Kulturanthropologin: Wegfall des Händeschüttelns ist „herber Entzug“

  • Das Händeschütteln gehört in Deutschland zur Begrüßung eigentlich dazu, doch die Corona-Pandemie hat einiges verändert.
  • Der Kulturanthropologin Regina Bendix zufolge leiden viele Menschen unter dem Entzug körperlicher Berührungen.
  • Der Wegfall des Händeschüttelns kann außerdem zu Distanz zwischen den Menschen führen und stellt viele Beziehungen auf die Probe.
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Göttingen. Der Corona-bedingte Verlust des herzlichen Handschlags bedeutet nach Ansicht der Göttinger Kulturanthropologin Regina Bendix für viele Menschen einen „herben Entzug“. Früher hätten sich die Menschen zur Begrüßung die Handschuhe ausgezogen, damit Haut auf Haut spürbar war, sagte die Professorin dem Evangelischen Pressedienst (epd). „Auch heute noch hat der Händedruck eine körperliche Dimension, die für uns sehr wesentlich ist.“ Über den Händedruck nähmen Menschen viel über das Gegenüber wahr. In den Zeiten vor Corona habe es viel über die Nähe in einer Beziehung ausgesagt, ob sich Menschen mit einem Händedruck oder ohne ihn grüßten. Diese wichtige Information fehle nun.

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Viele Menschen vermissen die Körperberührung

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Eine Umarmung sei in ihrer Körperlichkeit noch sehr viel intensiver. „Auch hier spüren wir, wie nah wir der Person stehen“, sagte Bendix. Ein Berühren der Schultern zur Begrüßung diene ebenfalls als Signal der Sympathie. Falle solch ein körperlicher Austausch weg, sei Distanz spürbar, eventuell werde auch ein Statusunterschied sichtbar. „Wenn jemand einem nicht mehr die Hand gibt, den man früher so begrüßt hat, ist vermutlich etwas in der Beziehung im Unguten.“

Bendix zufolge vermissen viele Menschen die Körperberührung „phänomenal“. Umso wichtiger sei die Berührung dort, wo sie stattfinden dürfe. „Gerade auch in dieser deutschen Gesellschaft, wo viele Menschen eh schon grußlos aneinander vorbeigehen und einander nicht einmal mit einem Grußwort signalisieren, dass sie die Präsenz der anderen wahrnehmen, ist der Wegfall des Händeschüttelns oder Umarmens ein herber Entzug.“

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Hautkontakt besonders für einsame und kranke Menschen wichtig

Insbesondere für kranke Menschen, die vom Pflegepersonal zum Grüßen nur noch mit Schutzhandschuhen berührt werden dürften, sei der fehlende Hautkontakt sehr traurig. „Die Haut ist ein enorm wichtiges Sinnesorgan. Mit ihr nehmen wir soviel an Information auf und überbrücken damit viel an Alleinsein und Vereinzelung“, unterstrich die Expertin. „Eine Begrüßung ist ein potenzieller Kommunikationsauftakt.“

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Der ungeliebte „Ellenbogen-Gruß“ sei keine echte Alternative zum Handschlag oder der Umarmung, sagte Bendix. „Aber immerhin ein Ersatz.“ Mimik und Sprache durch die Maske hindurch seien umso wichtiger. „Wenn wir die Haut der andern nicht berühren dürfen, dann soll wenigstens dem Ohr der Klang der Stimme der andern geschenkt werden.“

RND/epd

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