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Kinderärztin berichtet: „Menschen in beengten Wohnverhältnissen in der dritten Welle massiv betroffen“

  • Von erhöhten Ansteckungsrisiken in einer Hochhaussiedlung berichtet eine hannoversche Kinderärztin.
  • Auch Intensivmediziner behandeln in der dritten Welle überdurchschnittlich viele Menschen aus ärmeren Bevölkerungsschichten.
  • Corona-Experten fordern, in benachteiligten Wohnvierteln prioritär mit Impfmobilen gegen Covid-19 zu impfen.
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„Es ist ganz klar unser Gefühl, dass Menschen in beengten Wohnverhältnissen in der dritten Welle der Pandemie massiv betroffen sind“, berichtete die Kinderärztin Irina Tschochner im Interview mit der „Hannoverschen Allgemeinen“. „Wir sehen das deutlich, seit es an den Schulen mit den Schnelltestungen losgegangen ist. Da hat ein Kind einen positiven Schnelltest und wir stellen plötzlich fest, dass große Familienverbünde und -stränge auch mit der britischen Variante B.1.1.7 infiziert sind.“

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Die Fachärztin für Kinderheilkunde und Jugendmedizin betreut viele Patienten aus einer Hochhaussiedlung. Glücklicherweise habe sie in ihrer Praxis noch keine ganz schweren Verläufe bei Eltern und Großeltern mitbekommen, Krankenhausaufenthalte aber schon, sagte Tschochner. Das Infektionsgeschehen sei im Moment ganz anders als während der ersten Welle zu beobachten. Damals habe es kaum unter 14-Jährige mit Corona gegeben, berichtete die 47-Jährige im Interview. „Da waren immer zunächst die Eltern positiv. Aber jetzt haben es die Kinder ‚einfach so‘, nicht über die Ansteckung von Erwachsenen, die Eltern sind zum Teil sogar negativ.“

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Sehr auffällig sei bei ihren jungen Patienten zudem eine vermehrte Traurigkeit – bis hin zu depressiven Verstimmungen. Viele Kinder könnten sich nicht mehr motivieren, etwas für die Schule zu tun, hätten Angst um ihre Gesundheit und fragten sich sehr ernsthaft, wie das Leben weitergehen solle. „Das hören wir jeden Tag. Das ist manchmal schon sehr bedrückend“, so die Kinderärztin in dem Zeitungsinterview.

Corona-Ansteckungen: beengte Wohnverhältnisse als Risikofaktor

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Aus ihrer Sicht gebe es im Moment das große Problem, dass sich die Familienmitglieder gegenseitig anstecken, sagte die Fachärztin der „Hannoverschen Allgemeinen“: „Man schützt sich vor Fremden, geht nicht raus, aber die Oma oder der Schwager oder der Cousin dürfen eben doch noch in die Wohnung kommen, der gehört dazu.“ Untereinander hätten die Familien noch viele Kontakte. Und wenn man in einer Drei-Zimmer-Wohnung zu sechst lebe, könne man nicht einen allein in ein Zimmer stecken.

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Zudem beobachte sie, wie manche Väter auf der Arbeit unter Druck gerieten. „Jetzt geht die britische Variante um wie ein Lauffeuer. Jetzt ist es ernst“, sagte Tschochner. „Aber jetzt sind manche Arbeitgeber offenbar so coronamüde, dass sie keine Quarantäne mehr zulassen wollen.“ Es gebe aber auch auf Sicherheit bedachte Arbeitgeber.

Intensivmediziner: Impfen in sozialen Brennpunkten

Dass es einen Zusammenhang zwischen einem erhöhten Risiko für schwere Covid-19-Verläufe in sozioökonomisch benachteiligten Bevölkerungsgruppen gibt, haben bereits Untersuchungen aus Großbritannien und den USA gezeigt. Auch deutsche Corona-Experten weisen schon länger darauf hin – und fordern eine veränderte Impfstrategie.

„Wir wissen, dass benachteiligte Menschen durch die Pandemie und die Maßnahmen zu deren Bekämpfung in besonderem Maße zusätzlich belastet und gefährdet sind“, sagte etwa die Vorsitzende des europäischen Ethikrats, Christiane Woopen, Mitte April im Gespräch mit dem RND. „Das könnte man durch Impfungen immerhin ein bisschen abpuffern.“ Neben medizinischen und epidemiologischen wäre es aus ihrer Sicht wünschenswert, auch soziale Risiken bei der Priorisierung zu beachten.

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Auch Intensivmediziner haben diese Woche die Länder und Kommunen aufgefordert, verstärkt in sozialen Brennpunkten gegen das Coronavirus zu impfen, um die Krankenhäuser zu entlasten. „Auf den Intensivstationen liegen überdurchschnittlich viele Menschen aus ärmeren Bevölkerungsschichten, Menschen mit Migrationshintergrund und sozial Benachteiligte“, sagte der wissenschaftliche Leiter des Divi-Intensivregisters, Christian Karagiannidis, der Düsseldorfer „Rheinischen Post“ (Freitag).

Um die Menschen aus ärmeren Schichten besser zu schützen und die Intensivstationen zu entlasten, sollten Kommunen mobile Impfteams in die sozialen Brennpunkte der Städte schicken, sagte Karagiannidis. „Das würde eine Menge bringen, denn das Impftempo ist derzeit viel versprechend. Bleibt es so hoch und impfen wir jetzt noch gezielter, bekommen wir im Rennen gegen das Virus in absehbarer Zeit die Oberhand.“ Auch die Städte und Kommunen hatten sich für mobile Impfteams ausgesprochen.

RND/sbu/epd

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