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Junge Erwachsene und ihr Impffrust: „So langsam bin ich es müde, mich darüber aufzuregen“

  • Von allen Generationen gehören sie mit zu denen, die wohl die Corona-Maßnahmen noch deutlich länger mittragen müssen: junge Erwachsene.
  • Seit mehr als einem Jahr leben sie mit den Einschränkungen – doch ein Impftermin ist für viele von ihnen nicht in Sicht.
  • Junge Erwachsene berichten, wie es ihnen damit geht.
Sabrina Lösch
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Hannover. Die einen dürfen sich impfen lassen, warten aber auf ein bestimmtes Vakzin. Die anderen würden jeden Impfstoff annehmen, müssen sich aber ganz hinten in der Warteschlange anstellen. Und während Geimpfte und Genesene inzwischen teilweise ihre Freiheiten zurückerhalten, müssen sich junge Erwachsene häufig noch weiter gedulden.

Ein Impftermin ist für viele von ihnen noch in weiter Ferne. Das RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) hat bei Menschen dieser Generation nachgefragt, wie sie zum Impfen stehen – und wie es Ihnen während der Corona-Krise geht.

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So berichtet ein 28-jähriger Mann aus Berlin:

Meine Freundin ist chronisch krank. Ihre Muskelschwäche hat auch negative Auswirkungen auf ihre Lunge – damit zählt sie zur Risikogruppe. Einen Impftermin bekam sie jedoch erst, als ihre Hausärztin Druck gemacht hat. Ein anderer „chronisch“ Kranker in meinem Umfeld hat hingegen im April einfach so einen Termin erhalten. Er ist 30 und hat Rückenbeschwerden. Das wirft die typischen Fragen zur Fähigkeit der Behörden auf, aber so langsam bin ich es müde, mich darüber aufzuregen.

Ich selbst bin als gesunder junger Mann natürlich auch nicht zum Impfen geladen worden, habe mich aber auch nicht intensiv um eine Impfung mit Astrazeneca bemüht. Zu meinem Glück erhielt ich einen nicht namensgebundenen Einladungscode von einem nicht impfwilligen Mitbürger. Ich werde also noch diese Woche geimpft, meine Freundin ist heute dran. Manchmal denke ich zwar, das sei nicht rechtens, dass ich mich vordrängle. Aber ich kann das vor mir selbst mit dem Schutz meiner Familie rechtfertigen. Die ganze Zeit über haben wir unsere kleine Tochter nicht in die Kita gegeben, obwohl sie eigentlich gedurft hätte. Das Risiko einer Infektion hätten wir aber nicht eingehen können.

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Corona-Impfung: Tausende versuchen sich vorzudrängeln
0:51 min
Tausende Menschen versuchen mit Tricks oder sogar falschen Angaben frühzeitig an einen Impftermin zu kommen. Strafen gibt es dafür bisher nicht.  © dpa

Wenig Anerkennung trotz hoher Eigenverantwortung

„Es gibt ein hohes Verantwortungsbewusstsein in der Pandemie, aber auch eine große Frustration darüber, wie das Leben gerade reduziert ist“, sagt die Hildesheimer Sozialpädagogin Severine Thomas im Gespräch mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND).

So berichtet etwa Kim (29) aus Berlin, wie sehr sie sich vergessen fühlt. Seit mehr als einem Jahr trägt sie die Corona-Maßnahmen mit. Sie habe sehr viel aufgegeben. Dem RND sagte sie:

Mein Leben in Berlin mit vielen Partys, Freunden und Reisen wurde durch Corona komplett umgekrempelt. Aus Solidarität mit den Risikogruppen habe ich sehr viel aufgegeben. Ich wünsche mir nichts sehnlicher, als sofort geimpft zu werden. Aber ich muss warten – wer weiß, wie lange noch. Dass andere jetzt schon viele Freiheiten zurückbekommen sollen, fühlt sich irgendwie unfair an. In der öffentlichen Debatte geht es immer nur um Ältere, die wir schützen müssen, Kinder, die Bildung brauchen, Familien, die entlastet werden müssen, und die Wirtschaft, die aufrechterhalten werden soll. Das ist auch alles richtig. Aber ich bin auch ein Mensch, der vieles opfert. Es ist schon deprimierend, dass eine große Gruppe der Gesellschaft aus dem öffentlichen Diskurs ausgeblendet wird.

Für Paul (25) aus Dresden ist die Situation zwar noch tragbar – doch auch er zweifelt daran, dass das auch in den nächsten Monaten so bleiben wird. Einerseits befürwortet er die Aufhebung der Einschränkungen für Geimpfte. Gleichzeitig könne es frustrierend werden, wenn „die Einschränkungen für die eine Hälfte der Bevölkerung entfallen und für die andere nicht“.

Er sagt:

Ich würde mich freuen, so bald wie möglich geimpft zu werden, natürlich auch mit Astrazeneca. Das wird aber wohl noch eine Weile dauern. Die Impfpriorisierung halte ich grundsätzlich für sinnvoll, da ja so gefährdete Menschen geschützt werden. Aus meiner Sicht gibt es keinen Grund, Geimpfte und Genesene weiter in ihren Grundrechten einzuschränken. Wichtig ist nur, dass trotzdem zügig weiter geimpft wird. Nur die Ausgangssperre finde ich fragwürdig. Den Sinn hinter der Maßnahme verstehe ich. Es kann aber sein, dass es mich irgendwann traurig macht, wenn die Einschränkungen für die eine Hälfte der Bevölkerung entfallen und für die andere nicht.

Astrazeneca? Ja, bitte!

Die Ständige Impfkommission (Stiko) empfiehlt das Vakzin von Astrazeneca nur noch für Menschen über 60 Jahren. Doch zum Schutz der Gesellschaft und auch aus Eigeninteresse würden sich auch junge Menschen damit impfen lassen. So sagt zum Beispiel die 28-jährige Maike aus Berlin:

Ich gehöre keiner Prioritätsgruppe an, da ich im Homeoffice arbeite und mit niemandem in Kontakt treten muss, der gefährdet ist. Aus egoistischen Gründen würde ich mich natürlich gerne schnell impfen lassen, um die damit verbundenen Freiheiten genießen zu können. Trotzdem finde ich die Priorisierung richtig und wichtig, weil wir gefährdete und ältere Menschen schützen müssen. Da gehört ja auch dazu, jene zu impfen, die solche Menschen betreuen.

Ich würde mich auch aus solidarischen Gründen impfen lassen, auch mit Astrazeneca. Ich habe ja auch über Jahre hinweg die Pille genommen, ohne zu wissen, welche Auswirkungen das auf meinen Körper hat. Da scheint mir eine Impfung das kleinere Übel, um die Gesellschaft zu schützen. In meiner privilegierten Situation empfinde ich keinen Neid. Und ich akzeptiere, dass ich kein Vorrecht auf eine Impfung habe. Darum würde ich mich auch nicht vordrängeln.

„Ich habe absolut keine Lust, mich zu infizieren“

Auch der 27-jährige Felix aus Dresden, würde sich mit Astrazeneca impfen lassen.

Ich kann es kaum erwarten, meine Impfung zu bekommen. Auch Astrazeneca würde ich dankend annehmen. Zum einen schütze ich damit meine Mitmenschen, zum anderen mich selbst vor dem Virus. Ich habe nämlich absolut keine Lust, mich zu infizieren. Covid-19 ist auch für jüngere Menschen gefährlich – die Beispiele dafür häufen sich.

Ähnlicher Ansicht ist auch Lisi aus Wien. Die 26-Jährige ist Krankenschwester. Wie auch in Deutschland zählt sie in Österreich damit zur ersten Prioritätsgruppe. Bereits im März erhielt sie ihre zweite Covid-19-Impfung und ist seither vollständig immunisiert. Sie hat das Vakzin von Pfizer erhalten, hätte aber auch Astrazeneca angenommen. „Zu diesem Zeitpunkt war der Impfstoff aber noch nicht so in Verruf geraten“, erzählte sie dem RND. Dass nun aber der Impfstoff von vielen abgelehnt würde, könne sie zwar nachvollziehen – doch sie findet es schade, da dieser Wirkstoff ausreichend Schutz biete.

Undurchsichtige Strukturen bei der Terminvergabe

Über die undurchsichtigen Entscheidungswege bei der Impfterminvergabe ärgert sich Matthias aus Berlin. Der 34-Jährige hat zwar einen Termin für Mitte Juni. Seine 60 Jahre alte Mutter in München hat hingegen noch keine Aussicht auf eine baldige Impfung. Obwohl sie an einer Vorerkrankung leidet.

Scheinbar zähle ich jetzt zur Prioritätsgruppe drei, weil ich an einer Hochschule tätig bin. Und weil ich in Berlin lebe, habe ich jetzt sogar einen Termin bei einem Impfzentrum bekommen – mit Moderna. Die Termine sind Mitte Juni und Ende Juli. Klingt zwar gut. Aber meine Mutter in München, 60 mit Vorerkrankungen, ist auch in der dritten Gruppe und hat bis jetzt keinen Termin bekommen. Ihr Arzt hat ihr davon abgeraten, sich mit Astrazeneca impfen zu lassen, und zu einem der mRNA-Impfstoffe geraten.

Klar, ich bin froh, dass ich einen Impftermin habe. Aber am Ende bin ich dann vor meiner Mutter geimpft, obwohl es für sie viel wichtiger wäre. So etwas darf eigentlich nicht passieren. Eine bundesweit zentrale Regelung würde dem entgegenwirken.

Normalität erst im Herbst?

Ein Stück Normalität kehrt erst zurück, wenn die Impfquote in Deutschland steigt und die Zahl der Infizierten sinkt. Laut Jugendforscher Klaus Hurrelmann könne dies bestenfalls im Herbst 2021 so weit sein. Dem RND sagte er im Gespräch: „Das würde reichen, um etwas nachzuholen und sich mit der Frage auseinanderzusetzen: Wie ist mein Leben als junge Frau oder junger Mann?“ Viele Dinge, die nun auf der Strecke blieben, seien auch in einer Zeit nach der Pandemie noch zu bewältigen.

RND mit dpa

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