• Startseite
  • Gesundheit
  • Impostor-Syndrom: Ich habe Erfolg nicht verdient - Wie kann man dem Gefühl entkommen?

Impostor-Syndrom: Wie man dem Gefühl entkommt, Erfolg nicht verdient zu haben

  • Ständige Selbstzweifel und die Angst, als Hochstapler enttarnt zu werden – darunter leiden Betroffene des Impostor-Phänomens.
  • Besonders viele Frauen scheinen unter den übertriebenen Selbstzweifeln zu leiden. Männer sind allerdings genauso häufig betroffen, sprechen aber oft nicht darüber.
  • Der Schlüssel zur Besserung liegt darin, die eigenen Gedanken und Gefühle genauso anzuzweifeln wie die eigenen Leistungen, sagt die Impostor-Expertin Michaela Muthig.
Kristina Auer
|
Anzeige
Anzeige

Lohr/Wien. Die Bestnote im Studium? War pures Glück. Der erfolgreich abgeschlossene Auftrag? Wurde nur dank der fähigen Kollegen erreicht. Die Beförderung? Ein bloßer Zufall. Das sind typische Gedanken von Menschen, die am Impostor- oder Hochstaplerphänomen leiden. Dazu kommt die tägliche Angst, den Herausforderungen nicht gewachsen zu sein und sicherlich bald als Betrügerin oder Hochstapler entlarvt zu werden.

„Das typischste Merkmal für ein Impostor-Phänomen ist, dass die betroffenen Personen lernresistent sind – also, dass der Erfolgsdruck durch gelungene Herausforderungen nicht ab- sondern zunimmt“, sagt Michaela Muthig. Die Ärztin und Psychotherapeutin hat sich auf das Hochstaplerphänomen spezialisiert, im Mai erschien ihr neues Buch zum Thema mit dem Titel „Und morgen fliege ich auf“.

Der Tag Was heute wichtig ist. Lesen Sie den RND-Newsletter "Der Tag".
Anzeige

Ein gewisses Maß an Selbstzweifeln sei normal und sogar gesund, etwa in einem neuen Job oder bei wichtigen Aufgaben, erklärt Muthig. Mit der Zeit nähmen diese aber bei den meisten Menschen von selbst ab – nicht so beim Impostor-Phänomen. „Je mehr Erfolge, desto schlimmer wird es – die Betroffenen werden immer unsicherer und sind überzeugt: Beim nächsten Mal fällt auf, dass ich eigentlich gar nichts kann.“

Erfolg wird als Zufall verbucht

Wer am Hochstaplerphänomen leidet, kann persönliche Erfolge nicht den eigenen Leistungen oder Fähigkeiten zuschreiben, sondern begründet sie durch äußere Umstände: Glück, Zufall oder schlicht die Abwesenheit besserer Optionen oder Konkurrenten. Erstmals beobachtet und beschrieben wurde das Phänomen im Jahr 1978 von der US-amerikanischen Psychologin Pauline Rose Clance, die die Denkmuster zuerst an sich selbst und später an Studierenden in ihrer Beratungsstelle festgestellt hatte.

In der psychologischen Literatur beschrieben sei das Phänomen vor allem im beruflichen Kontext, so Muthig. Denkbar sei aber auch, dass es in der Partner- oder Elternschaft auftrete. Das Hochstaplerphänomen wird nicht als psychische Störung eingeordnet, sondern als Persönlichkeitsmerkmal, das durch unterschiedliche Umstände entstehen kann. Insofern ist es eigentlich kein „Syndrom“ – also ein Krankheitsbild – sondern eine Erscheinung, ein Phänomen.

Unklar ist, wie häufig das Phänomen auftritt. Werden die Symptome beschrieben, gäben zwar viele Menschen an, dass diese ihnen bekannt vorkämen, so Muthig. Allerdings seien die Selbstzweifel eines Impostors nach außen hin nicht unbedingt erkennbar. „Es gibt solche, die massive Kompetenz und Selbstbewusstsein ausstrahlen und andere, die ständig darüber sprechen, was sie falsch machen“, erklärt die Psychotherapeutin.

In psychologischen Untersuchungen wird geschätzt, dass zwischen 40 und 70 Prozent der erfolgreichen Menschen sich selbst als Hochstapler einstufen. Bei sehr erfolgreichen Menschen werde das Phänomen besonders auffällig: „Dann ist die Diskrepanz zwischen Außen- und Selbstwahrnehmung am deutlichsten“, sagt Muthig.

Michaela Muthig ist Fachärztin für Allgemeinmedizin und Psychosomatik mit Schwerpunkt Verhaltenstherapie und Autorin des Buchs „Und morgen fliege ich auf“ über das Impostor-Phänomen. © Quelle: privat

Die Ursachen für ein Impostor-Phänomen können sehr unterschiedlich sein. Laut Muthig erhöht ein „Persönlichkeitscocktail“ aus gewissen Eigenschaften die Wahrscheinlichkeit, dass das Problem auftritt. So seien etwa introvertierte Charaktere öfter betroffen, weil sie ihre Selbstwahrnehmung weniger mit anderen abgleichen. Auch ein Hang zur Perfektion, ein schwacher Selbstwert oder Neurotizismus – also eine eher negative Grundhaltung – können das Auftreten begünstigen.

Homeoffice und soziale Medien verstärken das Impostor-Phänomen

Anzeige

Fest steht für Muthig: Das Impostor-Phänomen wird durch die Wahrnehmung beeinflusst. „Wenn man sich die ganze Zeit auf die eigenen Fehler konzentriert und die der anderen nicht bemerkt, kommt man automatisch zu dem Schluss: Ich bin ein Versager“, so die Medizinerin. Auch soziale Medien und die Arbeit im Homeoffice, bei der weniger Rückmeldungen durch Kollegen und Vorgesetzte vermittelt werden, könnten die Ängste von vermeintlichen Hochstaplern verstärken.

Auch Erfahrungen und Prägungen in der Kindheit können die extremen Selbstzweifel hervorrufen. Ein hoher Leistungsanspruch in der Familie könne etwa dazu führen, dass der Selbstwert von den eigenen Leistungen abhängig gemacht werde. „Wenn ein Kind in eine bestimmte Rolle gedrängt wird oder zu früh Verantwortung übernehmen muss, kann dies ein Überforderungsgefühl hervorrufen, das sich durch das ganze Leben zieht“, erklärt Muthig.

Frauen sind nicht häufiger vom Impostor-Syndrom betroffen

Ist das Hochstaplerphänomen ein spezifisch Frauen betreffendes Problem? Tatsächlich wurde das Persönlichkeitsbild bereits von Pauline Clance an Frauen beobachtet. Auch die US-amerikanische Impostor-Spezialistin Valerie Young schreibt das Phänomen besonders erfolgreichen Frauen zu. „Es beginnt schon sehr früh, dass das Selbstbewusstsein von Jungen oft besser gefördert wird als das von Mädchen“, sagt die Psychologin Brigitte Schigl. Studien zeigten etwa, dass Jungen ihre physischen Fähigkeiten schon zu einem Zeitpunkt als deutlich stärker als die von Mädchen einschätzten, wenn noch keine körperlichen Kraftunterschiede vorhanden sind, so die Expertin für Genderfragen in der Psychologie.

In ihren Impostor-Coachings gebe es teils mehr männliche Teilnehmer als weibliche, betont dagegen die Psychotherapeutin Michaela Muthig. „Viele Frauen berichten, dass sie die Gefühle und Gedanken kennen – trotzdem ist es nicht so, dass Frauen häufiger betroffen sind“, so die Spezialistin für das Hochstaplerphänomen.

Auch Männer sind betroffen, sprechen aber seltener darüber

Der Grund hierfür liege in den Geschlechterrollen und ihren Zuschreibungen. Für Frauen sei es nicht so irritierend, Selbstzweifel zuzugeben. Zudem würden sie eher dazu ermutigt, über Probleme zu sprechen. „Männer betrifft es genauso, sie sprechen nur seltener darüber“, weiß Muthig. Auch die Genderpsychologin Schigl merkt an: „Männer haben ebenso hohe Selbstwertprobleme, aufgrund ihres Rollenverhaltens rücken sie damit aber viel weniger heraus.“

Einig sind sich beide Psychotherapeutinnen darüber, dass auch Vorbilder – ob in der Kindheit oder im beruflichen Umfeld – Einfluss auf die eigene Selbsteinschätzung haben können. „Wenn in Kinderfilmen immer die Burschen die Abenteuer erleben, bei Spielzeug die männlichen Figuren Feuerwehrleute und Monteure sind und die weiblichen Krankenpflegerinnen, dann macht das auf einer unbewussten Ebene etwas mit den Kindern“, erklärt Schigl.

Ähnlich kann sich dies später im Berufsleben auswirken. Neuere Untersuchungen legen nahe, dass auch das Geschlechterverhältnis sowie weitere Aspekte von Diversität am Arbeitsplatz in Bezug auf die Selbsteinschätzung eine Rolle spielen. Muthig geht von einer inneren Anlage aus, die durch äußere Umstände getriggert werden kann. „Wenn ich zum Beispiel die einzige Frau in der Führungsebene bin, oder die einzige schwarze Studentin in meinem Studiengang, kann das Selbstzweifel verstärken“, sagt Muthig.

Fokus von Fehlern auf Stärken verschieben

Wie können Betroffene ihre Zweifel und Ängste überwinden? „Wir müssen lernen, alles anzuzweifeln, was wir über uns selbst denken“, sagt Muthig. Im Zweifeln seien die Betroffenen zwar sehr gut, jedoch nicht, was die eigenen Gefühle und Gedanken angeht. Wer sie hinterfrage, könne erkennen: „Ein Gefühl ist nur ein Gefühl und muss nicht stimmen – Angst ist nicht der Beweis, dass ich nichts kann“, so die Expertin.

Außerdem sei es wichtig, den Fokus zu verschieben und bei allen Fehlern, die man an sich selbst entdecke, auch aktiv nach Stärken und Erfolgen zu suchen. Es könne helfen, diese Punkte schriftlich festzuhalten, um belastbare Beweise in der Hand zu haben. Diese könne man sich dann immer wieder vor Augen führen, so die Psychotherapeutin.

„Professionelle Hilfe sollte man suchen, wenn bereits eine Folgeerkrankung des Hochstaplerphänomens entstanden ist“, sagt Muthig. Das könne etwa eine Depression, eine soziale Angststörung oder ein Burnout sein. Aufmerksam werden müsse man, wenn Schlafstörungen, negatives Gedankenkreisen oder ein dauerhaft hohes Stressgefühl aufträten. Ist der Leidensdruck weniger hoch, böten auch Ratgeberbücher oder Coaching-Programme eine gute Möglichkeit, um die Hochstaplergefühle in den Griff zu bekommen, rät Muthig.

  • Laden Sie jetzt die RND-App herunter, aktivieren Sie Updates und wir benachrichtigen Sie laufend bei neuen Entwicklungen.

    Hier herunterladen