 denn im Vergleich zu der Sars-Pandemie oder Grippewellen?

Es gibt verschiedene Faktoren, die beeinflussen, wie sich ein Virus verbreitet. Zuerst ist da die Mensch-zu-Mensch-Übertragung. Wir fassen sie für gewöhnlich mit dem Reproduktionswert zusammen: Wie viele Menschen infiziert ein Infizierter? In dieser Hinsicht sind sich Sars und Covid-19 ähnlich, die Grippe ist für gewöhnlich im Vergleich eher weniger ansteckend. Ein anderer Faktor ist die Schwere der Erkrankungen: Sars ist offensichtlich sehr viel schlimmer als Covid-19, aber Covid-19 ist schwerwiegender als die durchschnittliche Grippesaison.

Die dritte Sache, die einen großen Unterschied bei der Kontrolle macht, ist, ob Menschen ohne Symptome ansteckend sein können. Es war möglich, Sars unter Kontrolle zu bringen, weil die meisten Menschen krank waren, wenn sie ansteckend waren. Das macht es einfach, die Infizierten und ihre Kontakte zu identifizieren. Die Herausforderung bei der aktuellen Pandemie ist es, dass viele Menschen ansteckend sein können, ohne dass sie Symptome haben. Zu dem Zeitpunkt, an dem man also jemanden mit Symptomen ausmacht, gab es wahrscheinlich schon unentdeckte Ansteckungen.

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Welche Konsequenzen hat das für die Reaktion auf die Pandemie?

Es macht reaktive Strategien sehr schwierig. Wenn Ihre Strategie darauf aufbaut, jemanden zu erkennen, der krank ist, dann tickt die Uhr ab diesem Moment bereits schon. Dann gibt es bereits Übertagungen und Sie müssen sehr hart arbeiten, um zu verhindern, dass der Ausbruch wächst. Was wir in vielen Ländern gesehen haben, sind vorbeugende Maßnahmen wie Grenzkontrollen oder Social Distancing. Das verhindert offensichtlich, dass es zu Ausbrüchen kommt und dass man ihnen hinterherjagen muss. Aber der Nachteil ist, dass diese Maßnahmen sehr viel störender sind. Die ideale vorbeugende Maßnahme wäre natürlich ein Impfstoff.

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Sie selbst haben sich mit den Effekten des sogenannten „backward contact tracing“, also der Rückverfolgung von Kontakten, befasst. Wie kann das helfen?

Weil Covid-19 ein großes Potenzial für Superspreading hat, erfolgt die Übertragung tendenziell in Clustern. Es gibt einen kleinen Anteil von Ereignissen, die zu einem Großteil der Übertragungen führt. Das bedeutet: Wenn Sie einen neuen Fall identifizieren, stammt er wahrscheinlich aus einem Cluster. Es liegt also ein großer Wert darin, zurückzugehen und herausfinden, wer noch in diesem Cluster verknüpft war. So identifiziert man Infektionen, die übersehen worden wären, wenn man nur darauf wartet, wer krank wird.

Sie schreiben, dass wir dazu tendieren, uns auf dem Anfang, den Ursprung einer Pandemie zu fokussieren. Warum ist das Ihrer Meinung nach falsch?

Während die Zahlen in Europa zunahmen, widmete sich zum Beispiel ein großer Teil der Berichterstattung der Frage, von welchem Tier das Coronavirus übergesprungen war – anstatt zu überlegen, was man jetzt tun sollte. Natürlich ist es wichtig zu wissen, wie und wo Übertragungen geschehen, aber sich zu sehr auf den ersten Schritt zu fokussieren, kann von wichtigeren Fragen ablenken. Im Januar und Februar, als die Aufmerksamkeit auf importierten Fällen aus Asien lag, gab es bereits viele Übertragungen in Europa. In Großbritannien zum Beispiel stammte ein Großteil der Infektionen aus Italien, Spanien und Frankreich – nicht von weiter weg.

Warum ist das so?

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Ganz generell kann man sagen: Wenn es um die Verbreitung von Informationen geht, schätzen wir Geschichten über Menschen. Und natürlich spielt auch die Schuldfrage eine Rolle. Wenn es einen Ausbruch gibt, dann gibt es diese Tendenz zu sagen: Jemand hat das und das gemacht und deshalb gibt es jetzt diesen Ausbruch. Tatsächlich ist es meistens einfach Zufall. Es gibt in vielen Ländern Ausbrüche auf Hochzeiten – wenn sich der betroffene Gast jedoch eine Woche später infiziert hätte, hätte es den Ausbruch vielleicht nicht gegeben. Wir müssen daher vorsichtig sein, nicht zu einfache Erklärungen zu konstruieren, denn sie entsprechen möglicherweise nicht der Realität.

Auf welche Kennzahlen sollten wir uns derzeit konzentrieren?

Wenn die Fallzahlen groß sind wie derzeit in Europa, dann sind es Kennzahlen wie etwa die Reproduktionszahl, die Zeitskala oder das Potenzial für Superspreading. Wenn die Fallzahlen gering sind, kann man auf feinere Messgrößen achten. Eine Schlüsselinformation ist zum Beispiel zu verstehen, wie Ausbrüche entstehen. Denn wenn es nur wenige Neuinfektionen gibt und man weiß, wo sie aufgetreten sind, dann befinden sich die Menschen mit Neuinfektionen idealerweise schon in Quarantäne. Einer der Gründe, warum Länder im Lockdown landen, ist, dass sie nicht verstehen, wie die Infektionen passieren. Leider sieht es so aus, als seien einige Länder wieder auf dem Weg dorthin zurück.

Wenn wir also ganz genau verstehen, wie und wo Menschen sich infizieren, kann man einen Lockdown verhindern?

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Ja, es gibt einen Rückkopplungseffekt zwischen dem Verständnis eines Ausbruchs und der Fähigkeit, ihn zu kontrollieren. Wenn alles funktioniert, dann sind Mittel wie Kontaktnachverfolgung oder Tests geeignet, um Infektionen zu verhindern und die Kontrollmaßnahmen noch effektiver zu machen. Aber wenn Sie nicht mehr wissen, wo Übertragungen passieren, dann können Sie sich auch nicht mehr sicher sein, dass Ihre Maßnahmen zielgerichtet und effektiv sind. Das hat dann ein noch schlechteres Verständnis des Ausbruchsgeschehens zur Folge und Sie müssen wieder strengere Maßnahmen einsetzen – wodurch sie das Ausbruchsgeschehen wieder schlechter verstehen.

Vieles hängt in diesen Tagen von statistischen Modellen ab. Wie gut sind diese Modelle?

Modelle sind hilfreich, weil sie gerade in den frühen Stadien einer Pandemie Informationen aus vorläufigen Daten extrahieren können. Sie sind auch hilfreich, um nach alternativen Szenarien zu suchen: Würde sich eine Verbesserung der Kontaktnachverfolgung auf die Infektionszahlen auswirken? Doch jeder, der behauptet, sicher sagen zu können, was diese Pandemie in den kommenden Jahren tun wird, hat die Komplexität der Situation nicht begriffen. Eine große Herausforderung besteht darin, das menschliche Verhalten zu verstehen, denn so viel hängt davon ab, was beispielsweise die Regierungen tun werden.

Kann man denn derzeit sagen, welche Maßnahmen effektiv sind und welche nicht?

Wir wissen, was gut funktioniert, wenn die Fallzahlen gering sind: Wir wissen, dass viele Infektionen durch Superspreading-Events geschehen. Maßnahmen, die darauf abzielen, haben es Ländern erlaubt, Infektionen in den Griff zu kriegen – besonders wenn sie mit guter Testung verbunden waren. Aber das wird, wie gesagt, deutlich schwerer, wenn die Fallzahlen wieder steigen.

Adam Kucharski: „Das Gesetz der Ansteckung: Was Pandemien, Börsencrashs und Fake News gemeinsam haben", Oktober 2020, Hirzel Verlag, gebunden 26 €. © Quelle: Hirzel

Gibt es etwas, das Sie bei den Reaktionen auf Covid-19 überrascht hat?

Es hat mich wirklich überrascht, wie verschieden die weltweiten Reaktionen ausgefallen sind. Viele Länder hatten Pandemiepläne, aber es wäre schwer gewesen vorauszusagen, welche Werkzeuge sie verwenden, welche Strukturen und Stärken in ihrer Bevölkerung und der Regierung es gibt, die es ihnen erlaubten, schneller zu handeln oder sie zu verlangsamen. Ein anderer Punkt ist der Effekt auf andere Krankheitserreger: Wenn man sich Australien und Neuseeland anschaut, dann gab es dort keine Grippesaison. Was immer sie gegen das Coronavirus unternommen haben, ist also auch gegen Grippen effektiv.







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