Künstliche Intelligenz im Klinikalltag: “Die Menschen müssen wissen, was möglich ist”

  • Pflegeroboter und selbstlernende Algorithmen machen vielen Menschen Angst.
  • Warum künstliche Intelligenz im Krankenhaus ganz anders eingesetzt wird, erklärt der Chef des ersten Smart Hospital Deutschlands.
  • Im RND-Interview spricht Professor Jochen Werner über die Chancen und Gefahren der neuen Technik.
Michèle Förster
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Hannover. Künstliche Intelligenz wird bereits in einigen Bereichen der Wissenschaft und Medizin eingesetzt. So können beispielsweise die Ausbrüche von Infektionskrankheiten besser vorhergesagt und einige Krebsarten zuverlässiger diagnostiziert werden. Trotzdem stehen der neuen Technik viele misstrauisch gegenüber. Professor Jochen Werner, der Deutschlands erstes Smart Hospital in Essen leitet, erklärt im RND-Interview warum es höchste Zeit ist, in die neue Technik zu investieren.

Sie leiten den am heutigen Freitag beginnenden ETIM-Kongress, bei dem sich Ärzte und Fachleute über die Möglichkeiten der künstlichen Intelligenz im Klinikalltag informieren und vernetzen. Was sind die Themen der Zukunft, die Sie dort besprechen?

Der rote Faden der Veranstaltung ist seit vier Jahren die Künstliche Intelligenz. Ein Themenkomplex beschäftigt sich mit der Frage, wie künstliche Intelligenz im Gesundheitswesen aussehen wird. Zum Beispiel wie man radiologische Diagnostik durch sie erleichtern kann. Oder wie man künstliche Intelligenz einsetzen kann, um Infektionsausbrüche in einem Krankenhaus zu analysieren. Ein weiterer Themenkomplex ist das sogenannte Micro-Learning. Dabei soll durch Applikationen in Form von kurzen Texten, Video- oder Audiodateien rasch und nachhaltig Wissen vermittelt werden. In meinen Augen kann man den Aspekt der Bildung für die Mitarbeiter gar nicht hoch genug einschätzen.

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Die Technik entwickelt sich rasant weiter. Was ist mit künstlicher Intelligenz in der Medizin heute schon möglich, was Sie sich vor fünf bis zehn Jahren noch nicht hätten träumen lassen?

Zum einen, dass die künstliche Intelligenz immer mehr in die Radiologie einwirkt und man mit den Daten immer mehr arbeiten kann. In der Januar-Ausgabe der „Nature“ ist eine Arbeit über Brustkrebs erschienen, bei der die Überlegenheit der künstlichen Intelligenz gegenüber erfahrenen Radiologen nachgewiesen werden konnte. Auch schwarzer Hautkrebs kann besser diagnostiziert werden, wenn man Mensch und Maschine kombiniert. Da tut sich viel. Wir finden heute schon in jedem Fach der Medizin Beispiele dafür, die – trotz aller Begeisterung für die Künstliche Intelligenz – auch immer gegengeprüft werden müssen. Künstliche Intelligenz bedeutet nicht automatisch bessere Medizin.

Könnten wir in der Medizin jetzt schon viel weiter sein, wenn das Thema künstliche Intelligenz nicht so stiefmütterlich behandelt worden wäre?

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Deutschland liegt bei der Digitalisierung im hinteren Feld. Das können wir kritisieren, es hilft uns aber nicht weiter. Viel wichtiger ist der Blick nach vorne. Wir können mit unserer Wissenschaft punkten. Das wird leider noch nicht genug gefördert. In meinen Augen brauchen wir vom Bund ein Milliardenpaket, um die medizinische Wissenschaft an den Universitätskliniken und im Gesundheitswesen zu stärken. Wenn wir in der Wissenschaft an die Spitze kommen, sind wir auch in anderen Ländern wieder sichtbarer. Das geht aber nur über Forschung. Es muss ein Bundesprojekt sein – und genauso gefördert werden wie zum Beispiel die Bundesbahn – weil Gesundheit das größte Gut ist, das wir haben.

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Smarte Menschen, smarte Klinik – wie sieht in Ihrer Vision ein Krankenhaus in Deutschland in zehn, 20 oder 30 Jahren aus?

Smart Hospital bedeutet, den Fokus stärker auf den Menschen zu legen: auf Patienten, Angehörige und Mitarbeiter. Es ist mehr Zeit für den Patienten möglich, wenn man die Mitarbeiter um administrative Tätigkeiten – die leider ganz viel der täglichen Arbeitszeit ausmachen – entlastet. Man sollte sich unter Smart Hospital kein blinkendes und tickendes Computerkrankenhaus mit Robotik vorstellen. Am Schluss geht es dabei um den Menschen. Wenn die Human Resources nicht stimmen, wird auch ein Krankenhaus in zehn, 20 oder 30 Jahren nicht gut sein. Daneben fokussieren wir uns auf Verbesserungen der Diagnostik, denn dabei passieren heute noch zu viele Fehler. Man wird die künstliche Intelligenz nutzen können, um die Fehlerquote zu reduzieren. Wir werden, davon bin ich hundertprozentig überzeugt, durch den Einsatz von künstlicher Intelligenz Krankheitsbilder identifizieren können, die heute noch völlig unklar sind. Da ist noch ganz viel Luft nach oben.

Ist diese Vision so auch in der Realität umsetzbar?

Umsetzbar ist sie, die Frage ist nur wie schnell. Diese Entwicklung ist nicht aufzuhalten und die Menschen müssen wissen, was sie erwarten können und worauf sie Anspruch haben. Es bedeutet aber auch, dass viele ihre beruflichen Tätigkeiten anpassen müssen auf ein aktuelleres Tätigkeitsprofil. Dass das nicht bei allen auf Freude stößt, ist klar. Wir haben es jetzt in Deutschland geschafft, nach vielen Jahren des Verharrens eine Geschwindigkeit zu erreichen, bei der die Entwicklung nicht mehr gestoppt werden kann. In meinen Augen sind alle gut beraten, diesen Weg mitzugehen – ansonsten gehen ihn andere. Andere Berufsgruppen und andere Länder ohnehin.

Was ist der größte Nutzen, den Patienten von künstlicher Intelligenz haben?

Künstliche Intelligenz kann von Routinearbeiten entlasten. Wenn zum Beispiel Radiologen den ganzen Tag dieselbe Arbeit machen, setzt irgendwann eine Ermüdung ein, die Maschine hingegen bleibt wach. Die Technik soll also den erfahrenen Radiologen nicht ersetzen, aber unterstützen. Zum Schluss profitieren die Patienten davon, wenn künstliche Intelligenz mit Verstand eingesetzt wird.

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Ein Algorithmus kann zum Beispiel heute schon bestimmte Krebsarten besser erkennen als der Mensch. Brauchen wir in Zukunft überhaupt noch Ärzte?

Der Arztberuf, so wie er heute betrieben wird, wird keinen Bestand haben. Ärzte werden viel mehr mit Datenwissenschaftlern zusammenarbeiten, maschinelle Unterstützung nutzen und mehr in die Kommunikation auf Augenhöhe mit dem Patienten eintreten. Es ist viel Neues zu bewältigen, deshalb sollte man nicht enttäuscht darüber sein, wenn gewisse Kompetenzen verloren gehen. Man sollte künstliche Intelligenz als Hilfe sehen, um die großen Aufgaben, die vor uns liegen, lösen zu können und wieder näher am Patienten zu arbeiten.

Gibt es auch Risiken beim Einsatz von künstlicher Intelligenz?

Das Risiko ist dann gegeben, wenn künstliche Intelligenz unkontrolliert und ungeprüft eingesetzt wird. Künstliche Intelligenz muss genauso eine Qualitätskontrolle durchlaufen, wie alle anderen Verfahren, die im Gesundheitswesen eingesetzt werden. Deshalb sind gute Daten das wichtigste. Mit deren Hilfe kann man Algorithmen entwickeln, die im Kontext künstlicher Intelligenz zum Einsatz kommen. Wenn die Datenqualität schlecht ist, wird auch künstliche Intelligenz schlecht sein. Das kann Probleme erzeugen, die vorher gar nicht da waren.

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Welche Chancen sehen Sie in der künstlichen Intelligenz für das medizinische Personal?

Die Diagnostik wird besser. Darauf basierend können Ärzte mit Hilfe künstlicher Intelligenz die beste Therapie vorschlagen. Bei den Ärzten wird dann nicht mehr die Haupttätigkeit in der Befundung und Befundanalyse liegen, sondern in der engen Begleitung von kranken Menschen. Das ist eine Chance, aber auch eine Verpflichtung. Ich glaube außerdem, dass man sich mehr um den präventiven Bereich kümmern muss, also die Zeit, bevor die Krankheit symptomatisch wird. Die Gesunderhaltung ist bisher eher den Menschen selbst überlassen, aber auch dort wird man sich in Zukunft mit Befunden auseinandersetzen können. Das muss begleitet werden. Die Neuerungen müssen dazu genutzt werden, das Berufsbild so attraktiv zu machen, wie es nur geht, sonst sucht sich auch das Pflegepersonal unvermindert Alternativen.

Neue Technik bringt auch immer Skepsis mit sich. Was tun Sie, um Patienten die Angst vor künstlicher Intelligenz zu nehmen?

Dafür haben wir ein Institut für Patienten-Erleben gegründet. Manche haben die Vorstellung, es würde überall Pflege-Robotik eingesetzt und die Medizin würde unmenschlich. Das ist Unsinn. Es geht maßgeblich darum, wie Pflege an den Menschen gebracht wird. Das wichtigste ist für mich dabei die Kommunikation. Wenn man keine gute Kommunikation hinbekommt, wird man das ganze Potential der Digitalisierung und künstlichen Intelligenz niemals abrufen können. Die Menschen müssen wissen, was möglich ist, wo wir uns hinbewegen und was sie einfordern können.

Sie betreiben auch einen Podcast zum Thema. Was für ein Format ist das und wen wollen Sie damit ansprechen?

Den Podcast betreibe ich zusammen mit Professor David Matusiewicz, dem Dekan für Gesundheitsökonomie an der FOM Hochschule. Er ist 25 Jahre jünger als ich. Als Zweigenerationen-Podcast wollen wir Ängste vor Digitalisierung im Gesundheitswesen abbauen. In Form von kurzen Interviews gehen wir durch alle Bereiche des Gesundheitswesens, angefangen bei Transplantation, über die Zuständigkeit der Krankenkassen bis hin zu Datenschutz.

Prof. Dr. Jochen A. Werner wurde in Flensburg geboren und studierte Humanmedizin an der Christian-Albrechts-Universität in Kiel. Zu seinen Fachgebieten zählt der Einsatz Künstlicher Intelligenz im Klinikalltag. Als Medizinischer Direktor des Universitätsklinikums Essen hat er das erste “Smart Hospital” Deutschlands ins Leben gerufen. © Quelle: Universitätsmedizin Essen
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