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Kinderarzt zur Sorge um ungeimpfte Kinder: „Ein Schutz ohne Impfung ist möglich“

  • Ein Großteil der Kinder werde sich vermutlich mit dem Coronavirus infizieren, sagt Kinderarzt und DGKJ-Generalsekretär Burkhard Rodeck.
  • Man könne in der Pandemie keine Glasglocke über die unter Zwölfjährigen stülpen.
  • Eine Hoffnung gebe es aber noch – die Verantwortung tragen die Erwachsenen.
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Für unter Zwölfjährige gibt es bislang keinen zugelassenen Impfstoff. Und selbst nach der erwarteten Entscheidung durch die EMA in den kommenden Tagen kann nicht sofort geimpft werden – weil der anders dosierte Impfstoff erst noch geliefert werden müsste. Das dauert nach Angaben des Gesundheitsministeriums voraussichtlich bis kurz vor Weihnachten. Auch die Stiko-Empfehlung fehlt noch – und die Abwägung von Risiken und Nutzen braucht laut Gremium noch Zeit.

Burkhard Rodeck ist Kinderarzt und Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ). Im RND-Gespräch sagt er: Es gibt auch andere Wege, die Jüngsten bei steigenden Infektionszahlen schon jetzt vor dem Virus zu schützen.

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Die Inzidenzen steigen bundesweit – auch bei den Kindern und Jugendlichen. Viele Eltern sind in Sorge. Zurecht?

Rodeck: Noch immer gilt für die primäre Krankheitslast: Je jünger der Mensch ist, desto geringer ist sie. Bei zunehmender Durchimpfung der Bevölkerung verlagert sich das Infektionsgeschehen auf die Jüngsten, die noch nicht geimpft werden können. Damit werden wir mehr infizierte Kinder sehen und auch schwer erkrankte Kinder. Trotzdem ist das eine fundamental andere Situation, als bei Erwachsenen.

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Für Kinder ist das Risiko besonders hoch, sich mit Covid-19 zu infizieren. Was sagen Sie Eltern, denen genau dieser Umstand Angst macht?

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Ich sage: Es stimmt. Die meisten Kinder werden sich vermutlich infizieren. Aber wir haben eine medizinische Diskussion, die Covid-19 fokussiert. Dabei gibt es sehr viele andere Viren, mit denen sich Kinder infizieren und schwer erkranken können. Das RS-Virus ist für uns Pädiater gerade viel wichtiger. So gesehen können wir eine Corona-Infektion bei Kindern auch mit einer Ansteckung mit Erkältungsviren vergleichen. Auch hier erkranken Kinder in der Regel nicht schwer.

Eltern müssen es also aushalten, dass ihre Kinder erkranken könnten?

Wir werden keine Glasglocke über die Kinder stülpen können. Wir können aber aus dieser Pandemie wachsen und hoffen, dass die Erwachsenen sich impfen lassen.

Warum ergreifen wir keine Maßnahmen, um die Kinder vor schweren Erkrankungen, etwa mit dem RS-Virus zu schützen?

Ein Lockdown als einzige Alternative, um vor einer RSV-Infektion zu schützen, würde ein Stück zu weit greifen. Was allerdings zu einem weiteren Thema führt.

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Sie meinen etwa die Schulschließungen?

Genau. Im Rahmen der Pandemie haben wir Kinder an ihrem Arbeitsplatz kontrollieren können. Nämlich indem wir sie per Verordnung ins Homeschooling geschickt haben. Den Erwachsenen aber, die wir auch an ihrem Arbeitsplatz hätten kontrollieren können, haben wir das nicht zugemutet. Dabei sehen wir heute, wie stark die Kinder und Jugendlichen unter den Lockdownmaßnahmen gelitten haben. Die Folgen wie Adipositas, Essstörungen und Mediensucht beschäftigen uns mehr als Corona. Darum darf die soziale und kulturelle Teilhabe der jungen Generation nicht erneut in Frage gestellt werden.

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Es gibt aber Maßnahmen, die Ihrer Meinung nach nun ergriffen werden sollten. Welche wären das?

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Zuallererst ist da der dringende Appell an alle, die sich laut Stiko impfen lassen können, sich jetzt impfen zu lassen. Vor allem um in den Kitas und Schulen die zu schützen, die sich nicht schützen können.

Sie empfehlen die Impfung auch für Jugendliche?

Ja. Der Impfstoff ist nach allem, was wir nach einem Jahr sehen können, sicher.

Welche Maßnahmen sind für Schulen angemessen?

Ein Schutz ohne Impfung ist möglich, und zwar durch die klassischen Hygieneregeln. Dazu gibt es auch eine Leitlinie, die den Kultusministerien vorliegt. Das sind etwa die AHA-L-Regeln, die in Abhängigkeit der Inzidenzen auch das Maskentragen beinhalten.

Nicht in allen Bundesländern gilt die Maskenpflicht in Schulen.

Die Maske ist kein Komfortartikel, weswegen wir bei einer niedrigen Inzidenz besonders in der Grundschule das Maskentragen als optional sehen. Aber jetzt trifft uns die vierte Welle mit aller Macht. Darum gehören auch die Masken zu den wichtigen Maßnahmen.

Wir sprechen oft über eine Durchseuchung an den Schulen. Manche fragen sich, warum wir überhaupt Schutzmaßnahmen ergreifen, wenn die Kinder doch nicht schwer erkranken.

Für die betroffenen Kinder ist es auch nicht gefährlich. Aber ein Durchlaufen der Pandemie müssen wir verhindern, denn es sind einfach zu wenige Erwachsene geimpft. Darum noch einmal der Appell: Lassen Sie sich impfen!

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