Facharzt: „Wenn wir die Standards einhalten, passieren weniger Fehler.“

  • Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat den 17. September zum Welttag der Patientensicherheit erklärt.
  • Jährlich sterben Millionen Menschen durch falsche medizinische Behandlung, warnt die Organisation.
  • Im Interview spricht Anästhesist Andreas Heilgeist über mögliche Fehler am OP-Tisch und welche Sicherheitsstandards es gibt.
|
Anzeige
Anzeige

Ludwigsburg. Jede Minute sterben fünf Patienten durch falsche medizinische Behandlung, warnt die WHO. Eine Rolle spielen dabei auch operative Eingriffe. Andreas Heilgeist, Facharzt in der Klinik für Anästhesie, Intensivmedizin, Notfallmedizin und Schmerztherapie am Klinikum Ludwigsburg, erklärt, welche Probleme es in der Praxis gibt.

Herr Heilgeist, die Warnungen der WHO klingen nicht gerade Vertrauen erweckend. Sie sind Anästhesist und überwachen unter anderem die Patientensicherheit bei Operationen. Was kann denn alles schief laufen?

Trotz größtmöglicher Vorsicht, kann natürlich auch im OP mal etwas schief gehen. Deshalb hat die WHO auch eine Checkliste veröffentlicht und empfiehlt, dass man die vor Beginn der OP durchgeht. Das ist in den USA schon lange Standard, bei uns in Deutschland ist das aber auch inzwischen flächendeckend üblich. Anhand der Checkliste ist es möglich, potenzielle Fehler im Vorfeld schon zu erkennen und auszuräumen, bevor der Eingriff stattfindet.

Weiterlesen nach der Anzeige
Anzeige

Ist diese Checkliste denn nicht verbindlich für alle Kliniken?

Nein, sie ist nicht gesetzlich verpflichtend. Aber was die WHO empfiehlt, hat eine große Relevanz. Bei den meisten Kliniken, die ich kenne, kommt sie zum Einsatz. Zudem ist ein Qualitätsmanagement gesetzlich vorgeschrieben, dazu gehören auch standardisierte Vorgehensweisen und solche Checklisten.

Dennoch kann es zu Fehlern oder unvorhersehbaren Komplikationen kommen. Was müssen Sie als Anästhesist alles überwachen?

Anzeige

Geht es um geplante Eingriffe, wird der Patient im Vorfeld untersucht und ein ausführliches Gespräch über die Operation, die Narkose und die Risiken geführt. Der Anästhesist muss den Patienten „kategorisieren“ und etwa eruieren, ob und welche Vorerkrankungen er hat. Wir müssen letztlich auch einschätzen, ob der Patient fit genug ist, dass er den Eingriff gut übersteht. Ist das Risiko für Komplikationen beispielsweise bei schwer kranken Patienten erhöht, muss mit dem Chirurg besprochen werden, wie wichtig der Eingriff ist. Bei einem Notfalleingriff haben wir diese Zeit eher nicht. Dann müssen wir mit wenigen Informationen auskommen.

Welche Komplikationen kann es während der OP geben?

Anzeige

Es ist möglich, dass der Patient allergisch auf ein Medikament reagiert oder Herz-Kreislauf und Beatmung Probleme machen. Er ist aber während der gesamten Narkose und dem Eingriff sehr gut überwacht. Wir kontrollieren den Blutdruck, das EKG, die Sauerstoffkonzentration im Blut und die gesamte Atmung. Heutzutage gibt es mit dem Monitoring unglaublich viele Möglichkeiten, die Vitalfunktionen genau zu beobachten und Rückschlüsse zu führen.

Aber es passiert doch auch, dass sich der Operateur verschneidet und etwa die Hauptschlagader verletzt.

Gerade bei komplizierten Operationen, wo zum Beispiel ein Tumor dicht an einem großen Gefäß oder gut durchbluteten Organ liegt, ist dies möglich. Wichtig ist generell, dass auftretende Komplikationen sofort im Team kommuniziert werden, dann kann man auch gemeinsam adäquat reagieren. Im Normalfall ist man je nach Eingriff auch darauf eingestellt. Wir Anästhesisten sind dafür zuständig, die Blutwerte zu überwachen und gegebenenfalls die dafür bereitstehenden Infusionen und Transfusionen zu verabreichen. Manchmal brauchen wir dafür dann sehr schnell viele weitere helfende Hände oder weitere Spezialisten, aber das wichtigste ist die Teamarbeit.

Nun hat ja die Arbeitsbelastung im Krankenhaus deutlich zugenommen und der OP-Saal wird oft mit einem Fließband verglichen. Wie groß ist der zeitliche Druck?

Natürlich gibt es ihn. Wir müssen ja auch wirtschaftlich arbeiten und gerade im OP-Saal kostet jede Minute viel Geld. Aber ich würde nicht sagen, dass man deshalb die Patientensicherheit aufs Spiel setzt. Wo eher optimiert werden kann, ist meiner Meinung nach die ganze logistische Planung.

Anzeige

Das heißt?

Gerade in großen Krankenhäusern müssen sie schauen, dass der Patient rechtzeitig von Station bestellt wird und im OP-Saal ankommt. Dazwischen müssen seine Unterlagen kontrolliert werden und er muss im Vorbereitungsraum bestimmte Prozedere durchlaufen. Der gesamte OP-Saal muss vor dem Eingriff gereinigt werden. Es müssen alle sterilen Instrumente weggepackt, die neuen wieder ausgepackt werden. Also ein riesiger organisatorischer Aufwand zwischen den Eingriffen. Um dann bei der Narkose oder der OP fünf Minuten einzusparen, dafür würde man kein Risiko eingehen.

Eine Umfrage der Kaufmännischen Krankenkasse hat gerade ergeben, dass fast jede dritte Frau und jeder vierte Mann sich vor einer stationären Behandlung im Krankenhaus fürchtet. Grund seien schlechte Erfahrungen – entweder eigene oder die von anderen.

Das gibt es natürlich in allen Kliniken. Der Patient nimmt in der Regel auch verhältnismäßig kleine Probleme sehr ernst, was ja auch verständlich ist. Nehmen wir eine längere Wartezeit: Da ist der Patient vielleicht schon auf seine OP vorbereitet, und wird vielleicht nach stundenlangem Warten wieder zur Station gebracht. Was dahinter steckt, dass ein Notfall dazwischen oder es im OP vorher zu Komplikationen gekommen ist, weiß der Patient oft nicht. Meiner persönlichen Erfahrung nach sind die meisten Patienten aber verständnisvoll, wenn man ihnen offen die Problematik schildert. Ich denke, wir müssen noch mehr mit unseren Patienten sprechen, auch um Ängste abzubauen.

Andreas Heilgeist ist Facharzt in der Klinik für Anästhesie, Intensivmedizin, Notfallmedizin und Schmerztherapie am Klinikum Ludwigsburg. © Quelle: privat

Welche Rolle spielt der Kampf gegen resistente Krankenhauskeime?

Anzeige

Das ist ein großes Problem. Wir müssen extrem darauf achten, dass die Hygienevorschriften eingehalten und die Antibiotikatherapie mit Verstand erfolgt. Das Problem an diesen Keimen ist nicht, dass sie ansteckender sind als andere, sondern dass sie schwer zu behandeln sind, weil kaum noch Antibiotika gegen sie wirken. Besonders kritisch ist das, wenn sie in Bereiche eindringen, die tief im Körper sind oder wenn Implantate im Körper betroffen sind. Hygiene im OP fängt schon bei kleinen Maßnahmen an, wie das „saubere“ Legen einer Venenverweilkanüle.

Fehlt einem nicht manchmal die Zeit, um auf alles zu achten?

Bei uns Ärzten geht das noch vergleichsweise. Aber es ist ja kein Geheimnis, dass es überall an ausreichend Pflegekräften mangelt, was dann zum Teil auf Kosten der Patientenbetreuung geht. Es gibt in den Kliniken leider immer häufiger wechselndes Personal, das die Standards erst kennenlernen muss oder auch überlastete Mitarbeiter. Aber die Sicherheit geht immer vor. Im Zweifel muss auch mal eine Station geschlossen werden, bevor Patienten gefährdet werden.

In Göppingen sind im vergangenen Jahr zwei Patienten gestorben, nachdem ihnen eine Krankenschwester die falschen Infusionen zur Schmerzlinderung gelegt hat. Hat das zum Beispiel an Ihrem Krankenhaus zu Konsequenzen geführt?

Obwohl die Verwechslungsgefahr bei dem Medikament eher gering war, haben wir sofort gehandelt. Inzwischen darf es nicht mehr auf der Station gelagert werden, sondern wird von den entsprechenden Ärzten mitgebracht, die es geben. Dass Medikamente verwechselt werden, gilt als häufigster Zwischenfall. Ein Problem sind die unzähligen Hersteller und dass, dadurch bedingt, die Medikamentenverpackungen öfter anders aussehen. Da besteht die Gefahr, dass man daneben greift. Wenn man korrekt vorgeht und vor dem Aufziehen noch mal den Inhalt der Ampulle überprüft, wird das meistens bemerkt.

Meistens?

Damit so etwas noch seltener passiert, gibt es unter anderem das CIRS (Critical Incident Reporting System). Früher hat man ein paar Kollegen auf mögliche Verwechslungsgefahren informiert, heute wird über diese zentrale Meldestelle, klinikübergreifend in ganz Deutschland darauf aufmerksam macht. Die Meldungen werden anonymisiert ausgewertet und gegebenenfalls auch juristisch bewertet. Ist es notwendig, wird sofort gehandelt. Zudem können dank des digitalen Zeitalters Meldungen und potenzielle Gefahrenquellen sehr schnell kommuniziert werden. Auch die Qualitätsmanagementabteilungen der Kliniken haben einen großen Anteil an der Patientensicherheit, tragen Informationen zusammen und informieren Ärzte und Pflege über Risiken.

Wie das Aktionsbündnis Patientensicherheit im Jahr 2015 schätzte, würden etwa 600 bis 700 Patienten jährlich sterben, weil bei ihnen OP-Besteck im Körper vergessen wird.

Ich persönlich habe das noch nicht erlebt. Dafür gibt es strenge Regeln: Am Ende der OP muss die OP-Pflege, jedes Instrument, jeden Tupfer, jedes Fadenstück zweimal gezählt und akribisch dokumentiert werden. Der Chirurg muss das im Anschluss bestätigen – vorher wird der Patient nicht zugenäht. Die Wahrscheinlichkeit, dass etwas vergessen wird, ist also sehr gering – wenn die Standards eingehalten werden.