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  • Kinder nicht impfen: Warum einige Eltern Impfgegner sind und ob die Masern-Impffpflicht dagegen hilft

“Impfen ist eine soziale Handlung”

  • Seit März gilt in Deutschland die Masern-Impfpflicht.
  • Dennoch lehnen 2 Prozent aller Eltern die Impfung ihrer Kinder ab.
  • Das hat Folgen für die Gesundheit der gesamten Gesellschaft.
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Sie sind wenige. Aber sie sind laut. Und sie finden Gehör – in Medien, bei Verlagen und nicht zuletzt bei anderen Eltern, die auf ihre Thesen entweder mit Zorn oder Verunsicherung reagieren. Mütter und Väter, die Impfungen eher oder auch völlig ablehnen, machen einer Erhebung der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung zufolge gerade mal 2 Prozent aller Eltern aus. Dennoch hatten sie einen großen Anteil daran, dass die deutsche Politik reagiert hat – und zum 1. März eine teilweise Masern-Impfpflicht erlassen hat. Schul- und Kindergartenkinder sowie Erzieher, Lehrer und medizinisches Personal müssen nun einen ausreichenden Impfschutz nachweisen. Erstmals gibt es im wiedervereinigten Deutschland nun den Zwang, seine Kinder impfen zu lassen.

Aber wird das nun auch die Skeptiker überzeugen und die Bereitschaft erhöhen, sich und seine Kinder auch gegen andere Krankheiten impfen zu lassen?

Mehrheit folgt den Empfehlungen der Stiko

Impfen ist eines der wohl emotionalsten Themen – nur dass die Hitzigkeit der Diskussionen nicht daher rührt, dass so viele Eltern am Nutzen der Impfungen zweifeln. Im Gegenteil: Die weit überwiegende Mehrheit folgt den Empfehlungen der Ständigen Impfkommission (Stiko), jener Expertengruppe, die jährlich bekannt gibt, welche Impfungen aus wissenschaftlicher Sicht ratsam sind. Nur trifft jeder, der sich oder sein Kind nicht impfen lässt, diese Entscheidung nicht nur für sich, sondern für andere gleich mit – weil er die Ausrottung der Krankheit und die Bildung einer sogenannten Herdenimmunität erschwert.

Impfungen sind nicht nur “effektiv und retten Leben”, wie die Psychologin Cornelia Betsch von der Universität Erfurt sagt. “Sie sind auch eine soziale Handlung.” Genau dieser Aspekt ist deutschen Eltern aber weit weniger bewusst als etwa asiatischen, haben Betschs Forschungen ergeben. Sie hat die Gründe für fehlende Impfbereitschaft analysiert – und stieß darauf, dass die Debatte in Deutschland von Irrtümern und Fehlwahrnehmungen geprägt ist.

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Die meisten Eltern orientieren sich an den Impfempfehlungen der Ständigen Impfkommission (Stiko). © Quelle: imago images/photothek

Zweite Masernimpfung fehlt oft

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Zweifellos gibt es hierzulande beim Impfen tatsächlich ein Problem. Bereits 2011 wurde im Nationalen Impfplan ein Ziel von 95 Prozent für Masern, Mumps, Röteln, Keuchhusten und Hepatitis B festgeschrieben. Doch diese Marke hat Deutschland bis heute nicht erreicht. So sind die Quoten zwar insgesamt gestiegen, 97,4 Prozent der Kinder und Jugendlichen haben heute die erste Masernimpfung erhalten. Über die für den vollständigen Schutz nötige zweite Impfung verfügen aber nur 93,6 Prozent – zu wenig, um die Krankheit zu eliminieren.

Bei der Ursachenforschung stehen oft die Impfgegner im Zentrum der Debatte, konstatiert Betsch, doch seien diese nur zum Teil für die niedrigen Impfquoten verantwortlich. Es gebe nicht immer mehr Impfgegner.

Der Eindruck einer Zunahme entstehe auch dadurch, dass Medien oft dazu neigten, in Beiträgen einem Befürworter einen Impfgegner gegenüberzustellen. So entstehe zwar eine “Balance der Meinungen”, nicht aber eine “Balance der Evidenz”, also eine Ausgeglichenheit der Tatsachen, meint Betsch. Tatsächlich schätzt die weit überwiegende Zahl der Wissenschaftler den Nutzen von Impfungen weit höher ein als das Risiko.

Für einen vollständigen Masernschutz muss zweimal geimpft werden. Darüber verfügen aber nur 93,6 Prozent – zu wenig, um die Krankheit zu eliminieren. © Quelle: Jens Kalaene/dpa-Zentralbild/dpa

Praktische Barrieren sind mit ein Grund fürs Nichtimpfen

Laut Studien der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung ist es eine Vielzahl von Gründen, an denen das Impfen letztlich scheitert – angefangen beim fehlenden Vertrauen in die Impfungen über das Unwissen, wie gefährlich eine Krankheit überhaupt ist, bis zum Irrglauben, es reiche, wenn sich alle anderen impfen lassen.

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Der überraschendste Befund aber ist wohl dieser: “Praktische Barrieren sind für alle Zielgruppen ein relevanter Grund für das (Nicht-)Impfen”, erklärte Betsch im Gesundheitsausschuss des Bundestags, “bisweilen sogar der einzige.” Weit seltener also als zum Beispiel der Mythos von der Pharmaindus­trie, die der Stiko aus Profitgier ihre Empfehlungen diktiere, sind es sehr alltagsnahe Gründe, welche Menschen vom Impfen abhalten: der weite Weg zur Praxis, die Unlust, im Wartezimmer auszuharren, oder ganz schlicht, dass man gar nichts von einer fehlenden Impfung weiß.

Ein Erinnerungssystem könnte Eltern auf die notwendige Nachimpfung hinweisen. © Quelle: imago/argum

Betsch plädiert deshalb für Erinnerungssysteme, mit denen Ärzte ihre Patienten (und sich selbst) rechtzeitig an fällige Impfungen erinnern, oder auch für das fächerübergreifende Impfen, bei dem ein Arzt alle Impfungen vornehmen kann, wie es im Gesetz jetzt auch enthalten ist. “Impfen muss einfacher werden”, folgert Betsch, “und kommunikative Bemühungen müssen verstärkt und verbessert werden.” Erst wenn Impfen so bequem ist wie nicht zu impfen, so klingt es, komme man dem Ziel wieder ein Stück näher.

Eine Impfpflicht sieht Betsch ebenso wie zum Beispiel der Deutsche Ethikrat kritisch – auch weil der Zwang an der einen Stelle durchaus zum Trotz an anderer Stelle führen kann. 13 Prozent der Deutschen gelten als Impfskeptiker – sie lehnen Impfungen nicht rundheraus ab, gehen aber gerne auf Distanz zu den offiziellen Empfehlungen. “Personen mit einer negativen Einstellung reagieren besonders negativ auf eine Impfpflicht, zum Beispiel mit dem Auslassen weiterer Impfungen”, prophezeit Betsch.

Neue Impfungen lassen sich schwer verbreiten

Eine solche Trotzreaktion wäre allerdings das Schlechteste, was dem Impfgedanken in Deutschland passieren könnte – gerade weil zuletzt immer mehr Impfungen dazugekommen sind, bei denen die Impfwächter auf freiwillige Kooperation setzen müssen. So hat die Stiko 2006 die Impfungen gegen Meningokokken der Serogruppe C, Pneumokokken und eine erste Auffrischung gegen Keuchhusten im Vorschulalter mit in die Empfehlungen aufgenommen. Zuletzt wurden die Impfung gegen Rotaviren (2013) sowie gegen Humane Papillomviren (HPV) für Mädchen (2007) und für Jungen (2018) hinzugefügt.

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Gerade die HPV-Impfung ist aber auch ein Beispiel dafür, wie schwierig es ist, neue Impfungen in der Bevölkerung zu verbreiten. Bei den Humanen Papillomviren ist der Zusammenhang zum Gebärmutterhalskrebs belegt, ein Zusammenhang mit anderen Krebsarten ist wahrscheinlich. Dennoch liegt die Impfrate bei Mädchen noch immer bei unter 40 Prozent. “Die Impfung”, beklagte zuletzt der Nobelpreisträger Harald zur Hausen, der für seine Forschungen zum Zusammenhang von Viren und Krebs den Nobelpreis erhalten hatte, “ist leider immer noch zu unbekannt.”

“Staat, Sex, Amen”
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