• Startseite
  • Gesundheit
  • Iran verzeichnet Rekordwerte an Todesfällen – über 30.000 Tote seit Beginn der Pandemie

Iran verzeichnet Rekordwerte an Todesfällen – über 30.000 Tote seit Beginn der Pandemie

  • Die Corona-Pandemie hat den Iran hart getroffen. Angesichts der aktuellen Infektionswelle wird die Situation von Tag zu Tag schlimmer.
  • Am Mittwoch wurde ein Höchstwert an Corona-Toten binnen 24 Stunden erreicht.
  • Die Maßnahmen der Regierung greifen nicht, auch weil das Misstrauen in der Bevölkerung groß ist.
Anzeige
Anzeige

Teheran. Die Intensivstationen sind überfüllt, die Zahl der täglichen Toten steigt und steigt. Acht Monate nach der ersten verheerenden Ausbreitung des Coronavirus wirkt die Führung in Teheran noch immer planlos. Weil die Wirtschaft wegen internationaler Sanktionen ohnehin am Boden liegt, schrecken die Behörden vor drastischen Beschränkungen zurück. Die Bevölkerung wird derweil mit widersprüchlichen Botschaften eher verwirrt als besänftigt.

30.000 gemeldete Corona-Todesfälle seit Beginn der Pandemie im Iran

„Mit der Pandemie wird es in unserem Land so schnell nicht besser werden“, sagt der 23-jährige iranische Student Mohadesseh Karim. „Es wird von Tag zu Tag schlimmer.“ In den Sozialen Medien schreiben Bewohner des Landes von chaotischen Szenen in überlasteten Krankenhäusern. Im Staatsfernsehen war zu sehen, wie auf Friedhöfen neue Gräber geschaufelt wurden – am vergangenen Sonntag, am Montag und am Mittwoch hatte die Zahl der Opfer jeweils einen neuen Höchstwert erreicht.

„Die Lage ist sehr kritisch“, sagte Mino Mohras, Mitglied einer nationalen Coronavirus-Taskforce. In den Kliniken der Hauptstadt gebe es „kein einziges freies Bett für neue Patienten“. Offiziell liegt die Gesamtzahl der Toten im Iran inzwischen bei mehr als 30.000. Die Dunkelziffer könnte aber noch deutlich höher sein.

Anzeige

Stellvertretender Gesundheitsminister: Zahl der Toten vermutlich zweimal höher als bekannt

Anfangs hatte die Regierung versucht, die vom Virus ausgehende Gefahr herunterzuspielen. Internationale Experten warfen Teheran lange vor, das wahre Ausmaß der Ausbreitung im Land zu vertuschen. Sogar Massenveranstaltungen blieben zunächst erlaubt. Als die Infektionszahlen im März rapide stiegen, mussten Büros und nicht essenzielle Betriebe schließen. Bereits zwei Wochen später durften Geschäfte und Restaurants in den Städten aber wieder öffnen.

Anzeige

Die Schulen, die im März ebenfalls geschlossen worden waren, wurden erst im September wieder geöffnet. Gleichzeitig wurden in anderen Bereichen aber neue Maßnahmen angekündigt – und neue Warnungen ausgesprochen. Der stellvertretende Gesundheitsminister Iradsch Harirchi, der im März positiv getestet wurde, nachdem er zuvor Berichte über Opferzahlen als übertrieben abgetan hatte, sagte jüngst, die tatsächliche Zahl der Toten sei vermutlich zweimal höher als bisher bekannt.

Auch in höchsten Regierungskreisen gibt es viele Betroffene. Zuletzt infizierten sich etwa der Leiter der Atomenergiebehörde des Landes sowie einer von dessen Stellvertretern. Bereits im Frühjahr war ein wichtiger Berater des geistlichen Oberhaupts Ajatollah Ali Chamenei an den Folgen einer Ansteckung gestorben.

Video
Chronologie des Coronavirus
2:47 min
Der Beginn des verheerenden Coronavirus war vermutlich ein Tiermarkt in Wuhan/China. In nur wenigen Wochen erreichte das Virus auch Europa.  © RND

Misstrauen der Bevölkerung gegenüber Regierung ist groß

Anzeige

Weil die Regierung in ihrem Kurs hin und her schwanke, wüssten die Iraner inzwischen nicht mehr, „was richtig und was falsch“ sei, sagt Kamiar Alaei, Experte für iranische Gesundheitspolitik an der California State University in Long Beach. Da viele Iraner den staatlich kontrollierten Medien des Landes misstrauen, nehmen sie auch die darüber verbreiteten Warnungen offenbar nicht sehr ernst. Die Basare und Lokale sind jedenfalls so voll wie sonst auch. Er glaube, das mit dem Coronavirus sei bloß eine Verschwörung, mit der „arme Leute verängstigt“ werden sollten, sagt der 31-jährige Handy-Verkäufer Resa Ghassemi in einem gut besuchten Café in Teheran.

Immerhin wird eine gerade eingeführte Maskenpflicht aber mehrheitlich beachtet. In einer Teestube in der Hauptstadt waren nach Zählung der Nachrichtenagentur AP nur 13 von 57 Kunden ohne Gesichtsschutz, in einem Café am Stadtrand nur sechs der 79 Gäste. „Jeden Tag verlieren wir viele Leben“, sagt der 27-jährige Autohändler Saeed Miandschi. Die Masken würden „mehr Leben retten und es den Menschen ermöglichen, sich entspannter zu fühlen“.

Iranische Regierung schließt erneut einige Schulen in Universitäten in Teheran

Nur wenige Wochen nachdem Präsident Hassan Ruhani Präsenzunterricht als „unsere oberste Priorität“ bezeichnet hatte, ließ die iranische Regierung angesichts der wieder stark steigenenden Infektionszahlen nun einige Schulen und Universitäten in Teheran erneut schließen. Auch Museen, Moscheen, Büchereien und Kosmetikstudios müssen neuerdings geschlossen bleiben. Am Mittwoch verhängte das Gesundheitsministerium außerdem Reisebeschränkungen für die Hauptstadt und vier weitere Metropolen.

Der Gesundheitsminister rief die Polizei sowie Mitglieder der Basidsch-Miliz, einer Freiwilligen-Einheit der paramilitärischen Revolutionsgarde, dazu auf, bei der Durchsetzung der neuen Regeln zu helfen. Kameras an Ampeln, die im Iran sonst zur Überwachung der Kopftuchpflicht eingesetzt werden, prüfen jetzt auch, ob Passanten eine Maske tragen. Geplant waren bei Nachlässigkeiten auch Bußgelder. Hauptziel sei dabei aber nicht, Strafzettel zu verteilen, sondern „das Bewusstsein zu erhöhen“, betont der Regierungssprecher Ali Rabiei.

Anzeige

Mit einer zweiten Infektionswelle haben derzeit auch viele andere Staaten auf der Welt zu kämpfen. Das Ausmaß im Iran sei allerdings ein Zeichen für „Missmanagement“ auf höchster Ebene, sagt der in Teheran ansässige Politik-Experte Abbas Abdi. „Die Bewältigung der Krise erfordert Einigkeit, Macht, effizientes Management und letztlich Vertrauen in die politischen Entscheidungsträger und Amtspersonen“, sagt er. Im Iran existiere „nichts davon“.

RND/AP

“Staat, Sex, Amen”
Der neue Gesellschaftspodcast mit Imre Grimm und Kristian Teetz
  • Laden Sie jetzt die RND-App herunter, aktivieren Sie Updates und wir benachrichtigen Sie laufend bei neuen Entwicklungen.

    Hier herunterladen