Macht die Infektion mit dem Coronavirus immun?

  • Macht eine Infektion mit Sars-CoV-2 immun gegen das neuartige Coronavirus?
  • Wenn das stimmt, könnte man, zumindest für eine gewisse Zeit, nicht mehrmals erkranken.
  • Die Immunität gegen das Coronavirus sei entscheidend bei der Eindämmung der Pandemie, sagt auch Charité-Virologe Christian Drosten.
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Damit sich eine Pandemie abschwächt, spielt die Immunität gegen das neuartige Coronavirus eine wichtige Rolle. Eine Mitte März in einer Vorschau veröffentlichte Studie der Chinese Academy of Medical Sciences lässt Deutschlands bekanntesten Virologen Christian Drosten deshalb optimistisch stimmen.

Seine Arbeitshypothese lautet mit Bezug auf die Ergebnisse der Wissenschaftler: Menschen, die sich einmal mit Sars-CoV-2 infiziert haben, bilden nach der Erkrankung zumindest für die Dauer der Pandemie und vielleicht auch darüber hinaus Antikörper und sind dadurch immun gegen das Virus. Sprich: Sie können sich nicht noch einmal anstecken.

Experimente mit Affen zur Immunität gegen Coronavirus

Hinweise darauf liefern Experimente mit vier Rhesus-Affen. Die chinesischen Wissenschaftler infizierten die Tiere mit dem Virus, warteten die Krankheitsphase ab und infizierten die Affen nach 28 Tagen erneut mit einer überdurchschnittlich hohen Virus-Dosis. “Und diese hohe Virus-Dosis hat bei allen Tieren dennoch keine Infektion mehr hervorgerufen”, erläutert auch Drosten im NDR-Podcast.

Drosten räumt aber auch ein, dass nur eine kleine Zahl von Affen untersucht wurde. Für eindeutige Belege brauche man klinische Beobachtungen mit Menschen, die nach einer Infektion mindestens drei Monate beobachtet werden. Demnächst werde es sicherlich wissenschaftliche Beiträge dazu geben.

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Auch das Robert-Koch-Institut rechnet mit einer wachsenden Immunität in der Bevölkerung. Die Pandemie könne bis zu zwei Jahre dauern, sagte RKI-Präsident Lothar Wieler bei einem täglich stattfindenden Pressegespräch zur Pandemie-Lage. Innerhalb dieses Zeitraums werde sich, zumindest laut wissenschaftlicher Prognosen, ein Großteil der Bevölkerung mit Sars-CoV-2 infizieren und danach Antikörper gebildet haben.

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Frau in Japan zweimal mit Coronavirus infiziert?

Ende Februar verkündete das japanische Gesundheitsministerium eine besorgniserregende Nachricht auf seiner Webseite. In Japan sei eine Frau zum zweiten Mal positiv auf das neuartige Coronavirus getestet worden. Es handele sich um eine Frau in ihren 40ern aus der Präfektur Osaka.

Sie sei am 29. Januar positiv auf Sars-CoV-2 getestet worden. Daraufhin habe sich ihr Zustand verbessert, weswegen sie am 1. Februar aus dem Krankenhaus entlassen wurde. Zwei Tage später sei sie bei einer erneuten Untersuchung negativ getestet worden. Später habe sie zu Hause jedoch Symptome wie Husten, Halsschmerzen und Schmerzen in der Brust gezeigt. Am 26. Februar sei sie dann bei einem erneuten Test wieder positiv getestet worden, hieß es.

Noch viele offene Fragen zu Sars-CoV-2

Es handelt sich laut japanischen Medien um den ersten Fall in Japan, bei dem ein Patient nach seiner Entlassung aus dem Krankenhaus ein zweites Mal positiv auf das Coronavirus getestet wurde. Das sei ein Hinweis darauf, dass einmal infizierte Menschen danach nicht zwingend immun gegen eine erneute Erkrankung sind.

Erst die Zeit werde zeigen, wie genau Sars-CoV-2 agiert, wozu das neuartige Virus fähig ist, betonen Virologen immer wieder. Lothar Wieler, Leiter des Robert-Koch-Instituts, ging Anfang März während eines Pressegesprächs auf den Fall in Japan ein. “Mehrfachinfektionen – diese Frage können wir aktuell noch nicht endgültig beantworten.”

Die Frau aus Japan, die sich zweimal infiziert haben soll, könne auch ein Einzelfall sein, “vielleicht haben die Nachweismethoden nicht gegriffen”. Ob und wie lange eine Immunität gegen das Virus Sars-CoV-2 anhalte, zeige sich erst im Laufe der Zeit. Man habe aber bei Untersuchungen bereits festgestellt, dass bei Patienten neutralisierte Antikörper vorhanden sind.

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Forscher gehen nicht von Mehrfachinfektionen mit Sars-CoV-2 aus

Auch der Virologe und Infektionsepidemiologe Prof. Dr. Alexander Kekulé ging in der Sendung “Hart aber fair" auf die Meldung aus Japan ein. “Wahrscheinlicher ist es, dass die Patienten sich nicht mehrfach infizierten, sondern das Virus die ganze Zeit in sich trugen und es eine Art zweite Ausbruchswelle gab”, sagte der Direktor des Instituts für Medizinische Mikrobiologie an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. “Man kann grundsätzlich hoffen, dass auch bei diesem Coronavirus, wie bei den meisten anderen, genau der gleiche Virusstamm nicht zweimal nacheinander jemanden treffen kann.”

Auch die Internistin und Krankenhaushygienikerin Dr. Susanna Johna bestätigte in der Sendung Kekulés Einschätzung: “Nach allem, was wir wissen, gehen wir davon aus, dass nach dieser Erkrankung zumindest eine vorübergehende Immunität vorliegt.”

Pandemie einschätzen: Sterblichkeit, Geschwindigkeit, Immunität

Um den Verlauf der Pandemie zu beurteilen, blicken Forscher auf verschiedene Parameter. Zum einen die Fallsterblichkeitsrate: Die liegt nach derzeitigen Schätzungen von Virologen in einem Korridor zwischen 0,3 und 0,7 Prozent. “Wir haben viele milde Krankheitsverläufe, die einer Erkältung ähneln und die unteren Atemwege betreffen", sagt Virologe Drosten.

Auch die Geschwindigkeit der Ausbreitung spiele eine wichtige Rolle, sie sei am schwersten einzuschätzen. Für den Einzelnen sei eine Erkrankung in vielen Fällen wegen der milden Symptome kein ernst zu nehmendes Problem. “Wir sorgen uns aber um die Gesellschaft, das medizinische System, Schulen, Kindergärten”, erklärte Drosten.

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Der Druck auf die Gesellschaft steige mit der Geschwindigkeit, die eine Erkrankungswelle mit sich bringt. Bei Sars-CoV-2 sei die Übertragungsrate im Moment vergleichsweise hoch. Drosten schätzt, dass ein Patient rund drei neue Menschen infiziert. Das könne sich aber jederzeit aufgrund veränderter Datenlagen verändern.

Seine mathematische Modellberechnung zum Stoppen einer Pandemie erklärte Drosten im NDR-Podcast zum Coronavirus: Erst wenn ein Patient nur noch eine Person ansteckt, blieben die Fallzahlen konstant oder verringern sich. Dann sei das Virus nicht mehr pandemisch, sondern endemisch. Laut Drosten werden sich deshalb auch geschätzt 60 bis 70 Prozent der Bevölkerung irgendwann einmal mit dem Coronavirus infizieren.

Sars-CoV-2 werde höchstwahrscheinlich in der Welt bleiben, sich auch nach dem derzeitigen starken Ausbruch weltweit schleichend weiter verbreiten. Entscheidend dafür, die Pandemie zu stoppen, sei deshalb eine steigende Immunität in der Bevölkerung. Sprich: Je mehr Menschen sich infizieren, umso immuner sind am Ende alle.

Solange es keinen Impfstoff gibt, hängt die Ausbreitung also davon ab, ob Menschen immun gegen Sars-CoV-2 werden, wie viele und wie schnell sie es werden. Da es aber auch noch kein Medikament zur Behandlung bei schwereren Verläufen mit der Lungenkrankheit Covid-19 gibt, ergreifen die Länder weltweit derzeit drastische Maßnahmen, die die Bewegungsfreiheit der Menschen betreffen. Es geht dabei vor allem darum, die schnelle Ausbreitung der Infektionen zu dehnen - damit die Gesundheitssysteme nicht kollabieren und Risikogruppen geschützt werden.

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