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Krankenpflegerin zum Corona-Klinikkollaps: „Die Politik hatte sieben Monate Zeit, etwas zu ändern“

  • Der drohende Klinikkollaps durch die Coronavirus-Pandemie wundert Krankenpflegerin Nina Böhmer nicht.
  • Die Politik habe Krankenhäuser, Alten- und Pflegeheime nicht ausreichend auf die zweite Welle vorbereitet.
  • Personal, Masken und Geld fehlten weiterhin, mahnt die 28-Jährige im RND-Gespräch. Und wer soll eigentlich die Abstriche beim Antigen-Schnelltest vornehmen?
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Nina Böhmer hat im März mit einem öffentlichen Facebook-Post auf sich aufmerksam gemacht. „Euren Applaus könnt ihr euch sonst wohin stecken“, schrieb sie und machte damit ihren Frust über die Arbeitsbedingungen als Krankenpflegerin in der ersten Welle der Corona-Pandemie in Deutschland deutlich. Anfang November ist die 28-Jährige bei einem drohendem Klinikkollaps und steigenden Infektionszahlen erneut fassungslos.

Die Politik habe die zentralen Probleme im Gesundheitssystem nicht angepackt, erzählt Nina Böhmer dem RedaktionsNetzwerk Deutschland. Sie kennt den Alltag auf Station: Die Krankenpflegerin arbeitet in Kliniken, auf Covid-Stationen, in Altenheimen und Einrichtungen für Menschen mit Behinderung.

Frau Böhmer, fühlen Sie sich gut vorbereitet mit Blick auf die kommenden Wochen?

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Nicht wirklich. Die Politik hatte sieben Monate Zeit, um einige Probleme zu regeln: Wir haben in den Kliniken jetzt zwar genügend Betten, genügend Beatmungsgeräte, aber eben nicht das Personal. Bei den Antigen-Schnelltests weiß bislang niemand, wer die Abstriche nehmen soll. Pflegekräfte aus anderen Bereichen in der Klinik hätten umgeschult und in der ruhigeren Phase eingearbeitet werden können. Ihnen hätte gezeigt werden können, wie ein Beatmungsgerät richtig bedient wird.

Das ist zwar passiert, aber aus meiner Sicht noch viel zu wenig. Und es gibt ja nicht nur Corona-Patienten. Auch bei schweren Unfällen muss ein Komapatient für längere Zeit beatmet werden. Auch dafür braucht es trotz Corona Platz und Personal. Und im Winter legt auch das Norovirus gerne mal eine ganze Station lahm.

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Im Frühjahr haben viele abends aus Solidarität für Krankenhausmitarbeiter auf Balkonen geklatscht. Sie sagten damals: Der hilft auch nicht gegen eine bessere Bezahlung. Hat sich inzwischen etwas getan?

Trotz neuer Tarifregeln ist der Lohn von Festangestellten und Mitarbeitern aus Zeitarbeitsfirmen definitiv immer noch viel zu niedrig. Mit dem von der Politik angepriesenen Bonus für Pflegekräfte wurde wieder rumgefeilscht. Den bekommen jetzt nur diejenigen, die während der ganzen Zeit gearbeitet haben. Aber sogar die Pflegekräfte aus privaten Häusern, die auf den Corona-Stationen arbeiten, erhalten teilweise den Bonus nicht.

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Doch was ist mit den anderen Kranken- und Pflegekräften? Viele wurden ja in Kurzarbeit geschickt, weil Betten für Covid-Patienten freigehalten wurden. Aber ich habe von Anfang an gesagt: Geld ist nicht das Entscheidende. Es fehlt immer noch die Wertschätzung für Pfleger und Krankenschwestern.

Viele Pfleger wechseln zwischen Krankenhaus und Altenheim

Sie arbeiten in einer Zeitarbeitsfirma. Wieso?

Festangestellte auf Station müssen schon drei Monate im Voraus ihre Dienstplanwünsche melden. Urlaub muss mindestens ein Jahr im Voraus geplant werden. Mein Partner lebte bis vor Kurzem im Ausland, da war das nicht machbar. Ich habe mich aber auch bewusst für Zeitarbeit entschieden, um mehr Flexibilität im Alltag zu haben. Morgen arbeite ich zum Beispiel auf einer Corona-Verdachtsstation. Am Wochenende habe ich eine Schicht in einem anderen Krankenhaus in der Kardiologie. Es kommt also selten vor, dass ich länger als drei Tage am Stück auf der gleichen Station arbeite.

Sie wechseln also die Einrichtungen auch in Covid-Zeiten?

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Genau. Ich arbeite in Altenheimen, Krankenhäusern und Einrichtungen für Menschen mit Behinderung. Es könnte natürlich schon sein, dass bei wechselndem Personal jemand das Virus einträgt. Das Risiko ist aber sehr gering und mit festem Personal genauso möglich. Auf der Arbeit schützen wir uns und tragen ja auch acht Stunden am Stück eine Maske. Wobei der Vorrat limitiert zu sein scheint. Ich bekomme nur eine normale OP-Maske für eine normale Station oder eine FFP2-Maske für eine Corona-Station pro Schicht. Dabei würde ich sie eigentlich gerne alle drei, vier Stunden wechseln, weil sie nass und eklig wird und es einfach nicht hygienisch ist.

Was motiviert Sie trotz der Widrigkeiten, als Pflegekraft zu arbeiten?

Es ist einfach ein schöner Beruf. Ich bekomme viel Dankbarkeit von meinen Patienten. Mich interessiert auch das Fachliche sehr. Ich habe eine hohe Verantwortung, verabreiche zum Beispiel Medikamente, Infusionen, Spritzen, reanimiere Patienten. Ich schätze auch oft Krankheitsbilder ein. Das ist viel mehr als die reine Pflege und erfordert viel Professionalität.

Was muss sich Ihrer Ansicht im Klinik- und Pflegealltag ändern?

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Der Lockdown wird eingeführt, damit das Gesundheitssystem nicht kollabiert. Kliniken und Gesundheitsämter sollen also nicht noch mehr belastet werden. Wären die Arztpraxen grundsätzlich gut mit Material ausgestattet und die Gesundheitsämter mit Personal, müsste es also gar nicht erst so weit kommen, dass so viele Menschen bei uns im Krankenhaus landen. Das alles zeigt doch, dass das Gesundheitssystem grundsätzlich einmal komplett umgekrempelt werden müsste. Es darf in den Einrichtungen nicht immer nur um Profit gehen. Die Fallpauschalen müssten abgeschafft werden. Im Moment sind die Krankenhäuser aber dazu gezwungen, Personal und Material einzusparen.

Nina Böhmer hat auch ein Buch über die Situation in der Krankenpflege während der Corona-Krise veröffentlicht. Der Titel ist im Verlag Harper Collins erschienen: „Euren Applaus könnt ihr euch sonst wohin stecken“ (Juli 2020, 208 Seiten).

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