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Stiko-Vizechefin über Grippe und Corona: „Sind in einer unklaren Situation“

  • Im vergangenen Jahr ist eine Grippewelle wegen der Corona-Regeln nahezu ausgeblieben.
  • Wie viele Influenza-Infektionen in dieser Saison auftreten werden – jetzt, wo viele Maßnahmen entschärft oder sogar aufgehoben wurden –, lasse sich nicht vorhersagen, erklärt Prof. Sabine Wicker.
  • Die stellvertretende Vorsitzende der Ständigen Impfkommission mahnt im RND-Interview, dieses Mal besonders die Situation auf den Intensivstationen genau zu beobachten.
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In Bussen und Bahnen, am Arbeitsplatz oder beim Einkaufen – überall ist schon wieder ein leises, mal lautes Schnäuzen, Schnupfen oder Husten zu hören. Ein klares Zeichen dafür, dass die Erkältungssaison begonnen hat. In den kalten Jahreszeiten sind vor allem Influenzaviren weit verbreitet, die die Grippe auslösen.

Prof. Sabine Wicker ist stellvertretende Vorsitzende der Ständigen Impfkommission (Stiko) und Mitglied der Arbeitsgruppe Influenza. Im Interview mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) erklärt sie, warum sich der Verlauf der Grippewelle in diesem Jahr nur schwer vorhersagen lässt und für wen eine Grippeimpfung besonders wichtig ist.

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Frau Prof. Wicker, die Grippesaison hat begonnen. Mit welchem Gefühl blicken Sie auf die kommenden Wochen und Monate?

Prof. Sabine Wicker: Wachsam, würde ich sagen. Denn wir wissen nicht ganz genau, wie die nächsten Wochen und Monate aussehen werden. Verlässliche Prognosen zum Verlauf der Grippesaison sind meiner Ansicht nach nicht möglich. Wir sind in einer unklaren Situation in Hinblick auf Influenza.

Warum?

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Im vergangenen Jahr ist die Grippewelle wegen der damals geltenden Corona-Maßnahmen nahezu ausgeblieben. Wir haben Abstand gehalten, unsere Kontakte reduziert. Dadurch konnten auch zahlreiche Infektionen mit Influenzaviren vermieden werden. Die Erreger sind also eineinhalb Jahre quasi nicht mehr in der Bevölkerung zirkuliert.

Prof. Sabine Wicker ist stellvertretende Vorsitzende der Ständigen Impfkommission. © Quelle: Universitätsklinikum Frankfurt

Was hat das für Konsequenzen?

Das kann etwa immunologische Auswirkungen haben. Wenn Influenzaviren oder auch andere respiratorische Viren in der Bevölkerung zirkulieren, entsteht eine gewisse „Herdenimmunität“. Weil es in der vergangenen Saison kaum Influenzafälle gegeben hat, könnte dieser Gemeinschaftsschutz dieses Mal geringer ausfallen.

Das heißt, es könnten mehr Influenza-Infektionen auftreten.

Ich rechne damit, dass auf jeden Fall mehr Influenzafälle auftreten werden als im vergangenen Jahr. Aber wie die Grippesaison genau verlaufen wird, wissen wir eben noch nicht. Es gibt einen Spruch unter Infektiologen, der besagt: Hinsichtlich der Influenza lässt sich nur eine Sache vorhersagen – und zwar, dass sie nicht vorhersagbar ist.

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Bundesgesundheitsminister Spahn ruft zur Grippeimpfung auf
1:04 min
Der Bundesgesundheitsminister Jens Spahn hat die Menschen in Deutschland dazu aufgerufen, sich im Herbst besonders zahlreich gegen Grippe impfen zu lassen.  © dpa

Eines ist aber sicher: Die Influenzaviren werden sich zusammen mit dem Coronavirus ausbreiten. Wie gefährlich wird dieses virale Zusammentreffen?

Wir müssen auf jeden Fall kein „Monster-Corona-Influenzavirus“ fürchten. Es sind zwei ganz unterschiedliche Viren, die aber beide nicht zu unterschätzen sind. Sie können gleichermaßen für schwere bis tödliche Krankheitsverläufe sorgen. Das heißt, die Situation auf den Intensivstationen darf nicht aus dem Blick verloren werden. Die Zahl der Betten dort ist begrenzt. Erleben wir eine starke Grippewelle, könnte das bedeuten, dass wir zusätzlich zu den Covid-Erkrankten und anderen intensivpflichtigen Patientinnen und Patienten noch schwere Influenzafälle auf den Intensivstationen sehen werden.

Um dieses Worst-Case-Szenario zu vermeiden, gibt es die Möglichkeit, sich gegen die Grippe impfen zu lassen. Grundlage für die Vakzine sind die zuletzt zirkulierenden Virusvarianten, über die dieses Mal nur wenig bekannt ist. Bedeutet das, dass die Impfstoffe in diesem Jahr weniger wirksam sind?

Es stimmt, dass die Datenbasis zu den Erregertypen dieses Mal geringer ist, weil in der Saison 2020/21 kaum Grippefälle aufgetreten sind. Das bedeutet jedoch nicht, dass die Impfstoffe in diesem Jahr nicht wirksam sind. Die Wirksamkeit der Grippeimpfstoffe ist ohnehin von Jahr zu Jahr unterschiedlich. In einem Jahr sind es 80 Prozent, im nächsten nur 40 Prozent.

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Generell ist die Wirksamkeit der Grippeimpfung bei immungesunden Erwachsenen ungefähr 60 Prozent. Bei Vorerkrankten kann der Schutz vor Infektionen mitunter geringer ausfallen. Aber: Die Influenzaimpfung ist eine der wichtigsten präventiven Maßnahmen, die wir haben. Sie vermeidet Jahr für Jahr zahlreiche Infektionen und Todesfälle.

Wer sollte sich dieses Jahr unbedingt gegen Grippe impfen lassen?

Impfen sollten sich alle über 60-Jährigen und all diejenigen, die Vorerkrankungen haben. Also etwa Patientinnen und Patienten mit Herzkreislaufproblemen, Diabetes mellitus oder Lungenerkrankungen. Auch immungeschwächte Menschen sollten sich impfen lassen, ebenso wie Schwangere. Sie haben ein erhöhtes Risiko für einen schweren Krankheitsverlauf.

Lassen sich schwangere Frauen impfen, schützen sie damit gleichzeitig ihr Baby. Auch für medizinisches Personal, das ein erhöhtes Infektionsrisiko hat oder vulnerable Personen betreut, ist eine Grippeimpfung ratsam. Empfohlen ist die Impfung zudem für Berufe mit hohem Publikumsverkehr – dazu zählen etwa Mitarbeitende im Einzelhandel, aber auch Lehrkräfte und Erzieherinnen und Erzieher.

Die Stiko empfiehlt in dieser Saison allen über 60-Jährigen Hochdosisimpfstoffe. Warum?

Die Hochdosisimpfstoffe enthalten mehr Antigene, sind also – wie der Name schon sagt – höher dosiert. Dadurch haben sie eine etwas bessere Wirksamkeit als die bisher verwendeten Impfstoffe. Dies ist deshalb wichtig, weil die Influenza vor allem in den höheren Altersgruppen häufiger für schwere Verläufe sorgt. Selbst eine geringfügig bessere Effektivität kann gesamtgesellschaftlich betrachtet schon einen Unterschied machen.

Bedeutet eine höhere Dosis auch mehr Nebenwirkungen?

Zunächst einmal: Die Influenzaimpfstoffe sind generell gut verträglich. Die Totimpfstoffe werden seit Jahrzehnten angewendet, deshalb haben sie ein gutes Sicherheits- und Nebenwirkungsprofil. Die Hochdosisimpfstoffe sind tatsächlich etwas reaktogener, das heißt, es können mehr Impfreaktionen auftreten. Gemeint sind damit etwa Schmerzen am Arm, Müdigkeit oder erhöhte Temperatur. Solche Reaktionen sind nicht unüblich, sondern auch von anderen Impfstoffen bekannt.

Die Stiko hat festgelegt, dass eine Grippeimpfung zeitgleich mit einer Corona-Impfung verabreicht werden kann. Wie verträglich ist eine solche Kombinationsimpfung?

Die Verträglichkeit ist gut, genauso wie die Wirksamkeit. Vielleicht können ein klein bisschen mehr Impfreaktionen auftreten, aber das ist in allermeisten Fällen unproblematisch. Dadurch, dass die Grippeimpfung zeitgleich mit der Corona-Impfung verabreicht werden kann, sparen sich die Menschen einen Gang zu ihrem Arzt oder ihrer Ärztin. Und gleichzeitig können wir mit beiden Impfungen viele Menschenleben retten. In Bezug auf die Influenza gab es in der Saison 2012/13 beispielsweise fast 20.000 Todesfälle. So etwas können wir in der jetzigen Grippesaison nicht gebrauchen.

Wir haben gesehen, dass die Corona-Maßnahmen maßgeblich Einfluss auf die Grippesaison genommen haben. Wie sinnvoll ist es, nach dem Ende der Pandemie Maßnahmen wie das Maskentragen beizubehalten, um derart hohe Todeszahlen in Grippezeiten zu vermeiden?

Die Masken haben sich als effektives Mittel erwiesen, um Infektionen mit respiratorischen Viren zu verhindern. Deshalb würde ich mir aus infektiologischer Sicht auf jeden Fall wünschen, dass das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes zu Influenzazeiten beispielsweise im überfüllten Nahverkehr weiterhin von vielen, gerade von Risikopatienten, praktiziert wird. Mit den Masken schützen wir nicht nur uns selbst, sondern auch unsere Mitmenschen.

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