Immunologe: „Jeder Corona-Impfstoff ist besser als keine Impfung“

  • Der Corona-Impfstoff von Astrazeneca hat in Deutschland keinen guten Ruf.
  • Dabei ist das Vakzin genauso wirksam und sicher wie seine Konkurrenz.
  • Im RND-Interview erklärt der Immunologe Prof. Carsten Watzl, warum die Bedenken um den Astrazeneca-Impfstoff unbegründet sind und es einen flexiblen Umgang mit der Priorisierung braucht.
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Der Corona-Impfstoff des britisch-schwedischen Pharmakonzerns Astrazeneca erfreut sich aktuell keiner großen Beliebtheit. Nur 2 Prozent der Deutschen würden sich mit dem Vektorvakzin impfen lassen wollen, zeigt eine Umfrage im Rahmen der Cosmo-Studie der Uni Erfurt. Knapp die Hälfte der Befragten präferiert stattdessen den Impfstoff von Biontech und Pfizer.

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In einer Stellungnahme wirbt jetzt die Deutsche Gesellschaft für Immunologie (DGfI) für die Sicherheit und Wirksamkeit der in Europa zugelassenen Corona-Impfstoffe – und appelliert an die Bürger, sich impfen zu lassen. Prof. Carsten Watzl, Generalsekretär der DGfI, erklärt im RND-Interview, warum der Astrazeneca-Impfstoff kein Impfstoff zweiter Klasse ist.

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Herr Prof. Watzl, Sie sagen, die Unbeliebtheit des Astrazeneca-Impfstoffes beruht nicht auf einem wissenschaftlichen Problem, sondern auf einem Imageproblem. Wie kommen Sie zu dieser Einschätzung?

Aus wissenschaftlicher Sicht muss man ganz klar sagen: Sowohl der Astrazeneca-Impfstoff als auch die mRNA-Impfstoffe von Biontech/Pfizer und Moderna sind sicher. Hinsichtlich der Effektivität unterscheiden sich die drei Vakzine allerdings. Die Wirksamkeit der Impfstoffe von Biontech/Pfizer und Moderna beträgt mehr als 90 Prozent, die des Astrazeneca-Vakzins rund 70 Prozent. Jetzt fragen sich viele Leute: „70 Prozent ist deutlich weniger als 90 Prozent – warum soll ich ausgerechnet den schlechteren Impfstoff nehmen?“

Prof. Carsten Watzl ist Immunologe am Leibniz-Institut für Arbeitsforschung der Technischen Universität Dortmund und Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Immunologie. © Quelle: Privat

Was antworten Sie?

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In einer idealen Welt, wo wir genügend Impfstoff hätten und sich jeder den Impfstoff aussuchen könnte, würden die Leute nur das beste und effizienteste Vakzin erhalten. Aber zurzeit ist die Frage doch eher: Nehme ich heute Astrazeneca oder warte ich einige Monate auf einen mRNA-Impfstoff? Für mich ist die Antwort auf diese Frage ganz klar: Der Immunschutz, den ich durch das Astrazeneca-Vakzin erhalte, ist viel besser als die Vorstellung, noch Monate ohne Immunschutz herumzulaufen. Die Prozentangaben zur Effektivität der Impfstoffe verstehen einige Leute falsch.

Was sagen denn 70 beziehungsweise 90 Prozent genau aus?

Viele denken, wenn von einer Effektivität von 70 Prozent die Rede ist, heißt das, dass der Impfstoff bei 70 Prozent der Geimpften wirkt und bei 30 Prozent nicht. Das ist aber falsch. Wir wissen, dass die Vakzine bei nahezu jedem Geimpften eine Immunreaktion auslösen. Das heißt, jeder Geimpfte ist geschützt. Die Prozentangaben zur Effektivität beschreiben letztlich, dass das Risiko, an Covid-19 zu erkranken, nach der Impfung um 70 Prozent beziehungsweise 90 Prozent reduziert ist. Wenn sich ein 20-Jähriger, der ohnehin ein geringes Risiko für einen schweren Krankheitsverlauf hat, impfen lässt, ist dieses geringe Risiko noch mal um 70 Prozent reduziert. Dann macht es kaum noch einen Unterschied, ob das geringe Risiko um 70 oder 90 Prozent minimiert wird.

Nicht nur die Angaben zur Effektivität verunsichern die Menschen, sondern auch die aufgetretenen Impfreaktionen.

Wobei diese auch bei den mRNA-Impfstoffen auftreten können – allerdings eher nach der zweiten Impfdosis. Beim Vektorvakzin von Astrazeneca entwickeln die Geimpften meist schon nach der ersten Impfung vermehrt Symptome wie Schmerzen an der Einstichstelle, Abgeschlagenheit oder Kopfschmerzen. Aber diese Impfreaktionen sind nicht ungewöhnlich, sondern verdeutlichen, dass der Impfstoff genau das tut, was er soll, nämlich eine Immunreaktion auslösen. Bei den Jüngeren, die derzeit das Astrazeneca-Vakzin erhalten, fallen die Reaktionen meist etwas stärker aus. Aber es handelt sich dabei nicht um dauerhafte Schäden. Nach ein bis zwei Tagen sind die Beschwerden wieder weg.

Das heißt, alle drei Impfstoffe sind sicher und wirksam – und können die gleichen Impfreaktionen hervorrufen. Welche Erklärung gibt es dann, dass Astrazeneca in den Fokus der Kritik gerückt ist?

Es scheint leider so, dass die Berichterstattung über Astrazeneca von den Menschen mehr rezipiert und verbreitet wird. Es gab leider auch einige unglückliche Meldungen über den Impfstoff, die dazu geführt haben, dass die Leute denken, dass es ein Vakzin zweiter Klasse ist. Das ist aber definitiv nicht so.

Ein rein von Medien gemachtes Problem?

Teilweise schon, wobei die Wissenschaft nicht ganz unschuldig ist. Die Empfehlung der Ständigen Impfkommission, den Astrazeneca-Impfstoff nur für Personen unter 65 Jahren freizugeben, hat für viele Verunsicherungen gesorgt. Bei den Leuten entstand der Eindruck, dass das Vakzin bei Älteren nicht wirksam ist oder einen Makel aufweist.

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Corona-Lagebericht vom 9. März: 4252 Neuinfektionen in 24 Stunden
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Das Coronavirus breitet sich in Deutschland weiter aus. Binnen 24 Stunden wurden nun vom RKI 4252 Neuinfektionen gemeldet.  © dpa

Die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) hatte den Astrazeneca-Impfstoff für alle Personen ab 18 Jahren freigegeben. War Deutschland einfach zu übervorsichtig?

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Die EMA hat gesagt: Wir wissen, dass die Datenlage zur Wirksamkeit bei älteren Menschen dünn ist, aber wir sehen aus den beiden ersten klinischen Studien, dass auch die Über-65-Jährigen eine gute Immunreaktion auf die Impfung gezeigt haben, die nicht signifikant schlechter war als die der Jüngeren. Deshalb nehmen wir an, dass das Vakzin bei den Über-65-Jährigen genauso effizient sein wird. Ich fand die Empfehlung der Ständigen Impfkommission zur damaligen Zeit gut. Denn sie hat gezeigt, dass Wissenschaftler und unabhängige Experten auf die Daten schauen und nur das empfehlen, was wissenschaftlich belegbar ist, und wenn es Unsicherheit gäbe, würden sie das sagen. Im Endeffekt hat die Empfehlung aber das Gegenteil bewirkt. Die Übervorsichtigkeit hat nicht dazu geführt, dass die Leute sagen, es wird nur mit soliden, wissenschaftlich fundierten Aussagen argumentiert. Stattdessen haben sie den Astrazeneca-Impfstoff zu einem Impfstoff zweiter Klasse erklärt.

Um für den Astrazeneca-Impfstoff zu werben, hatten Sie vorgeschlagen, dass sich Bundeskanzlerin Angela Merkel damit live im Fernsehen impfen lassen sollte. Halten Sie nach wie vor an diesem Vorschlag fest?

Ich würde es immer noch eine gute Idee finden. Ich als Wissenschaftler kann wenig an dem Imageproblem des Impfstoffes ändern, außer allen Menschen zu erklären, dass es ein gutes und wirksames Vakzin ist. Mein Vorschlag zielte darauf ab, dass es ein bisschen mehr Signalwirkung hätte, wenn sich eine prominente Person mit diesem Impfstoff impfen lassen würde. Ich persönlich würde mich lieber heute als morgen mit dem Astrazeneca-Vakzin impfen lassen, aber bei mir schert sich keiner darum, wenn ich das mache (lacht).

Glauben Sie denn wirklich, dass die Signalwirkung so groß wäre?

Ich weiß es nicht. Aber in anderen Ländern ist das gang und gäbe, zum Beispiel in Israel. Vielleicht ist es jetzt aber auch schon ein bisschen zu spät dafür.

SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach wollte sich öffentlich mit dem Astrazeneca-Impfstoff impfen lassen. Wegen angekündigter Proteste musste er seinen Plan schließlich verwerfen.

Was ich grausam finde. Das zeigt, wie sich diese Debatte entwickelt hat. Aber natürlich kann eine Fernsehimpfung von Frau Merkel auch nach hinten losgehen.

Die Bundeskanzlerin und die Ministerpräsidenten der Länder haben beim letzten Corona-Gipfel beschlossen, dass die Abstände zwischen der Erst- und Zweitimpfung maximal ausgenutzt werden sollen, damit mehr Menschen schneller erstgeimpft werden können. Ist das sinnvoll?

Das haben wir von der Deutschen Gesellschaft für Immunologie schon länger gefordert. Bei den mRNA-Impfstoffen ist es bisher immer so gelaufen, dass nur die Hälfte aller Impfdosen verwendet wurde, weil die zweite Hälfte für die zweite Impfung zurückgehalten wurde. Jetzt ist es so, dass man sich nicht sklavisch an diese 21 beziehungsweise 28 Tage halten muss. Die EMA hatte die Zeitspanne auf 42 Tage ausgedehnt – und das würde ich immer noch befürworten. Auch vor dem Hintergrund, dass wir mittlerweile wissen, dass schon die erste Impfdosis einen sehr guten Impfschutz bietet. Bei Astrazeneca ist es so, dass durch den längeren Abstand die Effektivität sogar noch gesteigert wird. Wenn zwischen der Erst- und Zweitimpfung zwölf Wochen vergehen, weist der Impfstoff eine Wirksamkeit von 80 Prozent auf.

Rund 6 Prozent der Menschen in Deutschland haben bisher eine Erstimpfung erhalten, 3 Prozent eine Zweitimpfung. Andere europäische Länder sind bei den Impfungen schon deutlich weiter. Ist unser Vorgehen bei der Priorisierung immer noch gerechtfertigt?

Prinzipiell bin ich ein großer Befürworter der Priorisierung, weil wir uns vorgenommen haben, viele Menschenleben und verlorene Lebensjahre zu retten. Das gelingt uns, wenn wir uns genau an diese Reihenfolge halten. Bei Astrazeneca und der Altersbegrenzung hat sich das Problem ergeben, dass plötzlich in der ersten Priorisierungsgruppe kaum noch Menschen waren, die mit dem Vakzin geimpft werden konnten. Und dann lief es wirklich holprig. Leider hat dieses frühe Umschalten auf die zweite Priorisierungsgruppe nicht geklappt. Hinzu kam, dass die Plattformen, wo sich die Leute registrieren können, um einen Impftermin zu erhalten, nicht darauf vorbereitet waren. Deshalb ist es zu diesem Impfstau gekommen. Dass jetzt Millionen Dosen von Astrazeneca herumliegen, ist nur zum Teil dem geschuldet, dass einige Leute ihren Impftermin abgesagt haben. Grund dafür sind auch logistische Probleme, an denen jetzt gearbeitet wird. Wir sollten an diesen Impfgruppen festhalten, aber so flexibel wie möglich agieren.

Aber denken Sie nicht, dass die Priorisierung das Impftempo ausbremst?

Im Moment schon. Aber zurzeit verwalten wir noch den Mangel an Impfdosen. Spätestens im zweiten Quartal, erhalten wir so viele Impfdosen, dass wir schlimmstenfalls mehr Dosen haben, als wir logistisch verimpfen können. Darauf muss man sich jetzt vorbereiten. Deshalb finde ich es sehr sinnvoll, dass wir die Hausärzte Ende März/Anfang April miteinbeziehen. Wir brauchen sie relativ schnell. Es wäre eine Schande, wenn wir das Impftempo nicht schaffen würden, nur, weil wir die Impfstoffe nicht in die Arme bekommen.

Warum war es nicht schon eher möglich, die Hausärzte miteinzubeziehen?

Weil wir zu wenige Impfdosen hatten. Diese Millionen herumliegender Impfdosen von Astrazeneca werden wir schnell abarbeiten und dann muss man gucken, dass die Logistik weiter funktioniert. Im Moment arbeiten einige von den Impfzentren immer noch nicht unter Volllast. Da haben wir also noch ein bisschen Luft nach oben. Aber auch die Betriebsärzte müssen mithelfen – vielleicht sogar die Bundeswehr.

Am 11. März will die EMA über den Impfstoff von Johnson & Johnson beraten. Welches Potenzial hat dieses Vakzin?

Der Impfstoff von Johnson & Johnson weist eine Effektivität von 66 Prozent auf. Es handelt sich ebenfalls um einen Vektorimpfstoff, der jedoch den Vorteil besitzt, dass nur eine Dosis verabreicht werden muss. Das heißt, schon nach einer Impfung bietet er einen guten Immunschutz. Es läuft aktuell noch eine Studie, die untersucht, was passiert, wenn zwei Dosen verabreicht werden wie bei den anderen zugelassenen Impfstoffen. Von dem Impfstoff erhalten wir im zweiten Quartal zehn Millionen Dosen – das heißt, wir können zehn Millionen Menschen direkt schützen.

Wenn diese sich mit dem Impfstoff impfen lassen wollen und nicht wegen der 66-prozentigen Wirksamkeit davor zurückschrecken.

Ich kann es nur noch einmal wiederholen: Obwohl er nur eine Effektivität von 66 Prozent aufweist, ist es ein sehr guter Impfstoff. Natürlich gibt es andere, die besser sind. Aber jetzt in der Situation, wenn man die Wahlmöglichkeit hat, sich jetzt impfen zu lassen oder im Herbst, dann ist jeder von den zugelassenen Corona-Impfstoffen – auch der von Johnson & Johnson – besser als keine Impfung. Und alle in Europa erhältlichen Vakzine können gleichermaßen schwere Covid-19-Krankheitsverläufe nahezu komplett verhindern.

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