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Kinderinfektiologe: „Long Covid von ‚Long Lockdown‘ zu unterscheiden ist nicht leicht“

  • Die Delta-Variante breitet sich in Deutschland aus und infiziert viele Kinder und Jugendliche.
  • Prof. Tobias Tenenbaum befürchtet, dass es mit den steigenden Infektionszahlen häufiger zu Long-Covid-Fällen in den jüngeren Altersgruppen kommen könnte.
  • Das Problem: Die Corona-Spätfolgen sind noch weitgehend unerforscht, wie der Kinderinfektiologe im RND-Interview verdeutlicht.
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In den vergangenen Wochen hat sich in den Corona-Statistiken ein neuer Trend bemerkbar gemacht: Immer mehr jüngere Menschen infizieren sich mit der in Deutschland dominierenden Delta-Variante. Die Sieben-Tage-Inzidenz in der Altersgruppe der Fünfjährigen bis 14-Jährigen gibt das Robert Koch-Institut mittlerweile mit 71,2 an, bei den 15- bis 34-Jährigen beträgt die Kennzahl 85,9. Auch bei den Kleinkindern – also den unter Vierjährigen – treten aktuell viele Infektionen auf.

Prof. Tobias Tenenbaum, Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie (DGPI), sieht in den steigenden Infektionszahlen die Gefahr, dass unter den Kindern und Jugendlichen auch mehr Long-Covid-Fälle auftreten können. Im Interview mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) erklärt er, warum die Corona-Spätfolgen für Medizinerinnen und Mediziner immer noch eine große Herausforderung darstellen.

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Herr Prof. Tenenbaum, bislang hieß es: Kinder erkranken selten schwer an einer Infektion mit dem Coronavirus. Meist entwickeln sie nur asymptomatische oder milde Krankheitsverläufe. Gilt das für die Delta-Variante immer noch?

Am Schweregrad der Erkrankung hat sich nicht wesentlich etwas geändert. Schwere Erkrankungen bleiben bei Kindern weiterhin selten. Weil Delta jedoch insgesamt ansteckender ist als die vorherigen Virusvarianten, sehen wir jetzt in den jüngeren Altersgruppen wieder mehr Infektionen.

Und wie sieht es mit dem Risiko für Corona-Spätfolgen, auch Long Covid genannt, aus?

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Die Datenlage zu Corona-Spätfolgen bei Kindern ist nach wie vor unzureichend. Deshalb lässt sich dazu keine klare Aussage treffen – auch, weil es immer noch keine genaue Definition von Long Covid gibt. In Großbritannien ist man da schon einen Schritt weiter. Dort wird nun zwischen akutem Covid-19, Post Covid und Long Covid unterschieden. Post Covid umfasst dabei Symptome, die bis zu drei Monate anhalten und im Zusammenhang mit einer Corona-Infektion aufgetreten sind. Alle Beschwerden, die länger als drei Monate anhalten, werden dann als Long Covid bezeichnet. In Deutschland müssen wir uns jetzt überlegen, ob wir diese Einteilung übernehmen wollen oder ob wir doch eine andere Herangehensweise wählen.

Prof. Tobias Tenenbaum ist Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie. © Quelle: Privat

Die Deutsche Gesellschaft Pädiatrische Infektiologie sammelt seit Kurzem Daten zu Long Covid bei Kindern. Wie viele Meldefälle sind bei Ihnen bisher eingegangen?

Wir haben tatsächlich noch nicht viele Daten gesammelt. Das liegt aber auch daran, dass die Kriterien für Long Covid noch zu ungenau sind. Die Kolleginnen und Kollegen tun sich folglich schwer damit, Fälle zu melden. Deshalb wollen wir jetzt noch einmal einen Schritt zurückgehen: Zusammen mit der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin haben wir eine größere Arbeitsgruppe eröffnet, in der wir uns primär mit den diagnostischen und therapeutischen Kriterien von Long Covid auseinandersetzen. Es geht dabei um Fragen wie „Wie kann ich Long Covid bei Kindern überhaupt diagnostizieren?“ oder „Welche Symptome gehen mit Long Covid einher?“.

Mit welchen Spätfolgen haben denn die Kinder nach einer Corona-Infektion am häufigsten zu kämpfen?

Es gibt unterschiedliche Symptome, über die im Zusammenhang mit Long Covid bei Kindern berichtet wird. Meist sind sie ziemlich unspezifisch. Das können Kopfschmerzen, Abgeschlagenheit – also Fatigue –, Geruchs- und Geschmacksverlust oder auch Konzentrationsstörungen sein.

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Und wie können Sie als Ärztinnen und Ärzte dann sicher sein, dass diese Symptome tatsächlich eine Folge der Corona-Erkrankung sind?

Hier wird es in der Tat schwierig. Es gibt leider keine hundertprozentige Sicherheit. Wenn junge Patientinnen und Patienten mit derlei unspezifischen Symptomen in die Kliniken kommen, kann man in den allermeisten Fällen nur eine Differentialdiagnose stellen. Das heißt, man schaut, welche Ursachen überhaupt nicht infrage kommen und tastet sich so an eine sehr wahrscheinliche Diagnose heran.

Long Covid ist also sozusagen eine Ausschlussdiagnose.

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Genau, so ist es momentan, wo die Kriterien noch nicht ganz genau festgelegt werden konnten. Klar ist, dass es bei den Kindern eine relativ hohe allgemeine Krankheitslast während der Pandemie gibt, die aber auf unterschiedliche Ursachen zurückgehen kann. Sicherlich ist nicht nur die Coronavirus-Erkrankung dafür verantwortlich, sondern auch der Lockdown hat seine Spuren hinterlassen. Die Rede ist dann oftmals von sogenannten „Long-Lockdown-Symptomen“.

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Was ist Long Covid? Und wer ist gefährdet?
0:47 min
Treten drei Monate nach einer Coronavirus-Infektion noch Symptome auf, spricht man vom „Long Covid Syndrom“. Betroffene werden zunehmend jünger, berichten Ärzte  © RND

Und welche wären das?

Dieser Begriff beschreibt in erster Linie psychische Folgen, die der Lockdown für die Kinder hatte. Auch psychische Erkrankungen können zu Long-Covid-Symptomen wie Abgeschlagenheit führen, aber auch zu Angststörungen und Depressionen. Die Bereiche Long Covid und „Long Lockdown“ voneinander zu unterscheiden, ist nicht leicht. Für eine Diagnose braucht es eigentlich Expertinnen und Experten aus verschiedenen Disziplinen, also etwa Kinder- und Jugendmedizinerinnen und -mediziner sowie Kinderpsychologinnen und -psychologen.

Es gibt in Deutschland vereinzelt Long-Covid-Ambulanzen für Kinder und Jugendliche, in denen ein interdisziplinäres Team die Spätfolgen untersucht. Bräuchte es Ihrer Meinung nach ein flächendeckendes Angebot solcher Zentren?

Unbedingt. Die Kinder könnten von solchen Zentren profitieren. Aber auch für Erwachsene braucht es diese Angebote – vielleicht sogar in einem größeren Ausmaß, weil sie häufiger unter Spätfolgen leiden.

Corona-Spätfolgen treten bei Kindern also tendenziell seltener auf als bei Erwachsenen. Gibt es verlässliche Zahlen dazu, wie häufig Long Covid bei Jüngeren vorkommt?

Es gibt Studien, in denen zehn bis 15 Prozent der untersuchten Kinder noch bis zu drei Monate nach einer Corona-Infektion unter andauernden Symptomen gelitten haben. Nach der britischen Einteilung wären das Post-Covid-Fälle. Bei Long Covid – also bei Beschwerden, die länger als drei Monate anhalten – geht man von weniger Betroffenen aus. Ob sich diese Studienangaben jedoch auf die gesamte Population übertragen lassen, ist fraglich. Um dies herauszufinden, muss die Datenqualität besser werden. Sicherlich wird es in den kommenden Monaten weitere Studiendaten geben, die bei der Beurteilung helfen können.

Corona-Expertinnen und -Experten prognostizieren, dass sich das Infektionsgeschehen im Herbst weiter zuspitzen wird. Wird es dann folglich auch mehr Long-Covid-Fälle in den jüngeren Altersgruppen geben?

Zurzeit infizieren sich vor allem Menschen im Alter von zwölf bis 35 Jahren. Wenn wir es nicht schaffen, dass sich genügend Erwachsene gegen Covid-19 impfen lassen, werden wir in den jüngeren Altersgruppen weitere Infektionen sehen. Denn die Kinder stecken sich meist bei den Erwachsenen mit dem Coronavirus an. Und wenn sich mehr Kinder infizieren, können unter Umständen auch mehr Spätfolgen auftreten.

Macht es nicht dann auch Sinn, die Kinder impfen zu lassen?

Eine Impfung ist für Kinder primär ein individueller Schutz. Das heißt, sie sorgt dafür, dass die Wahrscheinlichkeit, schwer an Covid-19 zu erkranken, erheblich reduziert wird. Und damit baut sie bei den Kindern, die Angst vor einer schweren Erkrankung haben, gleichzeitig einen psychologischen Druck ab. Deshalb kann eine Impfung durchaus sinnvoll sein. Für viele ist sie wie ein Befreiungsschlag, der wieder eine Teilhabe am normalen Leben erlaubt. Am Ende ist eine Impfung aber eine Entscheidung, die die Familien selbst treffen müssen. Wenn sich die Kinder nicht impfen lassen wollen, muss das auch akzeptiert werden. Klar ist: Die Pandemie lässt sich mit der Impfung der Kinder und Jugendlichen allein nicht aufhalten. Aber die Impfstoffe können die Lebensqualität der Kinder verbessern – sowohl körperlich, als auch geistig.

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