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Diskussion nach Witz von Joyce Ilg

Enthemmung, Euphorie, Bewusstlosigkeit: So wirken K.-o.-Tropfen

Der Weiße Ring hat eine Kampagne mit dem Titel „Lass dich nicht K. o. tropfen“ gestartet.

Die Bilder verschwimmen, die Musik hämmert, es wird nebelig, die Übelkeit verstärkt den Schwindel. Sie glaubt, sie hat zu viel getrunken. Sie glaubt, der Alkohol wirkt heute besonders stark. Aber morgen, morgen wird sie es nicht mehr wissen. Sie wird nicht mehr erinnern an die Leichtigkeit, an den Kontrollverlust, an die Ohnmacht, an die Hilflosigkeit. Sie wird nicht mehr wissen, dass sie bemerkte, wie sich jemand über sie beugte, sie auszog. Sie wird vielleicht Hämatome oder Schmerzen im Unterleib haben, weil dieser jemand ihre Situation ausgenutzt hat oder gar bewusst herbei geführt hat, um sie zu vergewaltigen.

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K. o. ist eine Bezeichnung, die vom Boxsport kommt. Ist der Gegner oder die Gegnerin physisch oder psychisch nicht mehr in der Lage, den Kampf fortzuführen, handelt es sich um ein Knockout. Nach diesem Zustand der Handlungsunfähigkeit benannt: K.-o.-Tropfen. Tropfen, die zu einem Knockout führen, die eine Person außer Gefecht setzen, bewusstlos und willenlos machen. Tropfen, die oft jungen Frauen, manchmal auch Männern, unbemerkt verabreicht werden, etwa indem sie in einem unbeobachteten Moment ins Getränk getröpfelt werden.

Missbrauch mit K.-o.-Tropfen: Dunkelziffer wohl sehr hoch

Wie viele Fälle es genau gibt, werde nicht erhoben, sagt der Opfer-Verband Weißer Ring. Denn nur die wenigsten Opfer können rechtzeitig untersucht werden, um die Reste der K.-o.-Tropfen im Blut und Urin nachzuweisen. Vier Stunden etwa ist Zeit, doch vor allem, wenn die Opfer alleine und dem Täter oder der Täterin ausgeliefert sind, vergeht die Zeit zu schnell, bis sie erkennen, mit K.-o.-Tropfen betäubt worden zu sein.

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Dokumentierte Fälle gibt es jährlich Tausende in Deutschland, teilweise erfolgte der Konsum aber freiwillig. Unter unfreiwilligen Konsumentinnen und Konsumenten ist die Dunkelziffer vermutlich hoch, denn die Hürden für Opfer oder mutmaßliche Opfer sind hoch, monieren Opferschutzverbände seit Jahren. Erst im Frühjahr 2020 wurde im Masernschutzgesetz festgehalten, dass bei Verdacht auf Misshandlungen oder sexueller Gewalt eine vertrauliche Spurensicherung in Krankenhäusern möglich ist. Nicht alle Bundesländer haben das bisher umgesetzt, in einigen kann nach wie vor nur die Polizei einen kostenfreien Test auf Rückstände der K.-o.-Tropfen anordnen, wofür jedoch eine Anzeige vorliegen muss.

In Köln haben sich bereits vor der Gesetzesänderung Anlaufstellen gefunden, die die Kosten übernehmen, um mögliche Opfer zu entlasten: Mehrere Krankenhäuser beteiligen sich an dem Projekt „Anonyme Spurensicherung nach Sexualstraftaten“ (ASS) und werten die Proben kostenfrei aus, wenn der Verdacht auf K.-o.-Tropfen besteht. Zudem, geben Ärzte und Opferverbände an, würden viele glauben, einfach zu viel getrunken zu haben – durch die Erinnerungslücken lässt sich die Tat kaum rekonstruieren.

Frauen in Frankreich und Großbritannien protestieren

In Frankreich mobilisierten zuletzt zahlreiche Menschen in den sozialen Netzwerken und machten damit auf das Problem aufmerksam. Unter dem Hashtag #BalanceTonBar – übersetzt etwa: Stelle deine Bar an den Pranger – schrieben Menschen seit der Aufhebung der Corona-Maßnahmen und der Wiedereröffnung der Clubs ihre Erfahrungen nieder. Die Regierung reagierte mit einer großen Kampagne, um vor der Masche zu warnen. Bei Verdacht auf Missbrauch stehen 66 Polizistinnen und Polizisten per Chat bereit, um Hilfe zu bieten, QR-Codes hierfür finden sich landesweit in Discos und Nachtclubs. Zudem müssen alle Menschen, die bewusstlos in Kliniken eingeliefert werden, auf K.-o.-Tropfen untersucht werden.

In Großbritannien eskalierte die Situation im Herbst 2021, nur wenige Wochen, nachdem England den „Freedom Day“ und das Ende der Corona-Maßnahmen gefeiert hatte. Von September bis Dezember nahm die Polizei 670 Meldungen von Frauen und Mädchen entgegen, die vermuteten, mit K.-o.-Tropfen betäubt worden zu sein. Vor allem eine neue Methode geriet dabei in den Fokus: Anstatt die Tropfen ins Getränk zu mischen, wurden die Frauen mit einer Spritze gepiekst, dadurch wurden ihnen die Drogen injiziert. Unter dem Motto „Girls Night In“ (in Anlehnung an Girls Night Out) riefen die Frauen zum Clubboykott auf und zogen protestierend durch die Straßen.

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K.-o.-Tropfen: von Liquid Ecstasy über Schmerzmittel bis zu Psychopharmaka

K.-o.-Tropfen gibt es in verschiedenen Zusammensetzungen, die allesamt das gleiche Ziel verfolgen: Die Person, die sie einnimmt, handlungsunfähig zu machen. Oft werden aus Benzodiazepinen, Chloralhydrat, Muskelrelaxantien und Barbituraten Tropfen zusammengemischt, Medikamente, die beispielsweise als Schmerz-, Beruhigungs- und Narkosemittel bei Menschen und Tieren oder als Psychopharmaka angewandt werden. Gängig sind aber auch die Partydrogen GHB (GammaHydroxybuttersäure) und GBL (Gamma-Butyrolacton), auch Liquid Ecstasy genannt.

Einige der meist flüssigen Substanzen sind in Deutschland legal zu erwerben, etwa Schmerz- und Beruhigungsmittel; wenngleich es als Körperverletzung gilt, anderen K.-o.-Tropfen zu verabreichen. Die Tropfen, die hin und wieder auch in Form von Pulver oder Tabletten eingesetzt werden, sind geruchs- und farblos, haben nur wenig Geschmack, und fallen daher nicht auf, wenn sie unter Nahrungsmittel oder in Getränke gemischt werden. Das in Großbritannien zuletzt im Fokus gestandenen Spiking, bei denen die Drogen via Spritzen verabreicht werden, ist in Deutschland noch nicht nachgewiesen.

K.-o.-Tropfen: Enthemmung, Euphorie, Bewusstlosigkeit

Binnen 15 Minuten entfaltet sich die Wirkung – die sich je nach Dosis und nach der Anatomie des Konsumenten oder der Konsumentin unterscheidet, wie es in einem Ärzteblatt auf der Informationsplattform „Soforthilfe nach Vergewaltigung“ heißt. Für viele Außenstehende wirkt es zunächst, als habe die Person einfach zu viel Alkohol getrunken – sie wirkt betrunken, desorientiert, bisweilen lethargisch. Täterinnen und Täter haben nun leichtes Spiel, indem sie Hilfe anbieten, die Person etwa nach draußen an die frische Luft zu begleiten.

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Bei einer niedrigen Dosierung, worunter bis zu 1,5 Gramm der Droge zählen, können K.-o.-Tropfen zur Entspannung beitragen und Hemmungen senken. Das Wohlbefinden ähnele dem eines Champagnerrausches, heißt es weiter. Bei mittlerer Dosierung, die mit ein bis 2,5 Gramm angegeben wird, kommt es häufig zu Euphorie, sexueller Stimulation und Enthemmung. Bei hoher Dosierung ab 2,5 Gramm setzt jedoch Benommenheit ein, die zum Tiefschlaf, Koma, Atemlähmung und Tod führen kann. Ärztinnen und Ärzte warnen vor allem vor einem Mischkonsum mit Alkohol, dadurch werde die Wirkung unkalkulierbar und bisweilen lebensbedrohlich.

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K.-o.-Tropfen können in Gemisch mit Alkohol lebensgefährlich sein

K.-o.-Tropfen und die Opfer – sie stehen wieder im Fokus. Da wäre nämlich, nebst den steigenden Fallzahlen nach der Pandemie, die Instagram- und Twitter-Debatte um die Comedians Joyce Ilg und Faisal Kawusi. Auf Instagram hatte Ilg ein Foto mit Luke Mockridge geteilt, versehen mit dem Kommentar: „Hat hier irgendwer von euch Eier gefunden? Ich hab nur ein paar K.-o.-Tropfen bekommen #Partnerlook #FreedomOfHumour“. Daraufhin schrieb Youtuberin Silvi Carlsson: „Bin fast mal an K.-o.-Tropfen gestorben. Nicht cool, Joyce.“ Zum Eklat kam es, als sich Kawusi einmischte und Carlsson antwortete: „Das nächste Mal werde ich dir die Dosis verstärken, versprochen.“ Sowohl Kawusi als auch Ilg stehen seither in der Kritik – über Opfer von Kriminalität und Gewalt dürfe man sich nicht – zumindest auf diese Art – lustig machen, so der Tenor.

Wer eine Überdosis von K.-o.-Tropfen verabreicht bekommt, kann tatsächlich daran sterben – wie bei den meisten Drogen. K.-o.-Tropfen sorgen für eine Atemlähmung, Menschen mit Überdosis können dadurch ersticken. Viel häufiger als der Tod ist jedoch, dass Menschen, denen die Mittel verabreicht werden, weiteren Gewaltakten ausgesetzt sind.

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K.-o.-Tropfen sind auch als Vergewaltigungstropfen bekannt

Verwendet werden K.-o.-Tropfen nämlich vor allem von Kriminellen, die ihre Opfer bewusstlos machen wollen, um sie danach etwa auszurauben oder sie zu vergewaltigen. Bei Sexualdelikten sind K.-o.-Tropfen beliebte Helfer, denn da die Opfer sich im Nachhinein kaum erinnern, werden die Täter nur selten erwischt. Zudem sinkt mit dem hilflosen Zustand der Widerstand des Opfers.

Da die Drogen auch Muskelentspannungen fördern, kommt es seltener zu schweren Verletzungen bei Vergewaltigungen. Anzeichen können dann Spermaspuren, zerrissene Kleidung oder Hämatome sein. „Oft gibt es nur ein vages Gefühl, dass es zu einem sexuellen Übergriff oder zu einer Vergewaltigung gekommen ist“, schreibt die Stadt Wien. K.-o.-Tropfen werden deshalb auch Vergewaltigungstropfen genannt. Frauen, die glauben, betäubt worden zu sein, oder Menschen, die glauben, Gewalt gegen eine Frau beobachtet zu haben, können sich in einem ersten Schritt auch anonym an das kostenlose Hilfetelefon wenden unter der Nummer 08000 116016.

Kreative Wege zur Prävention

Besonders erfolgreich sind Täterinnen und Täter an Orten, an denen viele Menschen zusammengekommen, Ausgelassenheit herrscht und Alkohol konsumiert wird – das führt nämlich zu weniger Aufmerksamkeit. Präventionskampagnen richten sich daher vor allem an junge Frauen und Männer: Sie sollen in einer Disco oder Bar jederzeit das eigene Getränk beaufsichtigen, um möglichen Täterinnen und Tätern keine Chance zu geben, K.-o.-Tropfen beizumischen. Auch sollten sie keine Getränke annehmen, die Fremde für sie bestellt haben – insofern sie sie nicht direkt vom Barkeeper oder der Barkeeperin bekommen.

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Einige Firmen haben bereits Sicherheitsmechanismen entwickelt, etwa Schnelltests oder Armbänder, mit denen sich testen lässt, ob gewisse Stoffe im Getränk enthalten sind. Das Problem: Es sind jeweils nur einige Stoffe damit nachweisbar, etwa GBL. In Mecklenburg-Vorpommern verkauft eine Bar Cup Condoms – eine Art Kondom, die sich über das Glas ziehen lässt.

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