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Lauterbach zum Corona-Hotspot Südamerika: „Wir müssen kostenlos Impfstoffe liefern“

  • Während Deutschland lockert, breitet sich das Coronavirus in Südamerika rasant aus.
  • Allein in Brasilien gibt es bereits mehr als eine halbe Million Tote. Experten und Politiker warnen vor neuen Mutationen.
  • SPD-Gesundheitspolitiker Lauterbach fordert die Industrieländer auf, kostenlos Impfstoffe an Südamerika zu liefern.
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Jede dritte Corona-Neuinfektion wird derzeit in Südamerika registriert. Der Kontinent ist zum Corona-Hotspot geworden. 30 Prozent der im Zusammenhang mit Covid-19 verstorbenen Menschen stammen von hier, obwohl nur 5,5 Prozent der Weltbevölkerung in Südamerika lebt. „Die Lage in Südamerika ist bestürzend“, sagt der Epidemiologe und SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND).

„Nur wenige Menschen sind geimpft, da die Länder fast keine Impfstoffe haben“, sagt Lauterbach. Verschärft werde die Situation dadurch, dass die Bevölkerung älter sei und die Länder mit Corona-Varianten kämpfen, die selbst für Jüngere und Schwangere tödlich sein können. „Die Situation dort ist eine Tragödie“, so Lauterbach.

Der SPD-Gesundheitsexperte kennt die Epidemiologie in Südamerika, war selbst zum Beispiel schon in Kolumbien und verweist auf Risikofaktoren wie Diabetes, die in den Ländern Südamerikas weit verbreitet sind. „Das macht die Südamerikaner sehr anfällig für Covid-Komplikationen“, sagt Lauterbach dem RND. Hinzu kämen schlecht ausgestattete Gesundheitssysteme und eine Politik, die bisher nicht schnell genug Impfstoffe besorgen konnte.

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Die Sprecherin des Gesprächskreises Lateinamerika der SPD-Bundestagsfraktion, Yasmin Fahimi, beobachtet die Pandemie in Lateinamerika mit Sorge. „Ganze Regionen drohen entvölkert zu werden. Und wieder einmal trifft es die Ärmsten und die in engen Bebauungen am härtesten“. Das sehe man insbesondere in Brasilien. „Präsident Bolsonaro handelt nicht nur fahrlässig, sondern mit Vorsatz“, so Fahimi. Für dieses Krisenmanagement müsse er zurücktreten.

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Südamerika-Experte: „Wir haben ein globales Problem“

Zwischenzeitlich schien es, als hätten die südamerikanischen Länder das Coronavirus unter Kontrolle. Strenge Lockdowns und Ausgangssperren wie in kaum einem anderen Land der Welt haben die Fallzahlen in den südamerikanischen Ländern nach unten gebracht. Argentinien hatte für ein ganzes Jahr die Schulen und Kitas geschlossen, in Peru durfte die Bevölkerung nur an bestimmten Wochentagen die Wohnung verlassen und das auch nur zum Einkaufen.

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Trotz der weitreichenden Maßnahmen steckt Südamerika mitten in der nächsten Corona-Welle. Der Lateinamerika-Experte der Konrad-Adenauer-Stiftung, Dr. Jan Woischnik, sieht mehrere Gründe für die hohen Fallzahlen. Die harten Lockdowns würden kaum Erfolge in Ländern zeigen, in denen 50 bis 60 Prozent der Bevölkerung informellen Tätigkeiten nachgehen. „Viele Menschen leben von der Hand in den Mund und haben nichts zu essen, wenn sie nicht ihren Straßenstand aufbauen“, sagt Woischnik dem RND. Mutationen und der Mangel an Impfstoffen hätten ebenfalls für die stark steigende Zahl an Corona-Neuinfektionen gesorgt.

Der Hauptgeschäftsführer Pater Michael Heinz vom Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat bestätigt, dass sich der Lockdown bei informellen Tätigkeiten nicht durchsetzen lasse. Hinzu kommt: „Während des Lockdowns gab es nur sehr wenig staatliche Hilfe – wenn überhaupt – und die Menschen leiden noch immer“, sagt Heinz dem RND.

Er sieht noch weitere Gründe, warum viele Länder Südamerikas gerade von einer dritten Welle getroffen werden: „Teilweise sind die Regierungen schuld – etwa in Brasilien, wo Präsident Bolsonaro die Pandemie herunterspielt“, so Heinz. Dort sei die Bevölkerung gespalten und nehme die Schutzmaßnahmen oft nicht ernst. „Teilweise sind die Menschen aber auch von der Stadt auf das Land geflüchtet und haben die Pandemie dorthin mitgebracht“, so der Adveniat-Hauptgeschäftsführer. Adveniat hilft zum Beispiel in Lima und im peruanischen Huancayo mit Sauerstoff, Lebensmitteln und Hygieneartikeln. „Wir leisten regelrechte Nothilfe“, so Heinz.

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Lauterbach: Kostenlose Impfstoffe für Südamerika

Im März hatten Fachleute noch hoffnungsvoll nach Südamerika geblickt: Chile war beim Impftempo so schnell wie kein anderes Land auf der Welt, galt als Vorzeigeland beim Impfen. Etwa 60 Prozent der Menschen in Chile sind inzwischen mindestens einmal geimpft, 40 Prozent haben sogar schon den vollen Impfschutz. Es war allerdings fast ausschließlich Impfstoff aus China und Russland, der die südamerikanischen Länder erreicht hat. „Diese Impfstoffe sind offenbar nicht sehr wirksam“, kritisiert Woischnik. Anders sei es nicht zu erklären, dass in Ländern mit hohem Impffortschritt wie Chile jetzt die Zahlen so stark ansteigen würden.

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Auch für SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach sind die Impfstoffe aus Russland und China „nicht sehr überzeugend“. Er kritisiert, dass Europa bisher nur so viel Impfstoff produziert hat, um sich selbst impfen zu können. „Wir brauchen Produktionskapazitäten in Südamerika, die hochwertige Impfstoffe in hohem Tempo herstellen. Nur so hat die Tragödie dort ein Ende“, sagt der SPD-Politiker dem RND.

Lauterbach sieht vor allem Impfstoffhersteller wie Biontech/Pfizer und Moderna in der Pflicht. „Die Impfstoffe, die wir hier in Deutschland einsetzen, wirken auch gegen Mutationen wie P1.″ Diese Mutation wurde erstmals in Brasilien nachgewiesen und ist in Südamerika weit verbreitet. Sie ähnelt laut Robert-Koch-Institut (RKI) der südafrikanischen Variante und wird schneller übertragen als andere Virusvarianten. Auch deshalb sei eine Impfung mit in der EU zugelassenen Impfstoffen notwendig, so Lauterbach. „Vollständig Geimpfte sind zumindest vor schweren Krankheiten geschützt, auch bei den verbreiteten Mutationen in Südamerika.“

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„Lateinamerika wird auch auf absehbare Zeit ein absoluter Corona-Brennpunkt bleiben“, glaubt die Bundestagsabgeordnete Yasmin Fahimi. „Mit dem Wissen um die sich verbreitenden Mutationen, muss man mit dem Schlimmsten rechnen“. Sie geht davon aus, dass die Dunkelziffer der Todesfälle in Brasilien die offiziellen Zahlen weit übersteigen. Auch die indigenen Stämme in Brasilien sind von der Pandemie hart getroffen. „Ich kann sehr gut verstehen, dass die Menschen dies als Genozid am eigenen Volk kritisieren“, sagt Fahimi dem RND.

Wirtschaft in vielen Länder Südamerikas am Boden

Die neue Corona-Welle hat auch die Wirtschaft vieler Länder Südamerikas in eine Krise gestürzt. In Argentinien hat das Virus die andauernde Wirtschaftskrise verschärft: Ende April meldete die Zeitung „El Economista“ eine auf 42 Prozent gestiegene Armutsrate in Argentinien. Rund 19 Millionen Menschen sind demnach von Armut betroffen. Lauterbach warnt: „Wenn in Südamerika nicht bald viele Menschen geimpft werden, wird es immer wieder neue Rückschläge geben.“

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Das würde auch die Industriestaaten viel Geld kosten, da der Welthandel durch die Pandemie in Südamerika stark eingeschränkt sei. „Die Industrieländer müssen Südamerika kostenlos Impfstoffe liefern“, fordert Lauterbach deshalb im Gespräch mit dem RND. Das sei auch die beste Investition für deutsche Wirtschaft. „Durch den Anstieg der Wirtschaftskraft lassen sich die Ausgaben für die Impfstoffe um das bis zu 200-Fache wieder reinholen“, so Lauterbach.

Covax-Impfstoffe: Menge sei „extrem enttäuschend“

Lösungen für die Notlage Südamerikas liegen schon lange auf dem Tisch, sind sich die Experten einig. „Am besten wäre es gewesen und ist es immer noch, die Impfkampagnen der Länder massiv zu unterstützen“, so Lateinamerika-Experte Woischnik. Mit Covax gibt es bereits eine globale Initiative, die sich für eine gerechte Verteilung der Impfstoffe einsetzt. Doch bislang hat Covax kaum Impfstoffe zum Verteilen erhalten. „Industrieländer müssen Covax massiv hochfahren“, fordert Woischnik und betont: „Wir haben offensichtlich ein globales Problem – wenn in den unterentwickelten Ländern die Mutationen sprießen, fällt das alles auf uns zurück“, sagt er dem RND.

Auch bei Adveniat befürwortet man Covax, doch das grundsätzliche Problem bleibe: „Wir haben mehr Geld als Impfstoffe, das Problem ist die geringe Impfstoffherstellung“, sagt der Adveniat-Hauptgeschäftsführer dem RND. Daher müsse alles Menschenmögliche getan werden, um Impfstoffe herzustellen und dann zu verteilen.

Deutschland hat in der Vergangenheit immer wieder Impfstoffe für Covax gespendet und tut deutlich mehr als andere Länder. Bundeskanzlerin Angela Merkel sprach beim G7-Treffen von insgesamt 2,3 Milliarden Impfdosen, die bis Ende 2022 von den G7-Staaten an ärmere Länder verteilen werden sollen. Dabei finanziere Deutschland vor allem über Covax rund 350 Millionen Dosen. Zunächst werde Deutschland zusätzlich 30 Millionen Dosen kostenlos zur Verfügung stellen.

„Wenn es um den Kauf von Covax-Vakzinen geht, steht Deutschland gemessen am BIP am besten da“, lobt Lauterbach. Doch der deutsche Beitrag zu Covax alleine reiche nicht, man müsse andere Länder dazu motivieren, mehr gegen die Pandemie in ärmeren Ländern zu tun. „Bisher ist die Gesamtmenge von Covax-Impfstoffen extrem enttäuschend. So bekommen wir die weltweite Pandemie nicht in den Griff“, sagt Lauterbach dem RND.

Impfstoffe spenden oder Patente freigeben?

Da die Länder Südamerikas kaum Impfstoffe von Biontech/Pfizer und Moderna erhalten haben, werden immer mehr Forderungen nach einer Aufhebung der Impfstoffpatente laut. Pater Michael Heinz von Adveniat fordert, dass die Patente für die Impfstoffe zumindest für eine gewisse Zeit aufgehoben werden. Über 100 Länder unterstützen die Aufhebung der Patente, inzwischen auch die USA. Deutschland weigert sich bisher aber, kritisiert Heinz. „Wirtschaftliche Interessen dürfen nicht die Verantwortung um das Wohl aller Menschen beschneiden“, sagt er und fordert, über den Tellerrand hinauszuschauen, um Menschenleben zu retten.

Die Strategie Deutschlands ist aber eine andere: Bundeskanzlerin Angela Merkel betont immer wieder, dass die Qualität der Produktion sichergestellt sein müsste. Das gehe am besten, wenn Firmen ihre Produktion ausbauten und Lizenzen vergäben. Aber noch immer ist Impfstoff knapp, sieht man einmal von den Industriestaaten ab. Doch können Länder in Südamerika tatsächlich nicht selbst Impfstoff in hoher Qualität herstellen? Lateinamerika-Experte Woischnik glaubt, dass zumindest Argentinien und Brasilien eigene Anlagen errichten könnten, „andere Länder eher nicht“, so seine Einschätzung.

SPD-Politiker Lauterbach glaubt nicht, dass allein die Freigabe von Impfstoffpatenten helfen wird. Er befürwortet zwar grundsätzlich eine Patentfreigabe, meint allerdings: „Südamerika kann nicht hochwertige Impfstoffe in großer Menge produzieren, ohne dass westliche Unternehmen mithelfen“. Längerfristig könnten ärmere Länder aber Impfstoffe selbst produzieren, vor allem die etwas einfacher herstellbaren Vektorimpfstoffe und proteinbasierte Impfstoffe. „Aber zu diesem Zeitpunkt müssen als erstes die Impfstoffhersteller selbst die Vakzine in Südamerika produzieren“, fordert Lauterbach.

„Bei der Impfstoffproduktion muss mehr passieren“ meint auch Fahimi. Die Sprecherin des Gesprächskreises Lateinamerika der SPD-Bundestagsfraktion sagt dem RND: „Europa kann und muss mehr leisten“. Von dem Vorschlag, einfach Impfstoffpatente freizugeben, hält Fahimi aber nichts. Stattdessen fordert sie „Wir brauchen einen Transfer von Technologie und Wissen sowie Kooperationen zwischen den Pharmaunternehmen in der Welt, um die Kapazitäten schneller auszubauen“. Dann könnte auch Lateinamerika entweder durch eine Erleichterung bei Exportlizenzen oder einer zeitweise Freigabe der Patente besser geholfen werden.

Schwappt die Südamerika-Welle auf Europa über?

Einig sind sich alle Fachleute, dass Südamerika schnell Hilfe benötigt. Der Epidemiologe und SPD-Gesundheitsexperte Lauterbach warnt vor neuen Pandemiewellen, wenn das Virus in Südamerika nicht mithilfe westlicher Länder bekämpft werde. Besonders für die USA sei das Risiko groß: „Dort ist die Impfquote und Impfbereitschaft noch nicht hoch genug und über Migrationsströme drohen Mutationen aus Südamerika ins Land zu kommen“, sagt Lauterbach dem RND und warnt: „Das könnte für überraschende Ausbrüche und Rückschläge bei der Pandemiebekämpfung sorgen.“

Bleiben die Impfungen in Südamerika aus, könne das Coronavirus noch leichter mutieren. Das könnte auch für Deutschland und andere Länder zur Gefahr werden. „Die brasilianische Mutation wird durch die Lockerungen in Europa möglicherweise schon nach der Reisezeit im Herbst zu uns kommen“, warnt Adveniat. Daher sei es jetzt nötig, möglichst viele Menschen weltweit gegen das Coronavirus zu impfen.

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