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Leere Corona-Intensivbetten: Planen Bund und Krankenhäuser falsch?

  • Um einem großen Ansturm an Covid-19-Patienten vorzubeugen, haben Krankenhäuser wochenlang Intensivbetten frei gehalten.
  • Zahlreiche Operationen wurden in diesem Zeitraum verschoben.
  • Doch das war bislang nicht nötig, wie Berechnungen zeigen.
Irene Habich
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“Verschieben Sie planbare Operationen jetzt”, hatte Gesundheitsminister Jens Spahn im März in einem Schreiben an die deutschen Krankenhäuser gefordert. Ein großer Anteil der Betten auf Intensivstationen sollte für Corona-Patienten frei gehalten werden. Zusätzlich wurden die Krankenhäuser aufgefordert, neue Intensivbetten zu schaffen. Doch der große Ansturm auf die Kliniken blieb aus, weil deutschlandweit viel weniger Menschen schwer erkrankten als befürchtet. Fast die Hälfte der Intensivstationen stand wochenlang leer.

Wann eine Operation aufschiebbar ist, ist nicht immer eindeutig

Gleichzeitig mussten andere Patienten warten: Ihre Operationen wurden abgesagt, wenn sie nicht als äußerst dringlich eingestuft wurden. Allerdings ist nicht immer einfach zu sagen, wann ein Eingriff aufschiebbar ist. So sollen nach Recherchen der deutschen Krebshilfe bis zu 50.000 Krebsoperationen verschoben worden sein. Der Vorsitzende der Krebshilfe hatte im Interview mit der “Augsburger Allgemeinen” bezweifelt, dass dies “in allen Fällen medizinisch vertretbar” gewesen sei. Mittlerweile gibt es weniger Einschränkungen. Doch immer noch stehen auf deutschen Intensivstationen deutlich mehr Betten zur Verfügung, als für an Covid-19-Erkrankte oder andere Patienten benötigt werden.

Im Mai begann in den Krankenhäusern eine schrittweise Rückkehr zum Regelbetrieb. Allerdings hatte Spahn empfohlen, 25 Prozent der Intensivbetten weiterhin für potenzielle Covid-Patienten frei zu halten. Für eine bessere Planbarkeit der Notversorgung wurde zudem das DIVI-Intensivregister ausgebaut: Darin wird deutschlandweit die Belegung der Intensivbetten erfasst. Krankenhäuser sind mittlerweile verpflichtet, dort täglich ihre freien und belegten Betten zu melden.

Intensivbetten waren zu keinem Zeitpunkt ausgelastet

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Ein Blick in die älteren Zahlen des DIVI zeigt, wie sehr man sich beim Bedarf für Corona-Patienten verrechnet hatte. So mussten selbst in der Hochzeit des Corona-Ausbruchs in der ersten Aprilwoche nur zwischen 1200 und rund 2700 Patienten gleichzeitig intensivmedizinisch versorgt werden. Am Tag mit der höchsten Auslastung dieser Woche, dem 3. April, waren 13.346 Intensivbetten belegt, davon 2680 von Covid-Patienten. Gleichzeitig wurden 10.074 Betten in der Intensivmedizin als frei gemeldet.

Durchgängig wurden in der ersten Aprilwoche etwa 45 Prozent der Intensivbetten nicht genutzt. Das DIVI war zudem noch im Aufbau, sodass damals noch nicht einmal alle Betten erfasst wurden. Die deutsche Krankenhausgesellschaft geht davon aus, dass es zu Beginn des Corona-Ausbruchs etwa 28.000 Intensivbetten in Deutschland gab. Normalerweise seien 70 bis 80 Prozent davon belegt – einen Freistand von 20 bis 30 Prozent gab es also ohnehin schon. Der Bestand wurde aber sogar noch aufgestockt, der Staat hatte die Schaffung neuer Intensivbetten mit 50.000 Euro gefördert. Nach Definition der DKG gibt es derzeit 40.000 Betten zur intensivmedizinischen Betreuung, die aber immer noch nicht alle beim DIVI geführt sind, da es unterschiedliche Definitionen gibt. Benötigt werden auch die zusätzlichen Betten bisher jedenfalls nicht.

Momentan ist der Anteil der Covid-Patienten, die intensivmedizinisch behandelt werden müssen, verschwindend gering, obwohl wieder mehr Infektionen gemeldet wurden. An diesem Mittwoch wurden nur 228 von fast 21.832 belegten Intensivbetten von Covid-19-Patienten benötigt, gerade einmal ein Prozent, mehr als 8932 Betten standen leer, also immer noch fast 30 Prozent. Angesichts des geringen Bedarfs ist der hohe Leerstand kaum zu rechtfertigen, auch wenn sich nicht genau sagen lässt, inwieweit andere Patienten derzeit unterversorgt werden.

Stationäre Aufnahme von Covid-Patienten derzeit keine Herausforderung

Unklar ist momentan, wie es weitergehen soll. Für Betten, die frei gehalten werden, bekommen die Krankenhäuser derzeit noch eine Entschädigungspauschale zwischen 360 und 760 Euro pro Tag vom Bund. Die Regelung läuft Ende September voraussichtlich aus.

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Laut DKG stellt die stationäre Neuaufnahme von Covid-Patienten momentan “keine zunehmende Herausforderung” dar. Die Krankenhäuser holten derzeit viele verschobene Operationen nach, sagt DKG-Präsident Gerald Gaß. Er betont, auch in der Phase des harten Lockdowns hätten akut notwendige Behandlungen und Operationen stattgefunden. Bei neuen Infektionswellen werde man aber vermutlich eine andere Strategie fahren: “Ich kann mir nicht vorstellen, dass wir die Regelversorgung erneut so massiv zurückfahren werden”, sagt Gaß. Man wisse nun viel besser, mit welchem Behandlungsbedarf bei steigenden Infektionszahlen zu rechnen sei.

Krankenhäuser haben den Infektionsschutz im Griff

Ein Problem der letzten Monate sei auch, dass Patienten aus Angst vor einer Ansteckung Krankenhäuser und insbesondere Notaufnahmen gemieden oder zu spät aufgesucht hätten. Wie Zahlen des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO) belegen, haben während des Lockdowns weniger Menschen mit Schlaganfällen und Herzinfarkten zur Behandlung ein Krankenhaus aufgesucht. Gaß ist es daher wichtig, deutlich zu machen: “Krankenhäuser sind auch in einer Pandemie sicher und haben den Infektionsschutz im Griff, das müssen wir den Menschen vor Augen führen. Ein unentdeckter Schlaganfall ist erheblich gefährlicher als das theoretische Risiko einer Infektion.”

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