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Psychologe warnt vor kollektiver Depression: „Wir können uns keinen weiteren Lockdown leisten“

  • Haben wir aus der Corona-Krise etwas gelernt für zukünftige Krisen?
  • Sozialpsychologe Prof. Dr. Ulrich Wagner von der Universität Marburg ist skeptisch und warnt davor, bei der vierten Welle die gleichen Fehler zu machen wie bisher.
  • Aber wer dank seines sozialen Netzwerks bisher gut durch die Pandemie gekommen ist, meistert womöglich auch zukünftige Krisen besser.
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Hannover. Wer die Corona-Krise überstanden hat, der übersteht auch andere Krisen, oder nicht? Im RND-Interview erklärt Ulrich Wagner, Professor für Sozialpsychologie an der Philipps-Universität Marburg, inwiefern die Bewältigung der Corona-Pandemie auch für andere Krisen hilfreich sein kann, warum jetzt manche Menschen über die Stränge schlagen und ob Deutschland wirklich zusammengewachsen ist.

Herr Prof. Wagner, haben wir durch die Corona-Pandemie gelernt, zukünftige Krisen besser zu meistern?

Ich glaube nicht, dass wir wirklich etwas gelernt haben, um besser mit einer Pandemie oder anderen Krisen fertig zu werden. Was wir aber möglicherweise gelernt haben, ist ein hohes Maß an Selbstdisziplin und Kontaktarmut. Allerdings kann man das nicht auf alle Krisen übertragen. Bei der enormen Hitzewelle in Kanada helfen die Erfahrungen mit der Corona-Krise zum Beispiel überhaupt nicht.

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Pandemien sind nicht neu, aber haben wir aus ihnen gelernt?

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Aber bei einer weiteren Pandemie könnten wir schon aus den Corona-Erfahrungen schöpfen?

Auch bei zukünftigen Pandemien hängt es stark davon ab, was für Schutzmechanismen wir brauchen werden. Ich bin sehr skeptisch, ob wir Kompetenzen erlernt haben, die in anderen Situationen helfen. Denn wir hangeln uns gerade regelrecht durch die Krise. Wir versuchen die Corona-Regeln mehr oder weniger einzuhalten, aber dass uns dies auf eine neue Stufe menschlicher Kompetenz katapultiert, bezweifle ich sehr. Schließlich sind Pandemien nicht neu, man denke nur an die Pest im Mittelalter. Da haben die Menschen auch sehr viele Erfahrungen mit Pandemiebewältigung gemacht. Aber dass wir heute aus diesen Pandemien vor 800 Jahren etwas gelernt haben, glaube ich nicht.

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Derzeit steigen Fallzahlen und Inzidenzen in Deutschland wieder. Verkraften wir noch einen weiteren Lockdown?

Nein, ich fürchte wir können uns keinen weiteren Lockdown leisten. Wenn es zu einer massiven vierten Welle kommt und Kinder und Jugendliche erneut von der gesellschaftlichen Teilnahme ausgeschlossen werden, führt das zu erheblichen psychischen Problemen. Viele Menschen könnten sich komplett zurückziehen oder erleiden Depressionen. Sollten erneut massive Einschränkungen kommen, haben wir nichts aus der Pandemie gelernt und werden sehr darunter leiden.

Die Pandemie und wir Der neue Alltag mit Corona: In unserem Newsletter ordnen wir die Nachrichten der Woche, erklären die Wissenschaft und geben Tipps für das Leben in der Krise ‒ jeden Donnerstag.

„Viele haben keine Kraft mehr für einen weiteren Lockdown“

Aber sollte man nicht nach den vielen Monaten und Lockdowns eine Strategie haben, wie man gut durch die Pandemie kommt? Gibt es keinen Lerneffekt?

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Der Lerneffekt bestätigt eher darin, Überbrückungen zu schaffen. Denn echte Alternativen für den Besuch bei den Großeltern, jemanden in den Arm zu nehmen oder für die Fußball-Europameisterschaft gibt es nicht. Wir haben stattdessen Überbrückungsmechanismen eingeübt in der Hoffnung, dass die Corona-Situation bald besser wird. Aber wir sind inzwischen so häufig enttäuscht worden, dass wir gerade eine gefährliche Grenze erreicht haben. Ich fürchte, viele haben keine Kraft mehr für einen weiteren Lockdown. Es besteht die Gefahr, dass sich viele Menschen hängen lassen und es zu einer kollektiven Depression kommt und auch zu einer Gleichgültigkeit in der Gesellschaft. Corona-Regeln werden dann nicht mehr befolgt, sondern von vielen ignoriert.

Dabei gab es doch in der Vergangenheit laut Umfragen immer eine große Zustimmung für die Corona-Maßnahmen. Was hat sich geändert?

Ein wesentlich treibendes Argument für die hohe Disziplin bei den Corona-Maßnahmen war die Hoffnung auf die bessere Zukunft. Doch wenn diese Hoffnung immer wieder zerschossen wird, kommt es bald zur Hoffnungslosigkeit in der Gesellschaft. Das hat schwere psychische Konsequenzen.

Umschwenken würde Akzeptanz der Corona-Maßnahmen sofort begraben

Warum sind die Deutschen so hoffnungslos und sehen nicht das halb volle Glas? Im Vergleich mit anderen Ländern stehen wir bei der Pandemiebekämpfung doch recht gut da.

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Sie haben recht, es könnte schlimmer sein, und es gibt Länder, in denen die Corona-Pandemie auch deutlich schlimmer wütet. Aber in Deutschland hat die Politik immer mit dem Licht am Ende des Tunnels argumentiert und an die Bevölkerung appelliert, jetzt noch kurz durchzuhalten. Wir haben also immer die hoffnungsvolle Perspektive vor Augen gehabt, den Blick auf das halb volle Glas. Es gab zum Beispiel die Zusage, dass man sich wieder an Weihnachten treffen darf. Gegenteilige Parolen aus der Politik sind heute auch gar nicht denkbar. Oder können Sie sich vorstellen, dass Bundesgesundheitsminister Jens Spahn sagt, wir müssen noch jahrelang weiter Abstände einhalten, alle großen Feiern absagen und dürfen Fußballstadien nur gering auslasten? Das ist unvorstellbar.

Prof. Dr. Ulrich Wagner, Sozialpsychologe an der Universität Marburg © Quelle: Laackman Photostudios

Ist es denn aus psychologischer Sicht wirklich sinnvoll, ständig mit dem Licht am Ende des Tunnels zu werben?

Das ist schwer zu beantworten, denn selbst Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sind sich uneins, wie sich die Pandemie entwickelt. Aber ein völliges Umschwenken in der politischen Kommunikation mit der Botschaft, die Corona-Lage wird sich erst mal nicht verbessern, würde wohl die Akzeptanz der Corona-Maßnahmen sofort begraben.

Wir Menschen leben in der Pandemie also von der Hoffnung?

Auf jeden Fall. Wir brauchen unbedingt die Idee, die Situation wird besser. Optimisten sehen die Besserung schon in naher Zukunft, Pessimisten etwas später – aber Hoffnung braucht jeder.

Was wir aus der Krise lernen könnten

Lernen wir denn auch etwas aus der Corona-Krise für persönliche Krisen? Können wir beispielsweise Lebenskrisen besser bewältigen?

Wir lernen in Krisen wie der Corona-Pandemie, wie viel wir wegstecken können. Manche Menschen gehen tatsächlich gestärkt aus einer solchen Krise hervor, andere werden aber gebrochen und resignieren. Das hängt sehr davon ab, wie gut das soziale Netzwerk ist und ob man eine Perspektive in seinem Leben hat, die durch die Krise nicht zerstört wurde. Wer seinen Job verloren hat und jetzt sein Haus nicht mehr abbezahlen kann, hat es schwer. Aber wenn sich in der Pandemie das soziale Netzwerk und die Lebensperspektive bewährt haben, können diese Schutzmechanismen einem auch bei anderen Krisen in der Zukunft helfen.

Lächeln wir in Zukunft über manche Probleme nur noch, weil wir durch die Corona-Krise scheinbar schon das Schlimmste kennen?

Stellen Sie sich vor, viele Menschen legen sich mit dem Chef an, sind unzufrieden im Beruf oder im Urlaub mit ihrem Hotel. Denkt man dann zurück an die Corona-Pandemie und sagt sich, es könnte viel schlimmer sein? Ich befürchte, nein. Solche Abwägungen sind psychologisch betrachtet immer situationsspezifisch. Wir haben bestimmte Vorstellungen, wie der Urlaub aussehen soll, und können nicht den Bogen zur Pandemie schlagen, in der es anderthalb Jahre lang viel schlimmer war. Allenfalls kurz nach der Pandemie könnte ein solcher Gedanke auftreten, wenn die Menschen erstmals wieder in den Urlaub fahren. Langfristig bringt uns die Pandemie aber nicht weiter.

Viele haben den Anspruch, „Ich muss jetzt die Sau rauslassen“

Rechnen Sie eher mit einem gegenteiligen Effekt, dass viele Menschen jetzt nach der Pandemie nicht gelassener werden, sondern über die Stränge schlagen?

Ja, das sehen wir zum Teil bereits bei ausufernden Partys vielerorts an Wochenenden. Viele Menschen meinen, jetzt so viele Einschränkungen in Kauf genommen zu haben, dass sie sich alles Mögliche herausnehmen. Wir werden nach der Pandemie nicht genügsamer, sondern anspruchsvoller. Das betrifft nicht nur Partys, die über die Stränge schlagen. Beispielsweise legt manch einer jetzt auch besonders hohe Ansprüche an den Komfort im Hotel. Aus psychologischer Perspektive ist das auch nachvollziehbar: Viele Menschen haben das Gefühl, viele Opfer in der Pandemie gebracht zu haben, und daraus wird der Anspruch abgeleitet, jetzt muss das Leben als Ausgleich dafür besonders toll werden. Aber es fällt vielen schwer, dabei zu berücksichtigen, dass sich die anderen Menschen ja auch eingeschränkt haben.

Und auf die anderen Menschen nehmen wir dann oft weniger Rücksicht?

Zumindest einige von uns gehen nicht ruhiger aus der Pandemie, sondern mit dem Anspruch: Ich muss jetzt die Sau rauslassen – da gelangen die Mitmenschen schnell aus dem Blickfeld, genau. Diese Gefahr besteht vor allem in einzelnen Bereichen, die uns besonders wichtig sind. Dazu zählen für manche Menschen Partys, für andere der Urlaub.

Sind wir in der Pandemie als Gesellschaft also gar nicht näher zusammengerückt, sondern entwickeln uns weiter in Richtung einer Ellbogengesellschaft?

Zu Beginn der Pandemie hatte ich schon den Eindruck, dass die Gesellschaft näher zusammengewachsen ist. Beispielsweise haben sich viele Nachbarn besser kennengelernt, die sich früher nur mit einem Kopfnicken gegrüßt haben. Diese Bindungen werden für Nachbarschaften auch über die Pandemie hinaus Bestand haben. Darüber hinaus rechne ich aber damit, dass wir schnell wieder zu einer Ellbogengesellschaft zurückkommen. Viel wird davon abhängen, wie sich die Wirtschaft entwickeln wird und ob die Menschen ihren Arbeitsplatz behalten. Denn bei einem Jobverlust werden die Menschen schnell ruppiger, und das Risiko für Depressionen steigt. Aber wenn es der Wirtschaft gut geht, bleibt auch das Klima in der Gesellschaft gut.

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