Italien und Corona: Zahlreiche Probleme gefährden Schulöffnungen

  • Nach mehr als einem halben Jahr schulfrei wegen Corona soll Mitte September auch in Italien der Unterricht wieder beginnen.
  • Doch zahlreiche Probleme bereiten der Regierung von Giuseppe Conte Sorgen.
  • So gefährden steigende Covid-Fallzahlen und mangelnde Vorbereitung an den Schulen die Öffnungen.
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Rom. Ministerpräsident Giuseppe Conte und seine Bildungsministerin Lucia Azzolina wiederholen es seit Tagen wie ein Mantra: “Das Datum der Wiederaufnahme des Unterrichts, der 14. September, ist nicht in Frage gestellt. Die ganze Regierung konzentriert ihre Kräfte darauf, eine sichere Rückkehr in die Klassenzimmer zu garantieren.” Der Schulbeginn stellt in der Tat die zurzeit größte Herausforderung für die italienische Regierung dar – und er bereitet Conte nicht geringere Sorgen als der wirtschaftliche Wiederaufbau nach dem Covid-Desaster.

Italiens Schulen: Seit Anfang März geschlossen

Acht Millionen Schülerinnen und Schüler haben in Italien seit Anfang März kein Klassenzimmer mehr von innen gesehen – die schulfreie Zeit dauerte länger als in jedem anderen Land der Welt. Der Grund: Italien war als erstes europäisches Land von der Corona-Pandemie getroffen worden, und als der Lockdown nach drei Monaten am 3. Juni wieder aufgehoben wurde, lohnte es sich nicht mehr, den Schulbetrieb wieder aufzunehmen: Zwei Wochen später hätten ohnehin die langen, drei Monate dauernden Sommerferien begonnen. Nicht nur für Eltern und Schüler, sondern auch für Experten ist es nun höchste Zeit, die Kinder in die Klassen zurückkehren zu lassen.

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Neuinfizierte: Vor allem junge Leute

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Doch trotz der langen Vorbereitungszeit sind zahlreiche Probleme ungelöst. Allen voran die steigenden Covid-Fallzahlen: Zwar steht Italien im Vergleich zu fast allen europäischen Nachbarländern immer noch gut da, doch mit täglich rund 1000 Neuansteckungen haben die Fallzahlen inzwischen wieder ein Niveau erreicht, das Epidemiologen Sorgen bereitet. Die ausgiebigen Feiern an Ferragosto (15. August) sowie das sorg- und meist auch maskenlose Strand- und Partyleben haben dazu geführt, dass sich in den vergangenen Wochen vorwiegend junge und schulpflichtige Italiener mit dem Virus angesteckt haben: Das Durchschnittsalter der Neuinfizierten ist auf 30 Jahre gesunken. Die Regierung hat deshalb schon letzte Woche die Reißleine gezogen und Discos und Clubs wieder geschlossen.

Zahlreiche Probleme gefährden Schulöffnungen

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Neben der neuen Ausbreitung des Coronavirus stehen einer sicheren Wiederaufnahme des Schulbetriebs aber auch noch etliche praktische Hindernisse an den Schulen entgegen. Um die vom Bildungsministerium vorgegebene Sicherheitsdistanz in den Klassenzimmern von einem Meter zwischen den Schülern zu gewährleisten, mussten landesweit 2,4 Millionen Einzelpulte bestellt werden. Die vollständige Auslieferung wird am 14. September noch nicht erfolgt sein, musste Ministerin Azzolino unlängst einräumen.

Weiter fehlen noch rund 20.000 neue Schulräume, die ebenfalls zur Gewährleistung der Sicherheitsabstände notwendig wären. Ein weiteres Problem: Es müssen noch 45.000 neue Lehrkräfte angestellt werden, da die unumgängliche Verkleinerung der Klassengrößen sowie die Staffelung des Unterrichts einen deutlich höheren Personaleinsatz voraussetzen.

Hinzu kommt das Problem des Schulwegs: Die Transportkapazitäten der öffentlichen Verkehrsmittel sind in ganz Italien noch immer auf 50 Prozent beschränkt. Dies wird es unzähligen Schülern erschweren, pünktlich zum Unterricht zu erscheinen. Einzelne Regionalpräsidenten haben deshalb die Regierung aufgefordert, die Platzbeschränkungen in den Zügen, Bussen, Trams und U-Bahnen zu lockern, zumal ja in den öffentlichen Verkehrsmitteln die Maskenpflicht herrsche. Gesundheitsexperten sind dagegen; ein Entscheid in dieser Sache ist noch nicht gefallen.

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Angst vor Schulen als Infektionsherde

Die Gefahr, dass Schulen angesichts der noch ungelösten Probleme zu neuen Infektionsherden werden könnten, ist deshalb nicht von der Hand zu weisen. “Bei acht Millionen Schülern werden unausweichlich einige darunter sein, die infiziert und gleichzeitig symptomfrei sind”, betont Antonello Giannelli, Präsident der italienischen Schulleiter. Ebenso unausweichlich werde es sein, dass wohl in einzelnen Fällen ganze Schulen unter Quarantäne gestellt werden müssten.

Um die Ergreifung von derartigen Maßnahmen möglichst zu vermeiden, werden sich die italienischen Schülerinnen und Schüler daran gewöhnen müssen, im Unterricht und auf dem Pausenhof Gesichtsmasken zu tragen. Zu diesem Zweck sollen an Italiens Schulen ab dem 14. September jeden Tag elf Millionen Masken verteilt und 170.000 Liter Desinfektionsgel nachgefüllt werden. Sofern die Lieferungen eintreffen.

RND

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