Intensivmediziner hoffen auf Corona-Bremse

  • Die Zahl der Coivd-19-Patienten in den deutschen Krankenhäusern nimmt zu.
  • Die Intensivmediziner begrüßen daher die erneuten Corona-Beschränkungen.
  • Sie fordern auch von der Politik begleitende Entscheidungen für Kliniken, um stärker vom Regelbetrieb auf einen Coronabetrieb umschalten zu können.
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Intensivmediziner haben die erneuten bundesweiten Beschränkungen zum Eindämmen der stark steigenden Corona-Infektionen begrüßt. Die Beschlüsse von Bund und Ländern seien sehr sinnvoll, sagte der Chefarzt der Infektiologie in der München Klinik Schwabing, Clemens Wendtner, am Donnerstag in Berlin. Mit einer gewissen Bremsspur seien hoffentlich sehr bald positive Effekte zu sehen, die ermöglichten, dass das Gesundheitssystem weiterhin funktioniere. Auch der Direktor der Medizinischen Klinik mit Schwerpunkt Infektiologie und Pneumologie an der Charité Berlin, Norbert Suttorp, nannte den geplanten Teil-Lockdown richtig und überfällig.

Schwieriger Punkt in zweiter Welle

Nach Meinung von Uwe Janssens, Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI), hat Deutschland aus intensivmedizinischer Sicht die erste Welle der Corona-Infektionen „hervorragend gemeistert“. Allerdings, so der Internist und Chefarzt der Klinik für Innere Medizin und Kardiologie im St.-Antonius-Hospital Eschweiler, „befinden wir uns an einem ziemlich schwierigen Punkt in der zweiten Welle“.

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Janssens betonte zwar, dass derzeit mit einer Zahl von 29.336 Intensiv-Betten aktuell (35,3 auf 100.000 Einwohner) „Weltmeister“ – und auch das DIVI-Register mit rund 1300 angeschlossenen Krankenhäusern ein hervorragendes Steuerinstrument sei. Auch liege die Zahl der Intensivpatienten bundesweit mit 1569 Patienten - knapp die Hälfte davon beatmet - noch deutlich unter den Vergleichszahlen vom Frühjahr.

Zwei Faktoren allerdings machen Janssens Sorgen. Zum einen gebe es, trotz höherer Covid-Gesamtzahlen als im Frühjahr keine Corona-Maßnahmen und finanziellen Hilfen für Deutschlands Krankenhäuser. Was zum anderen bedeute, so Janssen, dass in den meisten Kliniken der Regelbetrieb fortgesetzt werde, also etwa Standardoperationen nicht abgesagt würden. Das Infektionsgeschehen führe aber zu höheren Infektionszahlen bei den Mitarbeitern. Und das bei dem seit Jahren bekannten Mangel an Fachpersonal.

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Finanzielle Hilfen für Krankenhäuser angemahnt

Deshalb forderte der DIVI-Chef eine Aussetzung der Pflegepersonal-Untergrenze. „Verschiebbare Eingriffe und Behandlungen sollten ausgesetzt werden.“ Dafür aber brauche es eine staatliche Regelung sowie finanzielle Kompensationen. Schließlich müssten alle Patienten, auch nicht an Covid-19 Erkrankte, gleich behandelt werden.

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Stefan Kluge, Direktor der Klinik für Intensivmedizin am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) sieht das ähnlich. Zwar liege die Zahl der Covid-19-Patienten am UKE derzeit mit insgesamt 20 sehr niedrig (5 Intensivpatienten, 15 auf Normalstation) und auch die Gesamtanzahl der stationär behandelten Patienten sei in Hamburg mit 148 (36 Intensivpatienten) sehr gering. Allerdings sei der Altersschnitt der Intensivpatienten seit dem Frühjahr von 69 auf jetzt 60 gesunken.

Stefan Kluge, Direktor der Klinik für Intensivmedizin des UKE. © Quelle: Axel Heimken/dpa/Pool/dpa

Wegfall des Regelbetriebs kostet Krankenhäuser Geld

Zudem, so Kluge, würde ein weiterer Anstieg der Corona-Patientenzahlen in den Krankenhäusern dazu führen, das man sich auf lebenswichtige Behandlungen und Operationen sowie Covid-19 konzentrieren müsse. Deshalb bräuchten die Krankenhäuser eine finanzielle Kompensation für den Wegfall des Regelbetriebs. „Wir müssen auf einen deutlichen Anstieg vorbereitet sein.“

Charité: fast genauso viele Corona-Intensiv- wie Normalpatienten

Die Lage in Berlin, so Suttorp sei deutlich dramatischer als in der Hansestadt. Insgesamt sind in Berlin 600 Patienten hospitalisiert. 160 davon seien auf Intensivstationen. Das sei schon mehr als im April. In der Charité liegen nach Suttorps Auskunft derzeit 130 Patienten – 70 davon sind in Intensivbehandlung. „Das ist ein Verhältnis von nahezu 1:1 zwischen Normal- und Intensivstation, das ist schon sehr ungewöhnlich." Die Beschlüsse der Bundesregierung und der Länder hält Suttorp deshalb für „überfällig“.

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„Wir haben in der Charité vier Covid-19-Normalstationen, da gibt es auch eine Behandlungs-Konkurrenz um die Normalstationen.“ Zumal im Winter noch etliche Infektionen jenseits von Corona hinzukämen. Das bedeute für die Charité dann eine 100-Prozent-Belegung plus die Covid-19-Belastung, was einer Gesamtlast von 150 Prozent entspräche, so der Klinik-Direktor.

Prof. Norbert Suttorp, Direktor der Medizinischen Klinik mit Schwerpunkt Infektiologie und Pneumologie an der Charité. © Quelle: Charité

Auch in Bayern sinkt der Altersschnitt der Patienten

Wendtner warnte, dass die Münchner Zahlen mit 154 Patienten und 21 Intensivpatienten „klein“ aussähen. Allerdings sinke auch in Bayern der Altersschnitt. Explizit wies er auf das exponentielle Wachstum der Corona-Erkrankungen hin, sie verdoppelten sich alle zwei Wochen. „Wir brauchen keinen zweiten Stresstest." Zudem sei Covid-19 nicht nur in der Akutphase für die Krankenhäuser relevant, 10 Prozent der Patienten klagten später über Folgeschäden – besonders Kopfschmerzen, Schlafstörungen, aber auch organische Folgeschäden. Dafür bräuchten die Krankenhäuser mehr Kapazitäten.

Prof. Clemens Wendtner, Chefarzt der Infektiologie der München Klinik Schwabing. © Quelle: München Kliniken/dpa

„Die Operationssäle brennen“

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Das größte Problem sieht Verbandschef Janssens darin, dass es seitens der Politik noch kein klares Signal gegeben habe per Verordnung den Regelbetrieb der Krankenhäuser herunterzufahren, um so personelle Strukturen freizusetzen. Nach der ersten Welle sei die OP-Auslastung immens: „Die Operationssäle brennen und dann kommt Covid 19 hinzu.“

Auch sein Kollege Wendtner warnte davor, nicht in einen Engpass zu geraten. „Die Pflegepersonal-Untergrenzen müssen wohl aus der Not ausgesetzt werden.“ Sein Hamburger Kollege Kluge ergänzt, dass aus personellen Gründen 20 bis 30 Prozent der Intensivbetten schon vor Corona nicht „bepflegbar“ gewesen seien, das heißt, de facto nicht zu Verfügung stünden. Deshalb sei auch die immer wieder erwähnte Notreserve von 12.000 Betten nicht real, „weil Personal fehlt. Wenn man auf Operationen verzichtet, setzt man aber Pflegepersonal frei, die haben die gleiche Ausbildung“. Deshalb sei ein Umschalten von Regel- auf Corona-Betrieb wichtig. Andere notwendige Behandlungen seien dadurch natürlich auch sichergestellt.

Suttorp resümierte die medizinischen wie politischen Implikationen von Lockdown und Corona-Krise kurz und bündig: „Pandemiekontrolle ist nicht alles, aber ohne Pandemiekontrolle ist alles nichts.“

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