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Lockdownlockerungen in Österreich: Frühlingsgefühle und die Angst vor der dritten Welle

  • Leichtsinn oder Pragmatismus? In Österreich sind Einkaufsmeilen und Museen wieder geöffnet.
  • Doch die südafrikanische und britische Corona-Varianten breiten sich rasch in dem Land aus.
  • Epidemiologen warnen vor einem Spiel mit dem Feuer.
Simone Brunner
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Auf der wichtigsten Einkaufsstraße Wiens, der Mariahilfer Straße, haben sich wieder lange Schlangen gebildet. Einkaufslustige, Schnäppchenjäger und Flaneure drängen sich vor Geschäften und frisch dekorierten Schaufenstern. Doch es gibt auch noch ganz andere Warteschlangen – zum Beispiel vor der Essenz-Apotheke Maria Hilf. „Covid-19-Teststation“ steht über einem Fenster, aus dem sich immer wieder eine Frau in Schutzmontur beugt und den Herantretenden mit einem Stäbchen in der Nase kratzt. „Und? Ist es sehr unangenehm?“, fragt eine Passantin einen jungen Mann, der gerade getestet wurde.

Das Bild der Teststation inmitten der Shoppingmeile wirkt noch etwas ungewohnt, aber wer sich etwa die Haare schneiden lassen will, muss frisch negativ getestet sein.

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Frühlingserwachen nach sechs Wochen Lockdown

Es ist ein klirrend kalter Februartag unter strahlender Sonne. „Kaiserwetter“ nennen das die Wiener. Statt sich wie den halben Winter über in den Wohnungen zu verkriechen, treibt es nun viele Wiener wieder auf die Straße. Österreich hat seine Corona-Maßnahmen gelockert, zum ersten Mal haben in der vergangenen Woche wieder alle Geschäfte, Museen und Schulen geöffnet. Eine Art Frühlingserwachen liegt nach sechs Wochen Lockdown über der Stadt, auch wenn Restaurants und Hotels noch geschlossen sind.

Ist Österreich leichtsinnig – oder handelt die Regierung einfach nur pragmatisch, wenn sie den Menschen ein gutes Stück Alltagsleben zurückgibt?

So unbeschwert wie schon lange nicht mehr

Überschattet werden die Öffnungen von der Ausbreitung der südafrikanischen und britischen Corona-Varianten, die Reiserückkehrer ins Land getragen haben. „Mutationsgebiet“, so nannte der bayerische Ministerpräsident Markus Söder zuletzt etwa das Bundesland Tirol, seit dem gestrigen Sonntag gibt es wieder Grenzkontrollen bei der Einreise nach Deutschland.

Das scheint paradox, denn das öffentliche Leben in Wien wirkt so unbeschwert wie schon lange nicht mehr. Wer durch die Stadt spaziert, trifft auf Händler, die aufatmen, weil sie endlich wieder aufsperren können. Auf Schüler, die sich auf den Unterricht in ihrer Klasse freuen. Auf Stadtbummler, die ihren eigenen vier Wänden entfliehen und auf Eltern, die mit ihren Kindern wieder ins Museum gehen.

„Das Geschäft läuft mäßig an“

Wie Irena, eine Frau um die 40, die mit ihrem kleinen Sohn die Mumien im Kunsthistorischen Museum studiert. „Daheim fällt uns schon die Decke auf den Kopf“, sagt sie. Oder Eva und Peter, ein Ehepaar um die 60, das durch die hohen, prächtigen Museumsräume streicht und sich in ein Gemälde von Peter Paul Rubens vertieft hat. „Kulturelle Ausstellungen haben uns einfach sehr gefehlt“, sagt Eva. So sehr, dass sich ihr Mann Peter für diesen Ausflug sogar einen Urlaubstag genommen hat.

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Wenige Hundert Meter weiter, in einer Seitenstraße der gut besuchten Shoppingmeile, steht Daniela Bauer vor ihrem Friseursalon und seufzt erleichtert. Hinter den großen Fensterfronten des prächtigen Altbauhauses wird geföhnt, geschnitten, gewaschen, immer wieder wirft Bauer den Kundinnen, die bei ihr ein und aus gehen, ein herzliches „Servus“ oder „Ciao“ zu. „Natürlich bin ich froh, dass wir wieder offen haben“, sagt sie, „aber das Geschäft läuft mäßig an.“ Zu ungewohnt seien noch die Covid-19-Tests, zu groß die Skepsis, vielleicht auch die Angst vor Ansteckung. Doch an einem Tag wie diesem überwiegt bei Bauer trotzdem der Optimismus: „Ich nehme es, wie es kommt. Ich bin eine Kämpferin.“

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Sieben-Tage-Inzidenz ist deutlich höher als in Deutschland

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Aus Deutschland blickt man ungläubig nach Österreich, immerhin ist in der Alpenrepublik die Sieben-Tage-Inzidenz mit knapp 105 deutlich höher als in Deutschland (57,4). Irland hat Österreich zuletzt aufgrund der Mutante sogar auf die „rote Liste“ gesetzt. Warum hat sich die Wiener Bundesregierung trotzdem für die Öffnungen entschieden?

„Damit schaffen wir wieder erste Perspektiven“, erklärt Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Grüne) schriftlich auf Anfrage. Und die Mutationen? Anschober spricht von „verschärften Schutzmaßnahmen“ aus Tests, Masken und Sicherheitsabständen und hofft, dass bis Ostern eine Million Menschen in Österreich geimpft werden: „Damit wollen wir in der schwierigen Phase der Pandemie – den Wochen bis Ostern – Zeit gewinnen.“

Sorge vor der dritten Welle

Von einem „Spiel mit dem Feuer“ spricht hingegen der Epidemiologe Gerald Gartlehner von der Donau-Universität Krems. Umso mehr, nachdem sich gerade Tirol zu einem europäischen Hotspot der südafrikanischen Mutante entwickelt hat – mit noch unbekannten Auswirkungen. Tagelang wurde zwischen Bundesregierung und Landesregierung um eine Lösung gerungen, erst seit Freitag gilt eine strenge Testpflicht für Ausreisende aus Tirol. Wertvolle Zeit ist verloren gegangen, kritisiert Gartlehner: „Man hätte die betroffenen Gebiete schon viel früher unter regionale Quarantäne stellen müssen.“ Er warnt vor einer dritten Welle, die das Land schon Ende Februar oder Anfang März erreichen könnte: „Österreich hat dabei deutlich schlechtere Karten als Deutschland.“

Ein einzelnes Fahrzeug ist auf der leeren Autobahn A 93 bei Kiefersfelden unterwegs. Die verschärften deutschen Einreiseregeln an den Grenzen zu Tschechien und zum österreichischen Bundesland Tirol zum Schutz vor gefährlichen Varianten des Coronavirus sind in der Nacht zu Sonntag in Kraft getreten. © Quelle: Angelika Warmuth/dpa

Wie er sind längst nicht alle mit den Lockerungen einverstanden. Alexandra Zumoberhaus steht hinter dem Tresen ihrer Buchhandlung, eine große Glasscheibe trennt sie von den Kunden. Die Buchhändlerin ist wütend. „Mir wäre der restriktive, deutsche Weg lieber“, sagt sie. Die gebürtige Schweizerin betreibt mit ihrem Mann und ihrem Schwager den kleinen Laden im Wiener Hipster-Bezirk Neubau, Romane und Kinderbücher liegen in der Auslage, drinnen fragt ein Kunde nach Südtirol-Reiseführern. „Obwohl ich ein wirtschaftliches Interesse daran habe, dass wir offen haben“, sagt Zum­oberhaus, „halte ich die Öffnungen für einen Fehler.“

Sie ärgert sich über den lockeren Umgang mit Corona, wie im Sommer, als das Gefühl vermittelt wurde, die Pandemie sei vorbei und zwischendurch sogar das Maskengebot fiel, bevor die zweite Welle das Land überrollte. Warum hat sie dennoch ihr Geschäft geöffnet? Sie seufzt. „Wir sind hier in einer Einkaufsstraße“, sagt sie, „und wenn du als Einziger nicht aufmachst, wenn es alle um dich herum tun, verlierst du erst recht wieder Kunden.“

Viele Österreicher sind lockdownmüde

Doch was wäre die Alternative gewesen? Die Verlängerung des Lockdowns wie in Deutschland? „Man muss natürlich auch berücksichtigen, dass die Bevölkerung in Österreich einfach nicht mehr willens war, einen Lockdown länger mitzutragen“, sagt der Epidemiologe Gartlehner, der als wissenschaftlicher Experte in der Corona-Ampel-Kommission des Bundes und der neun Länder sitzt.

Nach einem Jahr Pandemie sind viele Österreicher tatsächlich lockdownmüde. Bewegungsdaten zufolge hatten die Menschen ihre Mobilität zuletzt nur noch um 20 Prozent eingeschränkt, im ersten Lockdown waren es noch 75 Prozent. Von einem harten Lockdown konnte da keine Rede mehr sein.

Für viele hatte Österreichs Weg von Anfang an ein Legitimationsproblem. Gartlehner gehört zu den Kritikern der Entscheidung, dass die Skilifte stets weiterlaufen konnten. Es gehe dabei nicht um die Ansteckungsgefahr an sich, sondern um die Symbolwirkung, sagt er: „Während im Westen des Landes die Skilifte liefen, fragte man sich im Osten des Landes, warum man mit einer FFP2-Maske zwar in die Gondel, aber nicht ins Museum darf.“ Das seien „ständige Widersprüche, die man nicht erklären konnte und die die Moral der Menschen mitzumachen weiter gesenkt haben“.

Schüler und Lehrer atmen auf

Ein Argument, das Friseurin Daniela Bauer aufgreift, auch wenn sie ob ihrer kritischen Worte ihren richtigen Namen nicht nennen mag. „Wie komme ich dazu, dass ich alles zusperren muss, wenn anderswo die Skilifte weiterlaufen?“, fragt sie.

Dass Schulen derweil auf Homeschooling umstellen mussten, führte immer wieder zu heftigen Diskussionen über die Prioritäten in der Pandemie. Seit einer Woche gibt es aber wieder Präsenzunterricht, zumindest an manchen Tagen der Woche, begleitet von Selbsttests, den sogenannten „Nasenbohrertests“. „Es ist schön, wieder mit den Schülern zu interagieren und dass wieder ein bisschen mehr Normalität einkehrt“, sagt die Lehrerin Christina Misar-Dietz, die Deutsch an einem Wiener Gymnasium unterrichtet. „Dass die Kinder wieder regelmäßig da sind, ist ganz wichtig.“ Der Leidensdruck der sozialen Distanz lastete auf Schülern hierzulande viel länger als andernorts: Die Schüler, vor allem jene in der Oberstufe, waren schon seit Anfang November im Homeschooling, während in Deutschland die meisten Schulen erst Mitte Dezember schließen mussten.

Bei aller Kritik, sagt Epidemiologe Gartlehner, hatten die Öffnungen auch einen unerwartet positiven Effekt: Mehr als eine Million Tests wurden in den ersten fünf Tagen gemeldet, ein neuer Rekord bei einer Einwohnerzahl von 8,8 Millionen. Ein Hauch von Frühlingsgefühlen weht auch deshalb durch Österreich. Aber der Winter ist noch nicht vorbei.

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