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1,8 Millionen Infizierte? RND-Experte warnt vor schnellen Schlüssen

  • Offiziell haben sich in Deutschland bisher mehr als 160.000 Menschen mit dem Coronavirus infiziert.
  • In einer Studie aus Heinsberg gehen die Experten jedoch nun von deutlich mehr Fällen aus.
  • Sollte sich die Zahl von 1,8 Millionen Infizierten bestätigen, müsste das weitreichende Konsequenzen haben, sagt RND-Experte Matthias Stoll.
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Hannover. Die Zahl klingt aufregend: 1,8 Millionen Menschen in Deutschland könnten sich laut einer Modellrechnung von Bonner Virologen bereits mit dem Coronavirus infiziert haben. Offiziell gemeldet sind derzeit dagegen rund 163.000 (Stand 4. Mai). Hätten die Wissenschaftler um Studienleiter Hendrik Streeck recht, lägen die tatsächlichen Fälle demnach zehnmal höher, als es die offiziellen Zahlen vermuten ließen. Doch kann das sein? Der RND-Experte Matthias Stoll von der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) warnt vor vorschnellen Schlüssen.

Dazu muss man zuerst einmal verstehen, wie die Forscher um Streeck zu ihrer Schätzung kommen: Sie gehen davon aus, dass in Gangelt 0,37 Prozent der Infizierten gestorben sind. Aus diesen Daten errechneten sie eine theoretische Zahl für Deutschland. Das funktioniert im Prinzip so: Die Forscher gehen davon aus, dass in ganz Deutschland die Sterblichkeit in etwa gleich ist. Wenn also bekannt ist, wie viele Infizierte auf einen Toten kommen, kann man von der Zahl der Verstorbenen, die das RKI mit mehr als 6500 angibt, auf die Zahl der tatsächlich Infizierten – auch der nicht erfassten – schließen.

Kann man die Zahlen auf Deutschland übertragen?

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In einer Pressekonferenz mit Journalisten äußerte sich jedoch Gérard Krause, Leiter der Abteilung Epidemiologie am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung (HZI) in Braunschweig, reserviert. Er warnte davor, die Zahlen aus Gangelt auf ganz Deutschland zu übertragen. “Ich bin da doch eher zurückhaltend”, sagte er. In der Modellrechnung falle aufgrund der kleinen Größe der Gemeinde ein einzelner Todesfall mehr oder weniger stark ins Gewicht.

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Ähnlich sieht es Matthias Stoll von der MHH. “Ich könnte mir vorstellen, dass die Richtung stimmt. Dennoch sehe ich methodische und konzeptionelle Schwächen in der Arbeit, die allesamt zu einer Überschätzung der Dunkelziffer führen können”, sagt Stoll. Ein Grund, warum man von Heinsberg nicht ohne Weiteres auf Deutschland hochrechnen dürfe, sei etwa die Karnevalssitzung, die in der Gemeinde eine massenhafte Weiterverbreitung ermöglicht habe. Aus einer solchen Stichprobe dann wenige Wochen später einer weitere Momentaufnahme zu machen, könne einen spannenden Schnappschuss ergeben – aber keine Deutschland-Karte.

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Ein anderes Problem sei, dass man zur Testung einen bisher noch – naturgemäß – wenig validierten Test verwendet habe. Das bedeute aber auch, dass der Test nicht zwingend alle Menschen erfasse, die eine Sars-Cov-2-Infektion hatten, beziehungsweise umgekehrt Menschen als positiv testen könne, die in Wirklichkeit keine Sars-Cov-2-Infektion hatten. Selbst ein Prozent falsch-positive Resultate könnten sich aber auf die von Streeck und seinen Kollegen angestellte Modellrechnung auswirken. “Außerdem trägt die Studie der bereits im Vorfeld geäußerten Methodenkritik an der Stichprobenauswahl in Bezug auf die starke Fallhäufung in den relativ wenigen Haushalten beim Ausbruch in Heinsberg nicht ausreichend Rechnung”, sagt Stoll.

1,8 Millionen Infizierte wären eine gute Nachricht

Wären aber tatsächlich bereits 1,8 Millionen Menschen in Deutschland mit dem Coronavirus infiziert, wäre das eine gute Nachricht, sagt Stoll. “Covid-19 wäre quasi zehnmal weniger gefährlich als bisher angenommen.” Und auch der Weg zur Herdenimmunität wäre “hoffnungsvoller”. Das Ziel wäre dann bei der aktuellen Ausbreitungsgeschwindigkeit binnen weniger Jahre erreichbar – und nicht erst in Jahrzehnten. Tatsächlich zeige die Studie der Wissenschaftler aus Bonn bereits, dass die Erkrankung mutmaßlich viel häufiger unerkannt verlaufe – besonders bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen bis 50 Jahre.

“Wenn es sich wirklich bestätigt, dann gehören alle Restriktionen eines Shutdowns grundsätzlich und sehr kritisch neu bewertet”, sagt Stoll. “Vermutlich wären viele davon überflüssig.” Doch der Experte warnt auch hier vor zu schnellen Schlüssen: “Bisher sind dies Zahlen aus Hochrechnungen, also vorläufig und ohne jede Gewähr.” Ganz im Sinne von: Die Motorjacht kauft man schließlich auch erst dann, wenn der Lottoschein als gültig anerkannt wurde.

RND/asu

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