Krebsforscher: “Die Therapien werden immer individueller”

  • In der Tumormedizin ist der Hämatologe und Onkologe Wolfgang Knauf seit über 35 Jahren tätig.
  • Seitdem habe sich viel getan, manches sei aber gleich geblieben, berichtet der Vorsitzende der Niedergelassenen Hämatologen und Onkologen.
  • Im Interview erzählt er über Fortschritte der Krebstherapie, Medikamenten-Engpässe – und wie er sich eine Behandlung seiner Patienten in zehn Jahren vorstellt.
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Die Zahl der Krebsfälle weltweit dürfte sich nach einer Prognose der Weltgesundheitsorganisation (WHO) bis 2040 fast verdoppeln. Das geht aus dem alle fünf Jahre erstellten Weltkrebsreport der Internationalen Agentur für Krebsforschung (IARC) hervor.

Auch Professor Dr. Wolfgang Knauf ist sich sicher, dass die Zahl der Neuerkrankungen in Zukunft steigen wird. Der Vorsitzende des Berufsverbands der Niedergelassenen Hämatologen und Onkologen in Deutschland (BNHO) arbeitet als niedergelassener Hämatologe und Onkologe in Frankfurt.

Weltkrebstag 2020: Fortschritte und Herausforderungen

Im RND-Interview berichtet er anlässlich des Weltkrebstages über die Fortschritte der Krebstherapie, aktuelle Herausforderungen wie die Medikamenten-Engpässe und wie er sich eine Behandlung seiner Patienten in zehn Jahren vorstellt.

Kennt sich gut in der Tumormedizin aus: Prof. Dr. Wolfgang Knauf ist der Vorsitzende des BNHO und niedergelassener Hämatologe und Onkologe in Frankfurt. © Quelle: BNHO


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Jeder kennt jemanden mit einer Krebserkrankung. Prognosen gehen davon aus, dass die Zahl der Neuerkrankungen steigen wird. Reden wir in Deutschland genug darüber?

Krebs ist kein Tabuthema mehr. Wir reden auf jeden Fall mehr darüber als in früheren Zeiten. Innerhalb der Familie und im Bekanntenkreis wird inzwischen viel offener damit umgegangen. Allmählich wächst auch ein Bewusstsein für die Erkrankungen. Wir reden allerdings zu wenig über Früherkennungsmaßnahmen und den Einfluss der Lebensführung, um Krebsrisiken zu minimieren.

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Was sollte jeder in Deutschland über die Früherkennung von Krebs wissen?

Jeder sollte über die von den Kassen als Regelleistung angebotenen Früherkennungsmaßnahmen Bescheid wissen. Dass man beispielsweise eine Darmspiegelung durchführen oder auch das Brustscreening beim Frauenarzt durchführen lassen sollte. Frau und Mann sollten da eigentlich informiert sein. Das ist aber noch verbesserungsfähig. Gerade Männer sind zurückhaltend, wenn es um den Besuch beim Urologen geht. Wird eine Krebserkrankung aber früh erkannt, kann das die Heilungschancen in vielen Fällen enorm vergrößern.

Eine ungesunde Lebensführung steigert das Risiko, an Krebs zu erkranken. Was sind die Klassiker, über die jeder Bescheid wissen sollte?

Rauchen, übermäßiger Alkoholgenuss und zu viel UV-Strahlung. Das sind Dinge, die jeder im Rahmen der allgemeinen Gesundheitserziehung wissen sollte. Und trotzdem wird geraucht, zu viel Alkohol konsumiert und es gibt immer noch die Sonnenanbeter. Ich betone trotzdem weiterhin: Das ist ein risikohaftes Verhalten.

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Was sind Ihrer Ansicht nach gegenwärtig große Herausforderungen bei der Behandlung von Krebspatienten?

Bei einzelnen Krebserkrankungen haben wir in den letzten zehn, 15 Jahren unglaubliche Fortschritte erlebt. Bei anderen hingegen haben wir immer noch einen hohen Bedarf, was langfristige Therapieerfolge angeht. Früher waren wir immer fixiert auf Heilung. Bei bestimmten Krebsformen funktioniert das auch, wie beispielsweise beim Hodentumor. Aber wenn man einen Krebs nicht heilen kann, geht es darum, die Lebenserwartung und Qualität aufrechtzuerhalten. Auch da haben wir aber große Fortschritte gemacht.

In Deutschland gibt es vermehrt Lieferengpässe bei Krebsmedikamenten. Macht Ihnen das Sorgen?

Das scheint jetzt ein größeres Problem zu werden. Einige Bundesländer forderten jüngst, dass innerhalb der EU die Medikamentenproduktion wieder aufgenommen wird. Das kann ich nur begrüßen. Wir müssen Möglichkeiten finden, dass es wieder für die Firmen einfacher wird, in Europa oder Deutschland Medikamente zu produzieren. Früher hieß es einmal, Deutschland ist die Apotheke der Welt. Die Zeiten sind aber schon lange vorbei.

Spüren Sie persönlich im Praxisalltag, dass Medikamente fehlen?

Ich habe bereits erlebt, dass ein spezielles Medikament für eine hochdosierte Chemotherapie vor einer Stammzellentransplantation benötigt wurde. Das war nicht lieferbar. Da mussten dann für drei Wochen Patienten verschoben werden. Davon waren zahlreiche Behandlungszentren in ganz Deutschland betroffen. Solche Fälle hat es in den letzten drei Jahren immer wieder mal gegeben. Manchmal kann man zwar Medikamente aus anderen Ländern bestellen. Schwierig wird es, wenn ein Hersteller ein Monopol auf ein bestimmtes Medikament hat.

Was bedeutet das dann ganz konkret für den Patienten?

Der muss im Zweifelsfall warten. Der Arzt muss sich dann überlegen, ob es gleichwertige Behandlungsalternativen gibt. Glücklicherweise hängt nicht immer alles am seidenen Faden. Aber die Lieferengpässe sind schon ein Grund zur Beunruhigung. Nach meiner Kenntnis hat bislang aber noch kein Patient deswegen einen Schaden davongetragen. So weit sollte man es niemals kommen lassen.

Inwiefern haben sich Therapieansätze in den letzten Jahren verändert?

Allgemein kann man sagen: Krebstherapien werden immer individueller. Wir wissen heutzutage, dass Tumoren weitaus heterogener sind, als wir uns das früher vorgestellt haben. Zum Beispiel gleicht ein Lungenkrebs, also ein Bronchialkarzinom, keinesfalls einem anderen. Auf der molekularen Ebene gibt es Befunde, die ein sehr spezifisches Vorgehen erfordern. Die moderne Medikamentenentwicklung stützt sich immer mehr auf solche molekularen Befunde. Der Trend geht dahin, dass man ein Medikament zielgerichtet für eine bestimmte molekulare Struktur in der Tumorzelle entwickelt.

Operation, Chemotherapie und Bestrahlung sind die geläufigen Behandlungsmethoden im Kampf gegen Krebs. Welche neueren Ansätze gibt es?

Das sind die immunologischen Ansätze, die sich rasant innerhalb der letzten zwei bis drei Jahre etabliert haben. Das ist der Schritt über die klassische Chemotherapie hinaus. Das eigene Immunsystem versucht sich dabei fit gegen Tumorzellen zu machen. Zurzeit in aller Munde sind die sogenannten CAR-T-Zellen aus dem eigenen Immunsystem. Die werden so modifiziert, dass sie Tumorzellen erkennen und zerstören.

Was sind Vor- und Nachteile eines immunologischen Behandlungsansatzes?

Die klassische Chemotherapie konnte im Zweifelsfall nicht zwischen gut und böse unterscheiden. Das war ein Risiko, das man mit immunologischen Ansätzen zu umgehen versucht. Sie können ergänzend, aber auch alleine angewandt werden. Man geht damit aber auch Risiken ein. Wenn ich in ein Immunsystem eingreife, kann dieses womöglich plötzlich unkontrolliert eigene gesunde Körperstrukturen angreifen.

Nehmen Ihre Patienten neuere Behandlungsmethoden an?

Der Großteil der Patienten ist sehr aufgeschlossen. Sie sind zunehmend differenziert. Das ist eine Neuentwicklung, die in der vorangegangenen Generation so nicht ausgeprägt war. Patienten fragen nach, holen sich unter Umständen eine zweite Meinung ein. Das ist für den behandelnden Arzt zwar ein erhöhter Zeitaufwand. Aber am Ende ist der informierte Patient der, den man besser durch die Höhen und Tiefen der Krankheit führen kann.

Die Krebstherapie in zehn, 50 und 100 Jahren – wie stellen Sie sich die vor?

100 Jahre wage ich nicht vorauszublicken. Ich bin jetzt über 35 Jahre in der Tumormedizin tätig. Allein in einer Generation hat sich so radikal viel verändert – und die Geschwindigkeit nimmt eher zu. Ich glaube aber, dass wir in zehn Jahren deutlich mehr eine fein justierte, individualisierte Anti-Tumor-Medizin haben. Da erwarte ich mir eine flächendeckende Anwendung, ohne dass die klassischen Methoden komplett verschwunden wären. Es wäre aber eine Illusion, darauf komplett verzichten zu wollen.

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