Schulkinder: „Zu viel Druck belastet die Seele“

  • Jedes vierte Schulkind in Deutschland zeigt psychische Auffälligkeiten.
  • Die Gründe dafür können vielfältig sein.
  • Eltern können auf verschiedene Warnsignale achten.
Birk Grüling/RND
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Die Zahlen sind alarmierend. Depressionen nehmen im Kindesalter zu. Doch woran liegt das? Schauen Pädagogen und Mediziner besser hin oder hat vor allem der Druck auf die Kinder und Jugendlichen zugenommen?

Beides spielt eine Rolle. Depressionen und andere psychische Erkrankungen sind stärker in der Wahrnehmung der Medizin und Öffentlichkeit angekommen. Das allein erklärt aber nicht den Anstieg. Laut Statistischem Bundesamt hat sich die Zahl der Depressionen bei Kindern unter 15 Jahren im Vergleich zum Jahr 2000 verzehnfacht. Unter den älteren Jugendlichen ist die Zahl heute siebenmal so hoch. Insgesamt gehen wir davon aus, dass etwa 20 bis 25 Prozent aller Kinder und Jugendlichen in Deutschland psychische Auffälligkeiten zeigen. Und dafür ist vor allem ein wachsender Druck auf die Jugendlichen heutzutage verantwortlich – schulisch und privat.

Wie äußern sich psychische Erkrankungen bei Kindern?

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Anders als Erwachsene äußern Kinder ihre Traurigkeit, ihre Niedergeschlagenheit oft nicht direkt. Ihr Verhalten verändert sich. Sie ziehen sich zurück, sind gereizter, neigen plötzlich zu Wutausbrüchen, sind ruhelos. Antriebslosigkeit beobachten wir auch häufig. Die Patienten geben zum Beispiel ihre geliebten Hobbys oder Sportarten auf, vernachlässigen plötzlich soziale Kontakte. Unterschiede gibt es auch bei Jungen und Mädchen. Mädchen neigen bei einer Depression eher zu einer tiefen Traurigkeit. Ihr Selbstwertgefühl verschlechtert sich so stark, dass sie sich hassen, vom Alltag zurückziehen, sich selbst verletzen. Jungs zeigen dagegen häufiger Aggressionen oder greifen zu Drogen wie Alkohol oder Cannabis.

Eine besonders beunruhigende Statistik besagt, dass Suizid die zweithäufigste Todesursache bei Kindern und Jugendlichen ist.

Diese Zahl erschüttert mich auch immer wieder. Wir erleben in der Praxis häufig, dass sich im Rahmen von Depressionen bei Kindern und Jugendlichen Suizidgedanken entwickeln. Sie fragen sich, ob sie überhaupt leben müssen, ob sie gebraucht und geliebt werden oder ob gar nichts zu fühlen sich vielleicht leichter anfühlen würde. Im schlimmsten Fall führen diese Vorstellungen, diese düsteren Gedanken zu Selbstmordversuchen.

Welche anderen psychischen Auffälligkeiten neben Depressionen begegnen Ihnen in Ihrer täglichen Arbeit in der Kinder- und Jugendpsychiatrie?

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Neben Depressionen erleben wir eine Zunahme von Angststörungen oder Probleme im Sozialverhalten. Ein großes Thema sind leider auch Essstörungen – gerade bei immer jüngeren Mädchen. Natürlich gibt es auch weitere Krankheitsbilder der Psychiatrie bei Kindern – wie Zwangsstörungen, Ticks oder Schizophrenie.

Worin sehen Sie die Ursachen für die Zunahme bei Angststörungen, Depressionen oder auch Essstörungen?

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Ich stelle fest, dass digitale Medien einen großen Anteil an den psychischen Auffälligkeiten haben. Und zwar vor allem als Verstärker. Gerade in den sozialen Netzwerken wird ein sehr verzerrtes Bild unseres Alltags vermittelt und Narzissmus gefördert. Jeder postet nur die besten Fotos von sich, nur die Erfolge, nur die guten Dinge. Dadurch entsteht schnell der Eindruck, dass alle erfolgreich, schön, durchtrainiert seien. Für junge Menschen auf der Suche nach Identifikation ist genau das ein fatales Zeichen. Es vergrößert ihre Unsicherheit und kann eben dazu führen, dass das eigene Selbstwertgefühl leidet und sich zum Beispiel Essstörungen entwickeln. Dazu kommt auch eine Zunahme von Cybermobbing. Gleichzeitig steigt der Druck von außen. Das Abitur muss immer schneller abgelegt werden, am liebsten sollten alle auf die Uni gehen. Die Terminkalender der Kinder werden immer voller. Daraus entwickelt sich schnell ein fataler Teufelskreis. Gleichzeitig darf man nicht vergessen, dass auch genetische und biologische Faktoren bei der Entwicklung von psychischen Erkrankungen eine Rolle spielen.

Digitale Medien aus der Welt der Kinder zu verbannen ist kaum noch möglich. Was wäre aus Ihrer Sicht eine Lösung des Problems?

Es liegt mir fern, digitale Medien pauschal zu verteufeln. Nicht alle Jugendlichen, die Tiktok oder Instagram nutzen, entwickeln auch psychische Auffälligkeiten. Gefährlich wird es eigentlich vor allem dann, wenn die Heranwachsenden ohnehin schon „anfälliger“ sind – zum Beispiel, wenn ihnen positive Rollenvorbilder fehlen. Wir haben als Eltern eine sehr große Verantwortung. Wir müssen unsere Kinder stärken und ihnen ein gesundes Selbstwertgefühl vermitteln. Die bedingungslose Liebe durch die Eltern ist immens wichtig. Kinder sollten wissen, dass ihre Eltern sie sowohlmit mit ihren Stärken als auch mit ihren Schwächen lieb haben. Wir verwöhnen sie nicht, wenn wir ihnen täglich vermitteln, dass sie die wichtigsten Menschen in unserem Leben sind. Auch eine stärkere, gemeinsame Auseinandersetzung mit Medien und ihren Gefahren und Chancen würde ich mir von den Eltern wünschen. Sie sind einfach die ersten und besten Vorbilder.

Die Netzwelt birgt viele Gefahren für die Persönlichkeitsentwicklung von Kindern. Dazu zählen Narzissmus ebenso wie Cybermobbing und Essstörungen. © Quelle: Tobias Hase/dpa

Therapiert man junge Patienten mit psychischen Problemen anders als Erwachsene?

Ein ganz wichtiger Unterschied liegt im Umgang mit Medikamenten. Antidepressiva und andere Medikamente sind der letzte Ausweg. Stattdessen arbeiten wir in erster Linie intensiv an den familiären und schulischen Rahmenbedingungen und versuchen, das Kind und seine Familie zu stärken. Es geht zum Beispiel darum, neue Handlungsmuster zu finden, Gefühle richtig zu erkennen und besser regulieren zu können, soziale Kontakte und Freundschaften zu stärken, positive Selbsterfahrungen zu machen, unnötig belastende Faktoren zu erkennen und zu reduzieren. Die Therapie muss intensiv und auf die Bedürfnisse des Patienten individuell zugeschnitten sein. Neben klassischen, leitlinienorientierten, modernen Psychotherapieverfahren, die Kern der Therapie sein müssen, finden hier meistens weitere zusätzliche Therapieformen wie Ergotherapie, Lerntherapie oder Sporttherapie ihren Platz. Auch die sozialpädagogische Unterstützung im Alltag, bei Problemen in der Schule oder in der Familie, spielt eine große Rolle. Erst wenn die Interventionen in diese Umweltfaktoren ausgeschöpft sind, denken wir als Ärzte über die Vergabe von Medikamenten nach.

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Interview: Birk Grüling/RND

© Quelle: nadezhda1906 - stock.adobe.com

Depression: So erkennt man Symptome

Fachärzte können die Anzeichen einer Depression bei Kindern und Jugendlichen oft erkennen. Für Eltern, Lehrer oder Erzieher ist das nicht immer einfach. Denn vorübergehende Symptome wie Traurigkeit und Niedergeschlagenheit sind zum Beispiel auch ein Teil der Pubertät. Bei Jungen im Alter zwischen fünf und neun Jahren wird eine Depression häufiger diagnostiziert als bei Mädchen, danach kehren sich diese Anteile deutlich um.

Die Deutsche Depressionshilfe listet Besonderheiten in der Symptomatik nach Altersgruppen auf:

  • Kleinkinder zwischen einem und drei Jahren: Vermehrtes Weinen, ausdrucksarmes Gesicht, erhöhte Reizbarkeit, überanhänglich, Kind kann schlecht alleine sein, selbststimulierendes Verhalten wie Schaukeln des Körpers oder exzessives Daumenlutschen, Teilnahmslosigkeit, Spielunlust oder auffälliges Spielverhalten, gestörtes Essverhalten, Schlafstörungen.
  • Vorschulalter von drei bis sechs Jahren: Trauriger Gesichtsausdruck, verminderte Gestik und Mimik, leicht irritierbar, stimmungslabil, auffällig ängstlich, mangelnde Fähigkeit, sich zu freuen, Teilnahmslosigkeit und Antriebslosigkeit, introvertiertes Verhalten, vermindertes Interesse an motorischen Aktivitäten, innere Unruhe und Gereiztheit, unzulängliches oder auch aggressives Verhalten, Ess- und Schlafstörungen.
  • Schulkinder zwischen sechs und zwölf Jahren: Verbale Berichte über Traurigkeit, Denkhemmungen, Konzentrationsschwierigkeiten und Gedächtnisstörungen, Schulleistungsstörungen, Zukunftsangst, Ängstlichkeit, unangemessene Schuldgefühle und unangebrachte Selbstkritik, psychomotorische Hemmung wie langsame Bewegungen und eine in sich versunkene Haltung, Appetitlosigkeit, Schlafstörungen, Suizidgedanken.
  • Pubertäts- und Jugendalter von 13 bis 18 Jahren: Vermindertes Selbstvertrauen, Selbstzweifel, Ängste, Lustlosigkeit, Konzentrationsmangel, Stimmungsanfälligkeit, tageszeitabhängige Schwankungen des Befindens, Leistungsstörungen, das Gefühl, sozialen und emotionalen Anforderungen nicht gewachsen zu sein, Gefahr der Isolation und des sozialen Rückzugs. Hinzu können psychosomatische Beschwerden kommen, wie Kopfschmerzen, Gewichtsverlust, Schlafstörungen und Suizidgedanken.
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Umgang mit Smartphone und Co.

  • Ernst nehmen: Das Smartphone ist für Heranwachsende ein fester Alltagsbegleiter – zur Kommunikation, zum Spielen, als Kanal in die Welt. Diese Bedeutung sollten wir als Eltern akzeptieren.
  • Gemeinsame Beschäftigung: Gemeinsam mit den Kindern sollten sich Eltern die Funktionen und Möglichkeiten der digitalen Medien ansehen und über einen verantwortungsvollen Umgang sprechen. So wird man gemeinsam zum Digitalprofi.
  • Klare Regeln: Mediennutzung braucht Regeln. Wann darf das Smartphone genutzt werden? Gibt es „analoge Räume“? Soll das Kind vorher fragen, ob eine App installiert werden darf? Am besten überlegen sich Eltern diese Regeln gemeinsam mit dem Kind. Dadurch fühlt es sich ernst genommen und die Regeln werden akzeptierter.
  • Risikobewusstsein schaffen: Nicht alles im Internet ist positiv und nicht alles negativ. Eltern sollten auf Risiken bei Themen wie Persönlichkeitsrechte oder Datenschutz hinweisen und die Kinder dazu anregen, möglichst umsichtig mit eigenen Daten umzugehen.
  • Vorbild sein: Auch Eltern sollten regelmäßig das Smartphone aus der Hand legen und sich an handyfreie Zeiten halten.
  • Vertrauen: Auch ein Kind hat ein Anrecht auf Privatsphäre. Das Smartphone heimlich zu kontrollieren ist deshalb taub. Eltern sollten lieber ein Ansprechpartner für ihre Kinder sein und regelmäßig anbieten, über neue Apps oder soziale Netzwerke zu sprechen. Dank der guten Beziehung wird es dem Kind bei Problemen leichter fallen, sich den Eltern anzuvertrauen.
  • Kreative Nutzung: Ein Smartphone kann weit mehr als nur Spielzeug sein. Gemeinsam mit dem Kind können die Eltern zum Beispiel Stop-Motion-Filme aufnehmen, auf digitale Schnitzeljagd gehen oder einen Podcast aufnehmen. Dadurch werden aus reinen Konsumenten aktive und mündige Nutzer digitaler Medien.
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