Impfung von Kindern: Der Bedeutungsverlust der Stiko ist ein Problem

  • Die Ständige Impfkommission hat noch kein abschließendes Urteil zur Impfung von Kindern gefällt.
  • Doch in der Politik ist die Entscheidung längst gefallen.
  • Das bürdet Eltern plötzlich eine deutlich größere Verantwortung auf, kommentiert Anna Schughart.
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Was zählt eigentlich noch das Urteil der Stiko? Vor rund anderthalb Jahren hätten wohl die wenigsten Menschen in Deutschland überhaupt gewusst, was die Ständige Impfkommission ist – geschweige denn, was sie tut. Das hat sich im Laufe der Corona-Pandemie geändert. Ihre Empfehlungen bezüglich des Corona-Impfstoffs sind zwar nicht bindend, aber richtungsweisend und gerade für Ärzte und Ärztinnen relevant. Doch die politischen Entscheidungsträgerinnen und -träger scheinen immer weniger darauf zu geben.

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Corona-Impfung von Kindern: Stiko gibt wohl keine Empfehlung ab
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Ein Beschluss der Stiko und eine offizielle Bekanntgabe der Empfehlung mit wissenschaftlicher Begründung ist Mertens zufolge kommende Woche zu erwarten.  © dpa
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Besonders offensichtlich wird das gerade bei der Frage nach den Impfstoffen für Kinder. Ein abschließendes Urteil liegt hier seitens der Experten und Expertinnen noch nicht vor. Doch der Einsatz ist schon längst beschlossen, Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) will Kinder und Jugendliche auch ohne eine allgemeine Stiko-Empfehlung in die Impfkampagne einbinden.

Es ist nicht das erste Mal, dass die Politik wenig auf die Bedenken der Impfkommission zu geben scheint. Schon die Aufhebung der Impfpriorisierung zum 7. Juni hatte die Stiko nicht begrüßt. Und sie empfiehlt bis heute den Impfstoff von Astrazeneca eigentlich im Grunde nur für Menschen, die älter als 60 Jahre sind.

Die Verwirrung ist fatal

Politik und Expertenmeinung – sie scheinen in Sachen Impfstoff nur noch wenig miteinander zu tun zu haben. Es ist ein krasser Gegensatz zum Beginn der Pandemie. Die Angst, Deutschland würde künftig von Virologen und Virologinnen regiert, muss tatsächlich heute niemand mehr haben. Im Gegenteil: Zahlreiche medizinische Fachgesellschaften sahen sich vor Kurzem dazu gezwungen, eine Stellungnahme zu veröffentlichen, in der sie die „zentrale Bedeutung“ der Stiko „für wissenschaftlich fundierte und Evidenz-verpflichtete Impfempfehlungen“ betonen.

Tatsächlich ist der Bedeutungsverlust der Stiko problematisch. Manche Eltern sind womöglich froh darum, nicht auf eine zögerliche Stiko warten zu müssen und ihre Kinder schon bald gegen Covid-19 impfen lassen zu können. Doch viele fragen sie nun zu Recht, auf wessen Meinung sie jetzt eigentlich hören sollen. Mit dem Entschluss, die Kinder trotzdem schon in die Impfkampagne aufzunehmen, bürdet man den Eltern plötzlich eine deutlich größere Verantwortung auf, ohne ihnen ausreichend Entscheidungshilfen an die Hand zu geben.

Gerade wenn es um Impfungen geht, gerade wenn es um Kinder geht, ist diese Verwirrung fatal. So schafft man kein Vertrauen. In dieser Hinsicht wäre es daher besser gewesen, die Einschätzung der Stiko abzuwarten und sich währenddessen der Aufgabe zu widmen, die Schulen auf den Herbst vorzubereiten. Denn auch dann braucht es wohl wieder Konzepte, wie man dem Virus in den Schulen begegnet – mit und ohne Impfung.

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