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Keine Maskenpflicht im Einzelhandel? Virologen warnen: „Jede Art der Lockerung ist aktuell riskant“

  • Niedersachsen überlegt, die Maskenpflicht im Einzelhandel bei einer stabilen Sieben-Tage-Inzidenz von unter 35 aufzuheben.
  • Aus Sicht von Virologen ist dieser Vorstoß in der jetzigen Situation riskant.
  • Denn noch sei die Impfquote in der Bevölkerung zu gering.
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Hannover. Wird in Niedersachsen die Maskenpflicht im Einzelhandel nach Pfingsten aufgehoben? Mit derartigen Plänen hatte der am Donnerstag bekannt gewordene Entwurf für eine kurzfristige Lockerung der Corona-Regeln des Landes für Aufsehen gesorgt. Darin hieß es, dass in Regionen mit einer stabilen Sieben-Tage-Inzidenz von unter 35 zukünftig alle Bürgerinnen und Bürger ohne Masken einkaufen gehen könnten. Nach kritischen Reaktionen auf diesen Vorstoß scheint Niedersachsen jetzt zurückzurudern: „Die Landesregierung wird diesen Punkt noch mal sehr ernsthaft überdenken“, sagte Regierungssprecherin Anke Pörksen am Freitag in Hannover. Eine Entscheidung werde am Nachmittag erwartet.

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Bislang sind Kundinnen und Kunden noch verpflichtet, in den Geschäften medizinische Masken – also OP-Masken oder Masken mit den Standards KN95/N95 oder FFP2 – zu tragen. Eine Aufhebung dieser Maskenpflicht hält Prof. Friedemann Weber, Leiter des Instituts für Virologie an der Justus-Liebig-Universität Gießen, für „keine gute Idee“. „Maskentragen ist eine einfache, kostengünstige und barrierefreie Maßnahme, um das Virus einzudämmen“, sagte er dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). „Solange wir noch keine Durchimpfung in der Bevölkerung haben, und uns auch immer wieder neue Virusvarianten heimsuchen, sollte man nicht daran rütteln.“

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Robert Koch-Institut empfiehlt Masken auch für Geimpfte

Jede Art der Lockerung sei aktuell riskant, warnte auch Prof. Stephan Ludwig. „Mir persönlich gehen derzeit die Lockerungen zu weit im Lichte von immer noch in weiten Teilen hohen Inzidenzzahlen und noch niedrigen Impfquoten“, äußerte der Leiter des Instituts für Virologie an der Universität Münster gegenüber dem RND. Im Außenbereich sei der Verzicht auf Masken „absolut vertretbar“, aber in Innenräumen sollten sie noch weiterhin getragen werden, bis mehr Menschen gegen Covid-19 geimpft seien.

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Gerade einmal 13,1 Prozent der Deutschen sind zurzeit vollständig geimpft – das heißt, sie haben zwei Impfdosen erhalten. Knapp 40 Prozent haben zumindest eine Erstimpfung. Diese bietet aber noch nicht so viel Schutz vor schweren Covid-19-Krankheitsverläufen, wie es zwei Impfdosen tun.

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Zudem ist weiterhin die Studienlage nicht ganz eindeutig, wenn es um die Frage geht, ob vollständig Geimpfte das Virus weiterhin übertragen können. Dazu heißt es vom Robert Koch-Institut: „Aus Public-Health-Sicht erscheint durch die Impfung das Risiko einer Virusübertragung in dem Maß reduziert, dass Geimpfte bei der Epidemiologie der Erkrankung keine wesentliche Rolle mehr spielen.“ Dennoch könne es vorkommen, dass Geimpfte positiv auf Sars-CoV-2 getestet werden und infektiöse Viren ausscheiden.

Darauf wies auch Prof. Ulf Dittmer, Leiter des Instituts für Virologie am Uniklinikum Essen, hin: „Wir wissen, dass auch geimpfte und genesene Personen sich in Einzelfällen infizieren können. Wenn Menschen aber bei Kontakten noch weiterhin einen Mund-Nasen-Schutz tragen, ist dieses Risiko so klein, dass es für die Pandemie keine Rolle mehr spielt“, sagte er dem RND. „Da derzeit auch noch mehr als die Hälfte der Bevölkerung in Deutschland ungeimpft ist, gibt es ein signifikantes Risiko einer Virusübertragung zwischen Geimpften und Ungeimpften. Dies könnten wir mit dem Mund-Nasen-Schutz minimieren.“

Erst wenn Deutschland eine Herdenimmunität erreicht, könne die Maskenpflicht abgeschafft werden, meint Dittmer. Bis dahin sei es wichtig, so viele Infektionen zwischen Geimpften und Ungeimpften wie möglich zu verhindern, weil ansonsten neue Virusvarianten entstehen könnten, die das menschliche Immunsystem überlisten.

Studie: OP-Masken verringern Ansteckungsrisiko in vielen Alltagssituationen

Dass Masken effektiv die Virusübertragung verhindern können, haben inzwischen mehrere Studien nachgewiesen. Eine von ihnen ist am Donnerstag im Fachmagazin Science erschienen. Darin zeigen Forschende des Max-Planck-Instituts für Chemie, der Universitätsmedizin der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz und der Charité-Universitätsmedizin Berlin unter anderem auf, wie Masken das individuelle Ansteckungsrisiko für Covid-19 reduzieren können.

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„Normalerweise enthält nur ein geringer Anteil der von Menschen ausgeatmeten Tröpfchen und Aerosolpartikel Viren“, erklärte Yafang Cheng, Leiterin einer Minerva-Forschungsgruppe am Max-Planck-Institut für Chemie. „Meist ist die Virenkonzentration in der Luft so gering, dass selbst einfache chirurgische Masken die Verbreitung von Covid-19 sehr wirksam eindämmen.“ In Bereichen mit hoher Viruskonzentration wie Krankenhäusern oder medizinischen Zentren, die Corona-Patienten behandeln, seien jedoch Masken mit einer höheren Wirksamkeit wie FFP2-Masken erforderlich.

Bundestag lockert Maskenpflicht für Kinder und Jugendliche

Nur auf OP-Masken sollen bald auch Kinder und Jugendliche im Alter von sechs bis 16 Jahren in bestimmten Alltagssituationen zurückgreifen dürfen, zum Beispiel beim Friseurbesuch oder im öffentlichen Personennahverkehr. Aktuell müssen sie dort noch medizinische Mund-Nasen-Bedeckungen, also KN95/N95- oder FFP2-Masken, tragen. Der Bundestag hat nun am Donnerstag beschlossen, dass diese Regelung aufgehoben werden soll.

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Eine Entscheidung, die die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin begrüßt. Denn die FFP2-Masken seien primär für Erwachsene konzipiert worden. „Bei kleineren Gesichtern können die Masken nicht dicht abschließen, ihre Funktion als Eigenschutz können sie somit nicht wie bei Erwachsenen entfalten“, erklärte Generalsekretär Burkhard Rodeck auf Anfrage des RND. „Insoweit macht die Entscheidung, im Kindesalter auf das Tragen von FFP2-Masken zu verzichten, Sinn.“

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