Interview mit Glückscoach: Durch Corona fehlt die Ablenkung

  • Jeder kann lernen, glücklich zu sein.
  • Das zumindest behauptet Glückstrainer Tobias Tampa
  • Der 22-Jährige verrät im RND-Interview, wie das funktioniert, was unsere Kindheit damit zu tun hat und wieso wir eigentlich auf einem Dauer-LSD-Trip sind.
Thilo Komma-Pöllath
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Hannover. Tobias Tampa, 22, ist einer der jüngsten Transformationscoaches in Deutschland. Der Ingolstädter hat als Datingcoach angefangen, später bei weltweit bekannten Mentaltrainern wie Christian Bischoff, Jordan Belfort oder Eckhart Tolle gelernt. Schon als Kind hat sich Tampa gefragt, warum seine Eltern so oft unglücklich und traurig sind. Seine Mutter litt unter starken Depressionen, beide Elternteile wuchsen ohne Vater auf. Tobias Tampa bietet heute bundesweit Glücksseminare an, hält Vorträge bei den Medientagen München oder an der Hochschule Fresenius. Er sagt, glücklich sein kann jeder lernen.

Herr Tampa, Sie haben während der Corona-Pandemie etliche sogenannte Glückswebinare veranstaltet und großen Zulauf erhalten. Wie unglücklich sind die Menschen gerade?

Die drei wichtigsten Themen, die meine Klienten an mich herantragen, sind: Ich habe keinen Partner und ich kann nicht allein sein. Zweitens: Ich bekomme keine Anerkennung für das, was ich mache, weil ich meinen Job verloren habe oder kurzarbeite oder weil der Chef mich nicht sieht. Drittens: Ich sehe keinen Sinn in dem, was ich tue. Die allermeisten Menschen haben ihre Selbstliebe und ihr persönliches Glück von diesen Dingen abhängig gemacht. Corona verstärkt das alles.

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Und wie helfen Sie dann als Transformationscoach?

Über die Wege zum inneren Glück herrscht ein großes Missverständnis. Viele glauben, wenn ich mit einem Gesprächstherapeuten über meine Probleme spreche, löse ich sie. Das klappt aber nicht! Es fühlt sich besser an, es nimmt die Emotion teilweise, aber es löst nicht die ganze Energie. Die Trauer um den toten Vater, der gestorben ist, als man selbst noch ein Kind war, kann man nicht allein mit Worten verarbeiten. Worte sind nur Kopf, nur Analyse, Emotionen aber müssen emotional verarbeitet und losgelassen werden.

Und das geht wie?

Emotionen brauchen Bilder. Wenn ich an meine Kindheit denke, denke ich an Einsamkeit, Liebe, Anerkennung, Ablehnung, das alles sind Bilder, die bei mir hochploppen. Man muss solche Emotionen vom Schlüsselerlebnis her verarbeiten, über Meditation, eine bestimmte Atemtechnik oder Hypnose. Das geht nicht gleich beim ersten Mal, aber nach fünf- oder zehnmal spüren sie einen wesentlichen Unterschied.

Wie sehr die Kindheit unsere Psyche prägt

Woher kommen all die Traumata und Ängste, die die Menschen mit sich herumtragen?

80 Prozent aller psychischen Probleme, die Menschen im Erwachsenenalter entwickeln, kommen aus der eigenen Kindheit. Das weiß man heute. Als Kind hat man nicht die Kapazität, starke, existenzielle Emotionen zu verarbeiten. Ich bin als fünfjähriges Kind einmal in einem großen Kaufhaus verloren gegangen, ich konnte meine Eltern nicht mehr finden und irrte eine halbe Stunde verzweifelt herum. Wir müssen gar nicht über Missbrauch oder Gewalt reden, schon eine solche Situation ist eine emotionale Ausnahmesituation für ein Kind und kann ein Trauma auslösen. Die emotionale Abhängigkeit zu den eigenen Eltern ist in dem Alter so groß, dass das Kind das gar nicht allein verarbeiten kann. Du bist plötzlich allein auf dieser Welt und weißt, dass du das ohne Mama und Papa nicht überleben kannst. Das mag irrational sein, aber Kinder denken so atavistisch. Diese Erfahrung reicht aus, um eine Blockade zu entwickeln. Ich war nur eine halbe Stunde allein in dem Kaufhaus und es war ein Albtraum, den ich heute noch spüren kann.

Jedes Kind macht solche oder ähnliche Erfahrungen durch …

Das stimmt. Ein anderes Beispiel: Wenn man als Schüler vor der ganzen Klasse ausgelacht wird, weil man auf ein bestimmtes Mädchen steht und ihr einen Liebesbrief geschrieben hat, dann erscheint es dir, dass du ausgegrenzt wirst von deinem Stamm, deinem Rudel, zu dem du unbedingt dazugehören willst. Diese starken Gefühle der Ablehnung werden sich bei dir im Unterbewusstsein abspeichern, weil du sie noch nicht verarbeiten kannst. Mit jeder neuen Ablehnung, jeder Beschämung wird Salz auf die Wunden unserer Kindheit gestreut, sodass sie nicht abheilen können.

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Perfekte Kindheit? Gibt es nirgendwo

Wie müsste Erziehung sein, damit solche Traumata gar nicht erst entstehen?

Die perfekte Kindheit gibt es nicht. Egal wie gut sie war, man wird immer größere oder kleinere Blockaden, Ängste oder Traumata mitnehmen. Das Wichtigste für Eltern ist, dem Kind zu vermitteln, dass es gut ist, so wie es ist. Und dass es nichts tun muss, um Liebe zu bekommen. Verständnis und Empathie gerade dann, wenn das Kind etwas nicht gut gemacht hat. Auf Augenhöhe mit dem Kind kommunizieren und ihm vermitteln, dass die Welt ein guter, sicherer Ort ist und das Leben immer auf seiner Seite sein wird. Nur so kann es Vertrauen entwickeln. Leider reichen Eltern ihre eigenen unbehandelten Traumata und Ängste viel zu oft ungefiltert an ihre Kinder weiter und nichts ändert sich. Würden Eltern ihre eigenen Blockaden und Ängste frühzeitig, also bevor sie selbst Kinder bekommen, therapeutisch auflösen, würde das nicht passieren. Das ist auch ein enormer volkswirtschaftlicher Schaden, der hier entsteht.

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Wie sehr hat uns Corona traumatisiert?

Ein Viertel der Menschen, die zu mir kommen, kommt wegen Corona. Plötzlich fehlte die Ablenkung, weil nichts mehr ging. Keine Partys, keine Reisen, keine Clubs. Ich habe einen Klienten, der war auf Weltreise, dann kam Corona und er saß vier Monate in Australien fest. Er beschloss, in seinem Hotelzimmer an sich zu arbeiten, und nahm an meinen Webinaren teil. Eine andere Klientin hat im Homeoffice festgestellt, dass es ihr so viel besser geht. Sie hat gemerkt, sie will weniger arbeiten, sie braucht mehr Zeit für sich. Viele Menschen sind in die Handlung gekommen, weil sie erkannt haben, dass „ich mich verändern muss“. Corona ist der Auslöser.

Bewusstsein der Menschen ist größer denn je

Entdecken Menschen in der Krise auch einen neuen Sinn für ihr Leben?

Ja, das passiert. Viele Menschen entwickeln gerade ein besseres Bewusstsein dafür, was ihnen guttut. Freunde von mir sind in den letzten Monaten vegan geworden, andere haben mit Yoga angefangen. Ich habe eine 18-Jährige im Kurs sitzen, die zu mir sagt, sie wolle ihre Bestimmung finden. Viele junge Menschen merken, es gibt viel mehr als Arbeit, sie wollen – gerade jetzt in der Krise – Sinnhaftigkeit erleben.

Kann jeder lernen, glücklich zu sein?

Ja. Aber wer immer nur in seinem Social-Media-Feed hängen bleibt, der wird so auf Krisen und Katastrophen konditioniert, auf ständige Vergleiche mit allen anderen, die scheinbar mehr haben und mehr können, in dem wird sich nie manifestieren können, dass die Welt ein guter Ort ist. Die Definition von Glück ist nicht, sich glücklich zu fühlen, weil alles gerade super läuft. Das gelingt den meisten. Glücklich zu sein auf der Länge seines Lebens, egal was passiert, das ist die hohe Kunst.

Unsere Konsumgesellschaft verspricht uns tagtäglich das große Glück. Alles Fake?

Unsere Konsumgesellschaft könnte nicht so funktionieren, wie sie funktioniert, wenn jeder wirklich glücklich wäre. Die Menschen kaufen keinen Porsche oder kein Smartphone, sondern sie kaufen die damit verbundenen Emotionen von Erfolg und Status, mit denen sie sich besser fühlen. Sie kaufen sich das Glückshormon Dopamin, das kurzfristig in unsere Körper einschießt. Das Gleiche passiert bei Fast Food, Sex oder dem Karrieresprung. Was versucht uns diese Glückshormonwelt zu sagen? Kauf immer weiter und du wirst glücklich!

Warum wir uns eigentlich selbst unglücklich machen

Das Gegenteil ist der Fall?

Wir sind Glücksjäger auf Dopamin. Wir gehen dieser Konsumgesellschaft so auf den Leim, dass wir gar nicht mehr merken, wie unglücklich sie uns macht. Wir haben uns davon abhängig gemacht, in diesen hohen emotionalen, in diesen starken energetischen Zuständen zu leben. Das ist wie auf einem LSD-Trip, bis du am Ende emotional wieder runterfällst. Wahres Glücklichsein ist der Zustand, das Leben mit all seinen Höhe- und Tiefpunkten im gleichen Maße annehmen und am Ende auch gut verkraften zu können.

Sie haben als Datingcoach angefangen. Es gibt so viele Datingportale und so viele Singles wie noch nie, die wiederum nicht allein sein können. Das klingt absurd!

Warum funktionieren die Apps nicht? Weil die meisten Menschen ihre innere Leere mit jemandem auffüllen wollen. Wenn ich mich selbst erst lieben kann, wenn es ein anderer tut, dann ist das zum Scheitern verurteilt. Ein guter Partner ist ja kein Lückenfüller. Was aber, wenn du die Fülle in dir findest und damit die Fülle anziehst? So funktionieren unsere Spiegelneuronen im Kopf. Ausstrahlung ist alles. Aber auf der Straße schauen sich die Menschen nicht mehr in die Augen, sondern auf ihr Handy. Wir fliehen vor uns selbst. Smartphone, Netflix, Pornos, Shopping – wir Menschen lenken uns dauerhaft ab, um der Leere in unserem Leben zu entkommen, zugleich produzieren wir noch mehr Leere, die wir selbst nicht mehr ertragen können.


“Staat, Sex, Amen”
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