Kochbücher boomen: Die schönen Seiten der Küche

  • Nicht einmal jeder Vierte in Deutschland benutzt täglich seinen Herd, doch Bücher über Essen und gesunde Ernährung sind erfolgreich wie nie.
  • Wie passt das zusammen?
  • Sind Kochbücher vor allem hübsche Bilderbücher?
Martina Sulner
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Für Sportler gibt es spezielle Kochbücher, für diejenigen, die abnehmen wollen, für Vegetarier und Veganer, für Singles, für Menschen, die wenig Zeit haben – und natürlich für alle, die sich gesund ernähren wollen . Wer ein Kochbuch zu einem bestimmten Thema sucht, findet in deutschen Buchhandlungen mit hoher Wahrscheinlichkeit den passenden Titel. Das Angebot reicht vom preisgünstigen Taschenbuch bis zum schicken, teuren Hochglanzband, der sich auf dem Beistelltisch im Wohnzimmer besser macht als auf der Arbeitsplatte in der Küche.

Es ist paradox: Nicht einmal jeder Vierte in Deutschland benutzt noch täglich seinen Herd, wie es im Food­report 2020 heißt, den das Zukunftsinstitut mit der “Lebensmittel Zeitung” und der dfv-Mediengruppe herausgibt. Dennoch erreichen Kochbücher hohe Auflagen. Rund 1740 neue Titel sind im Jahr 2018 laut dem Börsenverein des Deutschen Buchhandels erschienen; jüngere Zahlen gibt es nicht. Und das ist noch nicht einmal der Spitzenwert: 2016 wurden in Deutschland sogar annähernd 2000 Titel rund ums Essen und Trinken publiziert.

Pro Jahr erscheinen mehr als 1700 Bücher übers Kochen

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Wie passt es zusammen, dass die Deutschen immer weniger kochen, aber in einem Jahr mehr als 1740 Bücher übers Kochen erscheinen? Und warum kaufen Menschen überhaupt solche Bücher? Im Netz lassen sich schließlich mehr als genug Rezepte finden, und verschiedene Koch-Apps unterstützen beim Zubereiten von einfachen, aber auch anspruchsvollen Gerichten.

“Rezepte funktionieren in Buchform deswegen nach wie vor, weil das Online- und App-Angebot unüberschaubar ist und die Suche nach sortierten und kuratierten Inhalten generell steigt”, erklären Simone und Julia Graff, die den Kochbuchverlag Hädecke im baden-württembergischen Weil der Stadt leiten. Auf der Frankfurter Buchmesse im Oktober 2019 haben die Schwestern einen der drei erstmals vergebenen Deutschen Verlagspreise erhalten. Verliehen hat die mit jeweils 60.000 Euro dotierte Auszeichnung Kulturstaatsministerin Monika Grütters.

Manche Ratschläge wirken etwas aus der Zeit gefallen

Außerdem, sagen die Verlegerinnen, böten die Kochbücher “meist mehr als eine alleinige Ansammlung von Rezepten”. Erst Warenkundliches und Geschichten drum herum machen das Ganze spannend. Ein Titel wie “Dr. Oetkers Schulkochbuch”, der 1910 erschienen ist und immer wieder überarbeitet wurde, steht zwar nach wie vor in vielen deutschen Küchen. Doch die Rezeptsammlung und manche Ratschläge wirken 2020 etwas aus der Zeit gefallen. Etwa wenn es heißt: “Für die richtige Konsistenz von gebundenen Suppen ist Fingerspitzengefühl gefragt, aber das Ergebnis überzeugt.”

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Ums prosaische Sattwerden geht es in neuen Büchern kaum. Blickt man auf den aktuellen Markt, ist der Eindruck: Erfolgreich sind vor allem Titel, in denen es um gesunde Ernährung geht, und solche von bekannten Fernsehköchen. In der Bestsellerliste der Sparte Essen, Trinken, Ernährung steht derzeit “Vegan-Klischee ade! Das Kochbuch” von Niko Rittenau und Sebastian Copien auf Platz eins. Ebenfalls in den Top Ten finden sich “Die Ernährungs-Docs – Zuckerfrei gesünder leben”, “Heilen mit Lebensmitteln: Meine Top 10 gegen 100 Krankheiten” und „Intervallfasten“. Dass gesunde Lebensweise und Selbstoptimierung – zumindest bei einem Teil der Bevölkerung – eine große Rolle spielen – auch das spiegelt sich im Kochbuchmarkt wider.

Fraglich ist allerdings, ob Intervallfasten in zwei, drei Jahren noch ein Topthema ist oder ob dann nicht schon der nächste Ernährungstrend die Bestsellerlisten anführt. Es gibt mehrere Verlage, die kurzfristig auf solche Trends reagieren und mit entsprechenden Büchern erfolgreich sind. Simone und Julia Graff fragen allerdings auch, wonach sich Erfolg bemisst. Kurzfristig verkaufte Exemplare? Langfristige Abdeckung eines Themas? Oder schafft es ein Buch, zum Longseller zu werden?

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Kochbücher machen zwar nicht satt, steigern aber den Appetit

Das “Tofu”-Buch aus dem Hädecke-Verlag jedenfalls hat das Zeug zum Dauerbrenner: Es verbindet Informatives mit Geschichten über Menschen, die Tofu verarbeiten, und Rezepten. Zudem vermittelt es ein gutes Gefühl, weil es so ansprechend gestaltet ist. “Gut gemachte Kochbücher sind Lese- und Bilderbücher für Erwachsene, sie können eine Sehnsucht bedienen, auch wenn man hinterher eher essen geht und nicht selber kocht”, meinen die Graff-Schwestern.

Das kann die Sehnsucht nach einem fernen Land und dessen Küche sein, oder die nach einer harmonischen Familie, in der alle gern gemeinsam Gemüse schnibbeln und hinterher entspannt am langen Tisch sitzen. Solche Bücher machen zwar nicht satt, steigern aber den Appetit.

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