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Junge Krankenpflegerin steigt aus: „Ich bin oft an den Zuständen verzweifelt“

  • Dass es einen Pflegenotstand gibt, wissen viele Menschen. Wie es sich anfühlt, Pflegerin in einem großen Krankenhaus zu sein, aber wohl nur wenige.
  • Maximiliane Schaffrath hat darüber nun ein Buch geschrieben.
  • Im RND-Interview spricht sie über die Erfahrungen, die sie in ihrer Ausbildung gemacht hat und welche Konsequenzen es hat, wenn zu wenige Pfleger sich um zu viele Patienten kümmern müssen.
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Frau Schaffrath, In Ihrem Buch „Systemrelevant“ berichten Sie von Ihrer Ausbildung zur Krankenpflegerin. Warum wollten Sie das in einem Buch festhalten?

Ich habe während meiner Ausbildung so viele, teilweise sehr extreme Dinge erlebt, die ich mir nie hätte vorstellen können. Mein ursprünglicher Gedanke war, dass ich das einfach aufschreibe, damit diejenigen, die die Macht hätten, daran etwas zu ändern, das einfach mal mitkriegen. Aber auch viele andere Menschen wissen zwar, dass es einen Pflegenotstand gibt, aber nicht, wie sich das anfühlt, wenn man jeden Tag unter diesen Bedingungen arbeitet und unhaltbare Dinge erlebt.

Eingewachsene Schuhe, Pilze im Gehirn, „kaputtgesoffene Leben“ – die Dinge, die Sie erlebt haben, sind nichts für schwache Nerven. Ist das ein realistisches Bild des Alltags einer Pflegekraft?

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Darüber habe ich selbst viel nachgedacht. Ich war ja an einer sehr großen Klinik. Das macht bestimmt einen Unterschied zu einem Krankenhaus auf dem Land, das solche krassen Fälle nicht aufnehmen muss, sondern gleich weiterschickt. Für eine große Klinik ist das aber sicher ein realistisches Bild.

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Warum wollten Sie Krankenpflegerin werden?

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Ich wollte eine sinnstiftende Arbeit verrichten. Ich habe das Gefühl, dass es im Leben oft darum geht, etwas darstellen zu müssen. Das ist dort nicht der Fall. Wenn ich einen Krebspatienten unterstütze, der wegen der Chemotherapie ständig erbrechen muss, dann ist man so nah am Menschen, wie es näher eigentlich nicht geht. Danach geht man nach Hause und hat wirklich das Gefühl: Ich mache hier etwas Sinnvolles.

Hatten Sie das Gefühl nach Schichtende oft?

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Ja, eigentlich schon sehr, sehr oft. Aber das war natürlich getrübt dadurch, dass ich gemerkt habe, dass ich die Arbeit nicht so machen kann, wie ich sie eigentlich machen sollte.

Wie klaffen Anspruch und Wirklichkeit im Pflegealltag auseinander?

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Ein Beispiel: Frisch operierte Patienten sollte man nach der OP alle halbe Stunde überwachen. In der Praxis ist man froh, wenn man sie ein bis zwei mal in der Schicht kurz gesehen hat. Mehr geht einfach nicht.

Weil?

Man einfach nicht die Zeit dafür hat. Es sind zu viele Patienten und zu wenig Personal. Ich finde, es braucht gesetzliche Personaluntergrenzen, doch in meiner Ausbildung habe ich erlebt, dass ein Pfleger immer mehr Patienten betreuen muss. Irgendwann war eine Pflegerin auf der Neurologiestation für 17 Patienten zuständig. Das ist lebensgefährlich für alle Patienten.

Maximiliane Schaffrath, wurde 1991 geboren und absolvierte eine Ausbildung in der Krankenpflege, danach studierte sie einige Semester Psychologie. Von 2018 bis März 2021 arbeitet sie im Gesundheitswesen in der Nähe von Garmisch-Partenkirchen. © Quelle: Akinci

Welche Folgen hat das für die Art und Weise, mit der Menschen in Deutschland gepflegt werden?

Die Achtung der Menschenwürde fehlt. Wenn ich auf der Chirurgiestation keine Zeit habe, auf das Klingeln eines Patienten zu reagieren, der dringend auf die Toilette muss, und er seinen Stuhlgang dann ins Bett verrichten muss, ist das eine extrem unwürdige Situation. Besonders, wenn ich ihn dann noch zwei Stunden darin liegen lassen muss.

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Sie kritisieren auch den Umgang älterer Kollegen mit Auszubildenden. Können Sie dafür ein Beispiel nennen?

Im ersten Ausbildungsjahr soll man ja eigentlich grundlegende Dinge lernen. Nicht irgendwelche komplizierten medikamentösen Therapien, sondern: Wie wasche ich, wie mobilisiere, wie versorge ich Patienten. Meine erste Station war jedoch gleich die Station mit den Krebspatienten. Diese Patienten sind sehr aufwendig in der Pflege und man muss sich viel Zeit und Ruhe nehmen. Ich habe mich zwar bemüht, mich zu beeilen, habe aber dann einmal zum Waschen einer Patientin – das beinhaltet unter anderem mehrmals das Wasser zu wechseln, Intimpflege, Zähne putzen, Kleidung wechseln, Haare kämmen – eine halbe Stunde gebraucht. Ich wurde dann angepflaumt, dass ich zu langsam bin und dass das maximal eine Viertelstunde dauern darf. Das ist für mich ein Unding, eine Verletzung der Würde der kranken Menschen. Ich hatte das Gefühl, dass die Kollegen den immensen Druck, der auf ihnen lastet, einfach an mich weitergegeben haben.

Bleibt unter diesem enormen Zeitdruck überhaupt noch genügend Raum, um etwas zu lernen?

Wenn man zum Dienst kommt, wird meistens erstmal geklärt: Wer nimmt heute die Auszubildende mit? Eigentlich sollte es ja dann so sein, dass die Person dann weniger Patienten an diesem Tag betreut, um mehr Zeit zu haben, Dinge zu erklären oder zu üben. Die Realität ist jedoch meistens, dass die Person mehr Patienten bekommt, nach der Logik: Du hast mit der Auszubildenden ja eine Helferin dabei. Das heißt, de facto bleibt dann sehr wenig Zeit für die Betreuung der Auszubildenden.

Ich habe immer darauf geachtet, dass ich mir selbst die Dinge abschaue und Fragen stelle und viel in Eigeninitiative mache. Aber wenn man das Gefühl hat, man muss sich alles selbst zusammenwurschteln, frustriert das. Es ist ja auch nicht so, dass nicht genügend Menschen eine Ausbildung zum Pfleger beginnen wollen – es springen nur einfach zu viele währenddessen ab.

Maximiliane Schaffrath: „Systemrelevant. Hinter den Kulissen der Pflege“, S. Hirzel Verlag, 240 Seiten, 18,00 Euro. © Quelle: Hirzel

Sie schreiben ganz am Ende Ihres Buchs, dass Sie nicht wissen, wie Sie manche Tage überstanden haben.

Das frage ich mich im Nachhinein auch noch oft. Ich habe mir immer wieder gesagt, dass ich jetzt ja schon so viel Energie in die Ausbildung investiert habe und sie deshalb nun auch zu Ende bringen möchte – egal, was ich danach mache. Ich habe es nie bereut, diese Ausbildung gemacht zu haben. Ich bin nur so oft an den Zuständen verzweifelt.

Inzwischen arbeiten Sie nicht mehr als Krankenpflegerin.

Ja, ich habe mich dazu entschlossen, mich beruflich umzuorientieren. Die Arbeit ist einfach auf Dauer sehr belastend – und sie wird wohl auch erstmal so bleiben.

Hätte eine bessere Bezahlung Sie in dieser Entscheidung beeinflussen können?

Nein, der Dauerstress bleibt ja, auch wenn ich mehr Geld habe. Und ich weiß: Bis man dieses ganze System repariert hat, werden einige Jahre ins Land gehen und es braucht gewaltige politische Anstrengungen. Das heißt nicht, dass ich nicht der Meinung bin, dass der Job besser vergütet werden müsste. Aber meine persönliche Entscheidung hätte das nicht beeinflusst.

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