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Lieferengpass bei Biontech/Pfizer: Was bedeutet das für die Impffrequenz in den Impfzentren?

  • Ab nächster Woche wird es in Deutschland weniger Lieferungen des Corona-Impfstoffes von Biontech und Pfizer geben.
  • Das macht die Lage in Impfzentren kompliziert, in Sachsen-Anhalt können beispielsweise nur 150 Impftermine in der Woche vergeben werden.
  • Was die Lieferengpässe darüber hinaus für Deutschland bedeuten.
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Hannover. Für die Corona-Impfungen in Deutschland liegen nun genauere Angaben zu vorübergehend geringeren Impfstofflieferungen der Hersteller Biontech und Pfizer vor. Für diese Woche ist noch eine größere Menge vorgesehen, in der kommenden Woche dann aber weniger. Das geht aus einem Lieferplan von Biontech hervor, der am Montag der Gesundheitsministerkonferenz der Länder vorgestellt wurde. Hintergrund sind Umbauten im belgischen Pfizer-Werk Puurs, die höhere Produktionskapazitäten schaffen sollen. Bund und Länder hatten eine kurzfristige Information darüber kritisiert.

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Wie viel weniger Dosen können geliefert werden?

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In dieser Woche sollen die Länder demnach 842.400 Dosen bekommen – bezogen auf die nun zugelassene Entnahme von sechs statt fünf Dosen aus einer Ampulle. Bisher genannt worden waren 667.875 Dosen bezogen auf fünf mögliche Dosen, das entspricht bei sechs möglichen insgesamt 801.450.

In der Woche vom 25. Januar soll dann aber weniger Impfstoff kommen als bisher vorgesehen, wie aus einer der Deutschen Presse-Agentur vorliegenden Übersicht hervorgeht: nämlich 485.550 Dosen bezogen auf sechs entnehmbare je Ampulle. Angekündigt waren 667.875 Dosen bezogen auf fünf mögliche, das entspräche 801.450 Dosen bei sechs möglichen je Ampulle.

Was bedeutet das für die Bundesländer?

Für Baden-Württemberg macht Ministeriumssprecher Markus Jox die Lieferengpässe in Zahlen deutlich: So stehen in den ersten beiden Wochen in jedem Impfzentrum nur 585 Impfdosen pro Woche für eine Erstimpfung zur Verfügung. „Es wird also lediglich um die 150 Termine pro Woche geben“, so Jox.

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Die Zahlen variieren von Bundesland zu Bundesland erheblich. So sind in Hessen in den nächsten drei Wochen rund 60.000 Termine in den sechs regionalen Impfzentren bis 8. Februar trotz angekündigter Kürzungen bei Lieferungen des Biontech-Impfstoffs sicher.

In Niedersachsen verzögert sich die Impfkampagne gegen das Coronavirus wegen reduzierter Lieferungen um mehrere Wochen. Das Impfen von Altenheimbewohnern werde statt Ende Januar nun voraussichtlich erst Mitte bis Ende Februar abgeschlossen werden können, sagte die Vizechefin des Corona-Krisenstabs der Landesregierung, Claudia Schröder, am Dienstag in Hannover. Mit dem Impfen von über 80-Jährigen, die noch zu Hause wohnen, könne zum ersten Februar statt in allen nur in wenigen Impfzentren begonnen werden. Die übrigen folgten im Laufe des Februars.

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Wegen einer Verringerung der Liefermenge des Corona-Impfstoffs von Biontech und Pfizer werden in Rheinland-Pfalz vereinbarte Termine für Erstimpfungen ab kommender Woche verschoben. „Zweitimpfungen finden weiterhin statt“, teilte Impfkoordinator Alexander Wilhelm (SPD) am Dienstag mit. Die jetzt vorliegenden Lieferangaben des Bundes zeigten, dass Rheinland-Pfalz bis Mitte Februar etwa 30.000 Impfdosen weniger bekomme, als bislang nach den Zusagen eingeplant worden sei.

Die Kassenärztliche Vereinigung Thüringen will nach der angekündigten geringeren Lieferung von Corona-Impfstoff derzeit an ihren Impfterminen festhalten. „Was bislang geplant ist wird auch geimpft“, sagte ein Sprecher am Dienstag. Noch müsste keiner der bisher vereinbarten Termine abgesagt werden. Die notwendigen zweiten Dosen für bereits Erstgeimpfte seien aufbewahrt worden. Die rund 45.000 Termine für Erst- und Zweitimpfungen würden eingehalten.

Auch in Sachsen ist für diese Woche noch eine größere Menge vorgesehen, in der kommenden Woche dann aber weniger. In dieser Woche soll Sachsen 40.950 Dosen bekommen – bezogen auf die nun zugelassene Entnahme von sechs statt fünf Dosen aus einer Ampulle. Bisher waren jeweils 34.125 angekündigt worden, bezogen auf fünf mögliche Dosen pro Ampulle pro Woche bis Mitte Februar. Ab 1. Februar geht es dann dem Lieferplan zufolge wieder aufwärts mit der Menge: Sachsen kann in der ersten Februarwoche mit 29.250 Dosen rechnen, in der darauffolgenden Woche dann mit gut 35.000 Dosen.

In der laufenden Woche soll Schleswig-Holstein noch 29.250 Impfdosen bekommen. Angekündigt waren bislang 24.375 Dosen, wie auch jeweils für die Wochen danach. In der kommenden Woche soll dann weniger Impfstoff kommen als bisher vorgesehen, wie aus einer der Deutschen Presse-Agentur vorliegenden Übersicht hervorgeht: nämlich nur 17.550 Dosen. Ab dem 1. Februar kommen laut Plan dann je 23.400 Dosen pro Woche.

Sachsen-Anhalt hat am Dienstag neuen Corona-Impfstoff erhalten und sieht nun Wochen mit deutlich verringerten Liefermengen entgegen. Am Dienstagmorgen sei die gleiche Menge von den Herstellern Biontech und Pfizer angekommen wie zuletzt auch, sagte eine Sprecherin des Sozialministeriums. Für die nächste Lieferung am 26. Januar seien dann nur noch 11.700 Dosen, also rund die Hälfte angekündigt.

Wegen Lieferengpässen müssen auch in Bayern zahlreiche Termine zur Impfung gegen das Coronavirus wieder abgesagt werden. Allein im Münchner Impfzentrum waren für diese Woche rund 1100 Termine zur Erstimpfung vereinbart, die nun erstmal ausfallen. In Stadt und Landkreis Bamberg fallen 600 Termine weg, im Landkreis Mühldorf am Inn Erstimpfungen in sechs Heimen.

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Wegen der verzögerten Lieferung des Corona-Impfstoffs von Biontech verschiebt Nordrhein-Westfalen den Start der Impfungen für über 80-Jährige, die zu Hause leben. Die 53 Impfzentren im Land nähmen ihren Betrieb nun erst am 8. Februar auf - eine Woche später als bislang geplant, sagte ein Sprecher des NRW-Gesundheitsministeriums am Mittwoch.

Ab wann ist der normale Lieferumfang wieder möglich?

Für die Woche vom 22. Februar stellt Biontech dem Plan zufolge dann aber insgesamt mehr Impfstoff in Aussicht als bisher geplant. An die Länder geliefert werden sollen 906.750 Dosen bezogen auf sechs mögliche je Ampulle. Das entspräche 755.625 bei fünf möglichen Dosen.

Wie viele Impfungen finden täglich statt?

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Seit dem Beginn der Impfkampagne Ende Dezember ist das Vakzin der Firmen Biontech/Pfizer und Moderna mindestens 1.220.170 Menschen verabreicht worden (Stand: 19.1., 11 Uhr). Die Zahl geht aus einer Statistik des Robert-Koch-Instituts (RKI) von Dienstag hervor.

Dabei gibt es deutliche Unterschiede in den Bundesländern. Die meisten Impfungen pro 100 Einwohner wurden vom RKI bisher für Mecklenburg-Vorpommern (2,34) erfasst, die wenigsten für Baden-Württemberg (1,04). In absoluten Zahlen kommt Nordrhein-Westfalen auf den höchsten Wert von mehr als 223.000 Geimpften. Der Bundesschnitt liegt bei 1,37 Impfungen pro 100 Einwohner. Die Werte, die den Behörden der einzelnen Bundesländer vorliegen, können deutlich höher liegen als die vom RKI gemeldeten, da die Meldungen teilweise mit einigem Verzug an das Institut übermittelt werden.

Von den 1,2 Million geimpften Menschen hätten zudem rund 6581 Menschen die nötige zweite Dosis erhalten. Das geht aus am Montag veröffentlichten Daten des Robert-Koch-Instituts (RKI) in Berlin hervor, die auf den Meldungen der Länder basieren.


Wie schätzen Experten die neue Situation in Impfzentren ein?

Brandenburg, Sachsen und auch erste Kommunen in Bayern wollen oder müssen die Corona-Impfungen in den Impfzentren und Krankenhäusern wegen des Lieferverzugs beim Impfstoff von Biontech und Pfizer vorübergehend herunterfahren. „Wir wissen heute nicht, wie viele Impfstoffdosen Brandenburg in den nächsten Wochen tatsächlich erhalten wird“, sagte etwa Gesundheitsministerin Ursula Nonnemacher (Grüne) am Sonntag. Die Impfgeschwindigkeit in Krankenhäusern und Impfzentren müsse vorübergehend gedrosselt werden. „Das stellt uns vor massive Probleme“, sagte Nonnemacher.

Die Situation war bereits vor den Lieferengpässen ungewiss, wie Mediziner Marc Hanefeld, der einige Tage die Woche in norddeutschen Impfzentren arbeitet, berichtet: „Wir wissen teilweise von einem Tag auf den anderen nicht, ob wir nun Impfstofflieferungen bekommen oder nicht. Aber ich denke, dass die Abläufe langsam immer einfacher und besser werden. Wir haben bislang auch alle vorhandenen Impfstoffdosen in unserem Zentrum verimpfen können.“ Das sei auch der große Vorteil von Impfzentren, in denen die Abläufe für den schwer lagerbaren Biontech-Impfstoff „extrem gut geplant werden“, so Hanefeld im Interview mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND).

Sind Massenimpfungen in Hausarztpraxen überhaupt zu leisten?

Nach der ersten Phase sollen Impfungen nach Willen von Gesundheitsminister Jens Spahn auch in den Hausarztpraxen stattfinden, vorrangig mit dem Impfstoff von AstraZeneca. Der britisch-schwedische Arzneimittelkonzern hat die Zulassung seines Corona-Impfstoffs in der Europäischen Union (EU) beantragt. Für Mediziner Marc Hanefeld sind Massenimpfungen durchaus möglich.

„Hausärzte verimpfen jedes Jahr 15 bis 20 Millionen Grippeimpfungen in rund drei Monaten. Das ist also schon zu machen, wenn man sich ranhält. Weil die Corona-Impfung aber neu ist, ist der Aufklärungsbedarf bei meinen Patienten wesentlich größer als bei der Grippeimpfung. Dafür braucht es also Zeit. Ich bin aber sicher, dass mit der Zulassung des Impfstoffes von AstraZeneca der Impfprozess beschleunigt werden kann.“

Impfen bleibt Mammutaufgabe

Clemens Wendtner, Infektiologe an der München-Klinik Schwabing prognostizierte bereits Mitte Dezember 2020: „Das Impfen eines Großteils der Bevölkerung ist eine Mammutaufgabe: Selbst wenn jeden Tag in der Woche, montags bis sonntags, 100.000 Personen eine Impfung erhalten, wären Ende 2021 nur rund 35 Millionen von 83 Millionen Menschen geschützt.“

Mit Stand von Dienstag wurden innerhalb eines Tages rund 49.000 Menschen geimpft. Mit den jetzt angekündigten Lieferengpässen bleibt die Impfsituation in Deutschland also angespannt und verläuft weiter schleppend.

RND/dpa/ame


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