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Impf-Skepsis wegen Falschinformationen: Osteuropa leidet unter Welle von Corona-Neuinfektionen

Nur ungefähr ein Drittel der 146 Millionen Einwohner Russlands sind voll gegen das Coronavirus geimpft.

Nur ungefähr ein Drittel der 146 Millionen Einwohner Russlands sind voll gegen das Coronavirus geimpft.

Kiew. Lastwagenfahrer Andrij Melnik hat das Coronavirus nie ernst genommen. Zusammen mit einem Freund kaufte sich der Ukrainer eine gefälschte Impfbescheinigung für seine Transportfahrten in andere Teile Europas. Seine Sichtweise änderte sich, als sich sein Freund infizierte und auf einer Intensivstation beatmet werden musste. „Es ist kein Märchen. Ich sehe, dass diese Krankheit tötet...Nur ein Impfstoff kann Schutz bieten“, sagte der 42-Jährige kürzlich, als er in Kiew auf seine Injektion wartete.

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Erst ein Drittel der Russen geimpft

Die Ukraine wie auch andere Teile Osteuropas und Russland leiden unter einer Welle von Neuinfektionen. Es steht zwar reichlich Impfstoff zur Verfügung, aber verbreitet zögern die Menschen, ihn zu nutzen - mit einigen Ausnahmen, darunter die baltischen Staaten, Polen, Tschechien, Slowenien und Ungarn.

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Russland hat just 1159 Todesfälle binnen 24 Stunden verzeichnet, seine höchste tägliche Opferzahl seit Beginn der Pandemie. Nur ungefähr ein Drittel der 146 Millionen Einwohner sind voll geimpft. Der Kreml hat jetzt angeordnet, dass Berufstätige eine Zeitlang zu Hause bleiben, angefangen in dieser Woche bis zum 7. November.

Schwarzmarkthandel mit Impfdokumenten

In der Ukraine haben nur 16 Prozent der Erwachsenen ihre zwei Impfdosen erhalten - die zweitniedrigste Rate in Europa nach Armenien mit etwa sieben Prozent. Lehrer, Regierungsangestellte und andere Beschäftigte müssen laut einer Vorschrift bis zum 8. November voll geimpft sein, andernfalls wird ihnen das Gehalt gestrichen. Und wer fliegen, einen Zug oder Fernbus benutzen will, muss eine Impfung oder einen negativen Covid-Test nachweisen.

Die Maßnahmen haben zu einem blühenden Schwarzmarkthandel mit gefälschten Impfdokumenten geführt, die Preise pro Bescheinigung entsprechen 85 bis 260 Euro. Es gibt sogar eine gefälschte Version der digitalen App der Regierung mit bereits installierten unechten Impfzertifikaten, wie Mychailo Fedorow, Minister für digitale Transformation, sagt. Dem Innenministerium zufolge wird insgesamt in 800 Fällen ermittelt.

Krankenhäuser vor Belastungsgrenzen

Die niedrige Impfrate mit einer rapiden Ausbreitung von Covid-19 als Folge hat das ohnehin strapazierte Gesundheitssystem der Ukraine zusätzlich belastet. Die chirurgische Abteilung eines Krankenhauses in Biliaiwka nahe Odessa am Schwarzen Meer betreut jetzt beispielsweise ausschließlich Corona-Patienten, 50 der 52 Betten sind belegt, Medikamente und Sauerstoff knapp, mehrere Beschäftigte haben ihre Arbeit aufgegeben. „Wir stehen am Rande einer Katastrophe“, sagt Serhij Schwets, Chef der Abteilung. „Aggressive Impfgegner“ und Mangel an Finanzen seien dafür verantwortlich.

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In der 120-Betten-Klinik in der westlichen Stadt Tscherniwtsi sieht es ähnlich aus, die Ärztin Olha Kobewko hat es nach eigenen Angaben mit 126 schwer erkrankten Patienten zu tun. „Ich weine vor Verzweiflung, wenn ich sehe, dass 99 Prozent der Patienten in ernstem Zustand nicht geimpft sind“, sagte die Spezialistin für Infektionskrankheiten.

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Ärztin: Mehr Patienten in Dreißigern oder Vierzigern

Kobewko zufolge scheint die derzeitige Welle besonders tödlich zu sein, in ihrem Krankenhaus würden täglich 10 bis 23 Patienten sterben, während es im vergangenen Frühjahr weniger als sechs gewesen seien. Der Anteil von Patienten in ihren Dreißigern oder Vierzigern sei deutlich gewachsen.

Die Ärztin führt die Entwicklung auf Skepsis gegenüber dem Impfen zurück, beeinflusst von sozialen Medien und religiösen Überzeugungen. „Falsche Geschichten haben sich weit verbreitet, lassen Leute an Mikrochips und genetische Mutationen glauben“, klagt sie. „Einige orthodoxe Priester haben offen und offensiv dazu aufgerufen, sich nicht impfen zu lassen, und soziale Netzwerke sind voll von den absurdesten Gerüchten.“

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Falschinformationen bedrohen die Impfkampagne

Lidio Buiko will sich impfen lassen, mit dem chinesischen Impfstoff Sinovac. Sie zitiert - irrsinnige - Angaben, nach denen westliche Vakzine Mikrochips enthalten, um die Bevölkerung zu kontrollieren. „Priester haben uns dazu aufgerufen, es sich zwei Mal zu überlegen, bevor man sich impfen lässt - es würde unmöglich sein, den Mikrochip loszuwerden“, sagt die 72-Jährige.

Muhrat Sahin, Vertreter des Kinderhilfswerks Unicef in der Ukraine, nennt Falschinformationen eine wachsende Bedrohung für die Impfkampagne im Land und damit für die Gesundheit. Es stehe so viel auf dem Spiel, warnt er. Und nicht nur in der Ukraine: Auch woanders in Osteuropa herrscht ähnliche Skepsis, primär angetrieben durch Falschinformationen im Internet, religiöse Ansichten und Misstrauen gegenüber Behörden.

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Die Risiken einer Impfung seien geringer als die Risiken einer Infektion und Erkrankung, erklärte das Gremium am Dienstag.

Nächtliche Ausgangssperre in Rumänien

So viele hätten Angst vor den Vakzinen, „wegen der immensen (Menge von) falschen Informationen, die soziale Medien und das Fernsehen überflutet haben“, sagte zum Beispiel Dragos Zaharia vom Marius Nasta Institute of Pneumology in der rumänischen Hauptstadt Bukarest. „Jeden Tag sehen wir Menschen auf unserer Station sterben.“

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In Rumänien, wo etwa 35 Prozent der Erwachsenen zwei Impfdosen erhalten haben, sind diese Woche eine Reihe von Schutzmaßnahmen in Kraft getreten, darunter eine nächtliche Ausgangssperre, eine 30-tägige Schließung von Bars und Clubs und die Pflicht zum Maskentragen in der Öffentlichkeit.

Georgien startet Lotterie als Anreiz

Bulgarien, wo nur 25 Prozent der Erwachsenen voll geimpft sind, hat nach offiziellen Statistiken in den vergangenen zwei Wochen die höchste Covid-Sterberate innerhalb der EU verzeichnet, 94 Prozent der Toten waren ungeimpft. In Georgien mit einer Immunisierungsrate von 33 Prozent haben die Behörden jetzt als Anreiz eine Lotterie mit Bargeldpreisen für Geimpfte gestartet.

Melnik, der ukrainische Lastwagenfahrer, braucht keinen solchen Ansporn, er hat seine Lektion gelernt. Man könne Covid nicht durch Mogeln besiegen, sagt er. „Du kannst eine gefälschte Bescheinigung kaufen, aber keine Antikörper.“

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RND/AP

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