„Raynaud-Syndrom“: In den meisten Fällen harmlos

  • Nur in einem kleinen Teil der Fälle deutet das „Raynaud-Syndrom“ auf eine ernste Erkrankung hin.
  • Schätzungsweise sind fünf Prozent der Bevölkerung betroffen.
  • Kälte, Nässe oder auch ein Schreck können einen Anfall auslösen.
Angela Stoll
|
Anzeige
Anzeige

Ein kurzer Griff an das kalte Lenkrad – und schon setzt der Anfall ein: Innerhalb von Sekunden verfärben sich die Finger und wirken gespenstisch weiß. Passenderweise wird das Phänomen umgangssprachlich oft „Leichenfinger“ genannt. Doch was so dramatisch klingt, ist meistens harmlos: Nur in einem kleinen Teil der Fälle deutet das „Raynaud-Syndrom“ auf eine ernste Erkrankung hin. Oft brauchen die Betroffenen keine spezielle Behandlung, sondern können mit einfachen Maßnahmen selbst gegensteuern.

Leichenfinger: Fünf Prozent der Bevölkerung

Benannt wurde das Phänomen nach dem französischen Arzt Maurice Raynaud. Er hat im 19. Jahrhundert Patienten untersucht, bei denen plötzlich Durchblutungsstörungen auftraten und seine Beobachtungen wissenschaftlich beschrieben. Inzwischen weiß man, dass die „Weißfingerkrankheit“, wie sie auch genannt wird, sehr verbreitet ist: Schätzungsweise fünf Prozent der Bevölkerung sind betroffen, manche Wissenschaftler nennen sogar deutlich höhere Zahlen.

Weiterlesen nach der Anzeige
Anzeige

Auslöser: Nässe, Kälte oder ein Schreck

Unbestritten ist, dass das Phänomen in Nordeuropa wesentlich öfter auftritt als in Südländern. „Kälte, Nässe oder auch ein Schreck können einen Anfall auslösen“, sagt der Gefäßspezialist Dr. Clemens Fahrig vom Evangelischen Krankenhaus Hubertus in Berlin. Solche Reize bewirken, dass sich die kleinen Arterien in den Fingern, teilweise auch in den Zehen, krampfartig zusammenziehen. Die Verengung der Gefäße führt dazu, dass weniger Blut fließt, sodass die Finger blass aussehen.

Auch lesen: Alles, was das Herz begehrt

Finger werden blau und können schmerzen

Anzeige

In Folge des Sauerstoffmangels verfärben sie sich nach einer Weile oft bläulich. Die Attacken werden von einem Taubheitsgefühl begleitet, manchmal kommen Schmerzen hinzu. Dieser Zustand kann mehrere Minuten, selten auch Stunden, anhalten. Wenn sich die Durchblutung normalisiert, können die Finger jucken und brennen. Der Vorgang ist unangenehm, führt aber nicht etwa dazu, dass Gliedmaßen absterben: „An den Händen passiert nichts“, beruhigt Fahrig.

Frauen häufiger betroffen als Männer

Anzeige

Den Grund dafür, warum manche Menschen so extrem auf diese Reize reagieren, kennt man nicht; offenbar spielt die Veranlagung eine Rolle. Letztendlich ist die Reaktion ein Relikt aus der grauen Vorzeit, die einst das menschliche Überleben sicherte, wie Fahrig erklärt: Bei Bedrohung werden im menschlichen Körper die Blutgefäße enggestellt, um die Herzfrequenz zu erhöhen und die Atemwege zu erweitern. Dadurch wurden unsere Vorfahren bereit zu Flucht oder Kampf.

Frauen sind wesentlich häufiger betroffen als Männer. Die „typische“ Raynaud-Patientin sei jung, hochgewachsen und neige zu niedrigem Blutdruck, berichet Fahrig. Mit dem Alter nähmen die Probleme tendenziell ab. „Das liegt daran, dass die Gefäße an Elastizität verlieren und der Blutdruck steigt“, erklärt der Arzt.

Umschulung bei viel Kälte im Beruf

Für die meisten der Betroffenen sind die Anfälle lästig, aber kein ernsthaftes Problem. Allerdings kann das Syndrom manchmal Beeinträchtigungen im Beruf nach sich ziehen, die sogar eine Umschulung nötig machen: Bei Gerüstbauern, Metzgern oder Fischverkäufern, die oft Kältereizen ausgesetzt sind, sind die Symptome manchmal so ausgeprägt, dass sie ihren Beruf aufgeben müssen. „Ich habe auch eine Patientin, die Kunstmalerin ist. Um Probleme zu vermeiden, verbringt sie den Winter in Italien“, berichtet Fahrig.

Auch interessant: Alles wird gut: Optimistische Menschen leben länger

Leichenfinger auch Symptom für andere Krankheiten

Anzeige

Mitunter kann das Syndrom auch auf eine ernste Erkrankung hindeuten. „Je älter man wird, desto hellhöriger sollte man werden“, sagt der Gefäßmediziner. Wer über 50 ist und an sich auf einmal das Raynaud-Phänomen beobachtet, sollte auf jeden Fall zum Arzt gehen. Die Attacken können nämlich von verschiedenen Krankheiten ausgelöst werden: Am häufigsten sind nach Angaben der Deutschen Gesellschaft für Angiologie Bindegewebserkrankungen wie die systemische Sklerodermie, bei der sich die Haut verdickt und verhärtet. Etwa 80 bis 90 Prozent der Patienten entwickeln auch „Leichenfinger“. Es kommen aber auch ganz andere Ursachen in Frage.

So berichtet Fahrig von einer 60-jährigen Bäuerin, die ihr Leben lang auf dem Feld gearbeitet hatte, als bei ihr auf einmal das Raynaud-Syndrom auftrat. In der Folge entdeckten die Ärzte bei ihr Bauchspeicheldrüsenkrebs. Offensichtlich hatte das Karzinom bei der Frau die Blutgerinnung derart verändert, dass sich die „Weißfingerkrankheit“ entwickelte.

Betablocker können Schuld an Gefäßkrämpfen sein

Daneben können aber auch Medikamente und äußere Einflüsse für das Phänomen verantwortlich sein: Allen voran können Betablocker, wie sie unter anderem gegen Bluthochdruck verordnet werden, die Gefäßkrämpfe auslösen oder verstärken. Auch äußere Einwirkungen, etwa Vibrationen, können langfristig zu Durchblutungsstörungen in den Fingern führen. Wer oft mit einem Presslufthammer, einer Motorsäge oder Bohrmaschine hantiert, hat ein höheres Risiko, das Syndrom zu entwickeln. Dazu gehören zum Beispiel Steinmetze, Bauarbeiter oder Holzfäller.

Entspannung hilft bei psychischen Faktoren

In leichten Fällen reicht es, die Hände warm zu halten oder den Kreislauf durch Bewegung zu aktivieren. Spielen psychische Faktoren als Auslöser eine Rolle, können Entspannungsverfahren helfen. Bei stärkeren Beeinträchtigungen kommen Medikamente in Frage: An erster Stelle stehen Kalzium-Antagonisten, die die Blutgefäße erweitern. Laut einer Cochrane-Metastudie haben die Mittel bei Raynaud-Patienten aber höchstens einen kleinen Effekt, außerdem können sie Nebenwirkungen haben. „Da sie auch den Blutdruck senken, sind sie nur für bestimmte Patienten geeignet“, sagt Fahrig.

Anzeige

Das könnte Sie auch interessieren: Krankmacher Stress: Alarmsignale rechtzeitig erkennen

Anfälle verhindern: Schutz vor Kälte suchen

Charakteristisch für das Raynaud Syndrom ist das Erblassen der Finger oder Zehen aufgrund von krampfartigen Verengungen der Blutgefäße. © Quelle: LoloStock - stock.adobe.com

Bevor man nach draußen geht, sollte man noch im Haus dicke, gut isolierte Winterhandschuhe (am besten Fäustlinge) anziehen. Taschenwärmer können die Hände zusätzlich warm halten. Besonders empfehlenswert sind beheizbare Handschuhe. Auch warme, trockene Füße sind wichtig, um die Körperkerntemperatur konstant zu halten: Thermostiefel oder dicke Einlegesohlen können sie vor dem Auskühlen bewahren. Fürs Auto sind Lenkradbezüge und Eiskratzer mit Handschuh sinnvoll.

Bewegung kann beim warm halten helfen: Um die Hände warm zu halten, empfehlen sich Armkreisen und Faustschlussübungen. Außerdem werden die Finger besser durchblutet, wenn man Knautschbälle drückt oder mit Grip-Trainern übt.

Raucher leiden unter Durchblutungsstörungen: Rauchen hat viele negative Wirkungen. Unter anderem verschlechtert es die Durchblutung und führt dazu, dass Raynaud-Attacken häufiger auftreten.

Entspannungstechniken können vor Anfällen schützen: Wenn Stress und Schreckmomente Anfälle auslösen, ist es sinnvoll, Entspannungtechniken zu erlernen. Dazu gehören Progressive Muskelentspannung, Biofeedback, Achtsamkeitsmeditationen und autogenes Training.

Stets Gummihandschuhe beim Putzen tragen: Beim Putzen und Abwaschen ist es ratsam, Haushaltshandschuhe zu tragen. Wenn die Haut Wasser aufnimmt, das anschließend wieder verdunstet, entzieht das dem Körper Wärme. Dadurch steigt das Risiko für eine Raynaud-Attacke.

Auch lesen: Studie: Wie Raucher und Trinker von Tee und Äpfeln profitieren